Sue Gray: Lockdown-Partys in der Downing Street: Diese Frau entscheidet über Boris Johnsons Zukunft
Die britische Staatssekretärin will die Fakten zu den Lockdown-Partys in der Downing Street darlegen.
Foto: APLondon. Die Frau, die das Schicksal von Boris Johnson in den Händen hält, hat in Großbritannien eine gewisse Berühmtheit erlangt. „Wir warten auf Sue Gray“ ist fast schon zu einem geflügelten Wort geworden, so häufig hat die Regierung die fragenden Journalisten mit diesem Satz vertröstet.
Die beamtete Staatssekretärin untersucht rund ein Dutzend Partys in der Regierung, die während der Corona-Lockdowns im Mai und Winter 2020 sowie im April 2021 stattgefunden haben.
Diese Woche legt sie ihren Bericht vor. Je nachdem, wie kritisch er ausfällt, könnte er das Ende von Premier Johnson einläuten.
Gray hat mit Partyteilnehmern gesprochen sowie E-Mails und WhatsApp-Nachrichten ausgewertet. Es geht darum, was passiert ist – und ob gegen Coronaregeln und den Ministerkodex verstoßen wurde.
Während die Briten sich maximal zu zweit im Freien treffen durften, gab es in der Downing Street offenbar regelmäßig Massenveranstaltungen mit Alkohol und Musik.
Johnson soll auch zu Hause Gäste empfangen haben
Grays Kronzeuge ist Dominic Cummings. Der ehemalige Chefberater Johnsons war Ende 2020 im Streit aus der Regierung ausgeschieden und führt seitdem einen Rachefeldzug gegen den Premier. In den vergangenen Wochen hat er den Partygate-Skandal durch immer neue Enthüllungen am Laufen gehalten. Der neueste Vorwurf kam am Sonntag in der „Sunday Times“: Johnson und seine Frau Carrie sollen auch in ihrer Dienstwohnung Freunde empfangen haben.
Für den skandalerprobten Johnson könnte es dieses Mal eng werden. Ihm wird nicht nur vorgeworfen, selbst beim Feiern dabei gewesen zu sein. Er soll später auch gelogen und das Parlament in die Irre geführt haben. Konservative Abgeordnete wollen nach der Veröffentlichung des Gray-Berichts entscheiden, ob sie ein Misstrauensvotum gegen Johnson anstrengen.
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Gray kann eigentlich nur verlieren. Fällt der Bericht nicht kritisch genug aus, droht der Vorwurf, sie wolle ihren Chef Johnson reinwaschen. Geht sie hingegen so hart mit ihm ins Gericht, dass er darüber stürzt, müsste sie sich wohl anhören, ihre Kompetenzen überschritten zu haben.
„Sie dürfte sich sehr bewusst sein, dass sie den Ruf und die Karrieren von hohen Beamten und möglicherweise des Premierministers in den Händen hat“, sagte der ehemalige Staatssekretär David Normington der BBC. „Das ist eine sehr schwierige Position, egal, wie fair und furchtlos und streng jemand ist.“
Gray hat den Ruf, selbstbewusst und unbestechlich zu sein. Seit dem vergangenen Jahr ist sie zurück im Cabinet Office, nachdem sie ein paar Jahre in Belfast gewesen ist. Dort hatte sie den Beamtenapparat im Finanzministerium der nordirischen Regionalregierung geleitet.
Ihr Ansehen hatte sie sich als langjährige Ethikbeauftragte unter den Premierministern David Cameron und Theresa May erworben. In dieser Rolle galt sie als mächtigste Frau hinter den Kulissen. Sie war die letzte Instanz, wenn es darum ging, die Regeln für Minister auszulegen und Regelverstöße zu ahnden. Unter anderem untersuchte sie 2017 die Vorwürfe gegen den damaligen Vizepremier Damian Green. Er hatte über Pornos auf seinem Dienstcomputer gelogen und musste zurücktreten.
Loyale Beamtin mit viel Insiderwissen
Vor Kabinettsumbildungen war es Grays Aufgabe, die Vergangenheit jedes neuen Ministers und Staatssekretärs zu durchleuchten. Dieses Insiderwissen verleiht ihr viel Macht. „Wenn eine einzige Person im öffentlichen Dienst ihre Memoiren schreiben würde, dann wären die von Sue Gray am wertvollsten und sensationellsten“, sagte ihr ehemaliger Chef Gus O´Donnell einmal der BBC. „Ich bin sehr sicher, dass diese Memoiren nie geschrieben werden. Ihre Geheimnisse nimmt sie mit ins Grab.“
Auf diese Loyalität zum Staat dürfte Johnson hoffen. Gray war gleich nach der Schule in den 1970er-Jahren in den öffentlichen Dienst eingetreten. In den 1980ern nahm sie eine Auszeit von der Beamtenlaufbahn und führte zusammen mit ihrem Mann, dem irischen Countrysänger Bill Conlon, ein Pub im nordirischen Newry. Danach arbeitete sie sich in verschiedenen Ministerien hoch, bis sie Ende der Neunziger im Cabinet Office landete, dem Herzen der Regierung.
Laut britischen Medien wird Gray nur die Fakten darlegen und auf persönliche Schuldzuweisungen verzichten. Doch selbst wenn der Bericht Johnson entlasten sollte, wäre der Skandal für ihn wohl noch nicht ausgestanden. Denn die Öffentlichkeit hat ihr Urteil bereits gefällt, viele Briten sind wütend über die Doppelmoral ihres Regierungschefs. Eine Mehrheit fordert seinen Rücktritt.
Hinzu kommen nun schwere Vorwürfe im Umgang mit Abgeordneten. Johnsons Fraktionsführung werden Erpressung und Diskriminierung vorgeworfen. Mehrere Abgeordnete behaupten, ihnen sei mit Mittelentzug für ihre Wahlkreise gedroht worden, wenn sie nicht im Sinne der Regierung abstimmten. Die ehemalige Staatssekretärin Nusrat Ghani behauptet, sie sei entlassen worden, weil sie Muslimin sei. Das heizt den Unmut in der Fraktion an und macht ein Misstrauensvotum gegen Johnson wahrscheinlicher. „Im Moment sieht es nach Schachmatt aus“, sagte der Abgeordnete Steve Baker. „Wir werden sehen, ob er sich retten kann.“