Terror von Paris: Weltkrieg III.
„Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation.“
Foto: dpaIn unseren Albträumen hatten wir uns den nächsten Weltkrieg als Atomkrieg vorgestellt, geführt mit Interkontinentalraketen. Doch die Wirklichkeit hält sich nicht an unsere Albträume.
Die neuen Weltkrieger tragen keine Uniform, sondern Jeans. Sie zünden keine Atomsprengköpfe, sondern den Bombengürtel an ihrem Hosenbund. Sie vernichten keine Landstriche, sondern vor allem unser Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit.
Es geht nach dem Massaker von Paris nicht mehr um Einzeltäter. Wer Terroranschlag sagt, will verharmlosen. Die Situation ist fataler und größer, als es die Betroffenheitsadressen der Regierungschefs vermuten lassen. Wir sind nicht nur Opfer eines Terroranschlags, wir sind auch Kriegspartei. Jene Dynamik, die mit 9/11 begann und sich mit den Einmärschen in Bagdad und Kabul fortsetzte, hat sich weiter beschleunigt und brutalisiert.
Der Autor ist der Herausgeber des Handelsblatts.
Foto: Handelsblatt„Die Schlacht muss zum Feind getragen werden“, hat der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney nach dem Anschlag auf das World Trade Center gerufen. Der Westen tat es, die Gegenseite auch: Die radikalislamische Schlacht wird zum westlichen Feind getragen. Die Gotteskrieger des Islamischen Staats, die Aktivisten von al-Qaida und Hisbollah haben die Straßen von Bagdad, Tripolis, Kabul, Damaskus und damit ihr Heimatterritorium verlassen.
„Die Freiheit wird am Hindukusch verteidigt“, lautete die Parole eines deutschen Verteidigungsministers. Und erneut folgten beide Seiten derselben Logik: Nun wird auch ein radikaler Islam in Paris, London und anderswo verteidigt. Unversöhnlich stehen sich zwei Kulturkreise gegenüber. Wir wollen nicht zu Mohammed beten – und sie nicht zu Obama. Wir stürmen ihre Bergdörfer, sie unsere Konzerthallen. Wir rufen Freiheit, sie Allah. So wird seit Jahren gehasst und zurückgehasst. Und das Einzige, was wir mittlerweile noch gemeinsam haben, ist das vorsätzliche Nicht‧verstehen des anderen.
Die Verfolgten von heute waren vielfach die Kämpfer von gestern
Die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen aus den Kampfzonen der islamischen Staaten bedeutet für unser Land vor diesem Hintergrund nicht nur einen Akt der Humanität, sondern auch die Eröffnung eines neuen, innerwestlichen Frontabschnitts. Die Verfolgten von heute waren vielfach die Kämpfer von gestern. Die Vorstellung, dass Sunniten, Schiiten und Salafisten in Hamburg besser miteinander klarkommen als in Damaskus, ist weltfremd. Wir sollten uns freuen, wenn es so kommt. Aber verantwortungsbewusste Politik hat vom Gegenteil auszugehen.
Ohnehin muss unser Blick auf die Welt den neuen Gegebenheiten erst noch angepasst werden. Im Zuge des Weltkriegs neuen Typs kam es zu einer nie da gewesenen Entwertung der westlichen Kriegsmaschinerie. Da verfügen die USA über eine weltweit einmalige Kollektion an Transport- und Tötungsgerät, und nahezu nichts davon hilft in diesem Konflikt. Ihre 7.260 Atomsprengköpfe funktionieren nicht mal mehr als Drohpotenzial.
Die Attentäter sind für ihre menschenverachtenden Taten verantwortlich und müssen dafür mit der Härte des Rechtsstaats zur Rechenschaft gezogen werden. Aber für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trägt der Westen eine Mitschuld.
Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet hat, bringt es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800.000 Tote. Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime und keine Terroristen. „Diejenigen, die Saddam in 2003 beseitigt haben, tragen auch Verantwortung für die Situation in 2015“, sagt mittlerweile selbst Tony Blair, einst der willige Krieger an der Seite der USA.
Der Wissenschaftler Samuel Huntington hatte es ihm und den anderen westlichen Führern schon vor 9/11 gesagt, dass es niemals gelingen werde, eine Gesellschaft von einem Kulturkreis in einen anderen zu verschieben. Amerikaner und Briten versuchten mit ihrem „Regime-Change“ genau das. Sie wollten sich erkennbar nicht damit abfinden, dass unsere westliche Kultur einzigartig, aber eben nicht universell ist.
Die Bedeutung von Ordnung ist das weithin unverstandene Phänomen der westlichen Außenpolitik, weshalb sie seit längerem schon Unordnung produziert. Womöglich gehört nicht der Ruf nach Freiheit, sondern das Streben nach Ordnung zur neuen Priorität. Es gibt keine Freiheit, die unter der Obhut marodierender Banden in zerfallener Staatlichkeit gedeihen könnte.
Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation
„Wir werden schonungslos sein“, versicherte ein versteinerter französischer Präsident am Sonntag seinen geschockten Landsleuten. Die „FAZ“ wünscht sich jetzt auch an der Spitze der deutschen Regierung „ein hartes Gesicht“. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner fordert eine „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“. Die Deutschen müssten „mehr Verantwortung“ übernehmen, sagt unser Bundespräsident schon seit längerem. Und meint damit eine höhere Präsenz der Bundeswehr in den Kriegsgebieten.
Doch die Doktrin von Härte und Gnadenlosigkeit beendet den Terror nicht, sondern facht ihn weiter an. Das autoritäre Zwei-Punkte-Programm, das nur noch zwischen Strafe und Todesstrafe unterscheidet, führt nicht zum Frieden. Die Zahl der Krisenherde und die Zahl der Toten werden nicht abnehmen, sondern wachsen. So schafft man keine stabile Welt, so züchtet man Selbstmordattentäter.
Die bürgerliche Mitte unseres Landes sollte sich nicht radikalisieren, sondern sich ihrer vornehmsten Tugenden erinnern: Besonnenheit und Friedfertigkeit. Mehr Verantwortung übernehmen, das kann nach den Anschlägen von Paris nur mehr Nachdenklichkeit bedeuten. Militärs und Geheimdienste müssen ihre Arbeit tun. Aber die Politik und die Gesellschaft ihre auch.
Die einzelnen Terroristen sind für Obama, Merkel, Hollande nicht erreichbar, ihre Hintermänner, Financiers und Verbündeten sind es sehr wohl. Die Schlüsselwörter der kommenden Monate dürfen dann aber nicht Kampf oder Kapitulation lauten, sondern Ordnung, Respekt und Moderation. Es gibt Alternativen zur militärischen Eskalation.
Deutschland braucht jetzt kein hartes Gesicht an der Spitze, sondern einen kühlen Kopf.