Ukraine: Drei Jahre russischer Angriffskrieg – Putins Spur der Gewalt
Genf. An diesem Nachmittag eilen viele Menschen durch die Stadt im Süden der Ukraine. Gegen 16 Uhr schlagen russische Luftbomben ein, die Explosivwaffen reißen dreizehn Zivilisten in den Tod und verletzen etliche weitere Personen. Aufnahmen zeigen ein Hochhaus in Flammen, brennende Fahrzeuge und verwundete Körper auf dem Asphalt.
Der Militärschlag am 8. Januar 2025 in der Stadt Saporischschja gilt als eine der blutigsten Einzelattacken gegen Zivilisten in Russlands Angriffskrieg gegen das viel kleinere Nachbarland Ukraine. „Es war völlig vorhersehbar, dass der Einsatz solcher Waffen in einer Stadt während des Tages zu erheblichen Opfern unter der Zivilbevölkerung führen würde“, prangert Danielle Bell das mutmaßliche Kriegsverbrechen an. Sie leitet die Mission der Vereinten Nationen (UN) zur Beobachtung der Menschenrechte in der Ukraine.
Saporischschja erlebte nur eine der vielen Tragödien, die Russlands Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug über Millionen Ukrainer bringt. Am Montag jährt sich der Beginn der Großinvasion russischer Truppen zum dritten Mal: Präsident Wladimir Putin hatte den verhängnisvollen Befehl gegeben, am 24. Februar 2022 einzumarschieren.
Seitdem herrschen in der Ukraine Zerstörung, Folter, Gewalt, Vertreibung, Hinrichtungen und Tod. Es ist der blutigste Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. „Der dritte Jahrestag des umfassenden Krieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine ist ein düsterer Meilenstein“, resümiert Matthias Schmale, der UN-Koordinator für Nothilfe in der Ukraine.
Das Elend in den Frontgebieten
Schmale betont, dass sich besonders in den Frontgebieten das Elend der Bevölkerung ständig weiter verschlimmert. Insgesamt sind nahezu 13 Millionen Menschen auf die Lieferung von Lebensmitteln, Medizin und anderer humanitärer Hilfe angewiesen.
Das Rote Kreuz befürchtet, dass viele Bedürftige auch lange nach einem Schweigen der Waffen versorgt werden müssen. „Unabhängig davon, ob es eine Einigung über ein Ende der Gewalt gibt oder nicht, wird der humanitäre Bedarf in der Ukraine immens bleiben“, warnt Birgitte Bischoff Ebbesen, Europa-Direktorin der Rot-Kreuz-Föderation, des Dachverbands der nationalen Hilfsorganisationen Rotes Kreuz und Roter Halbmond.
Doch noch toben die Kämpfe. Indes hat die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft eine bedrückende Zwischenbilanz aufgemacht: Die Anklagebehörde beschuldigt die Putin-Truppen, von Februar 2022 bis Anfang 2025 in mehr als 150.000 Fällen die Genfer Konventionen verletzt zu haben.
Bei etlichen dieser Taten dürfte es sich um Kriegsverbrechen handeln. Aber längst nicht alle Gräuel sind erfasst. Schon nach einem Jahr Krieg hatte Erik Møse, der Chef einer Ukraine-Untersuchungskommission der UN, resigniert festgestellt: „Das Ausmaß der Kriegsverbrechen in der Ukraine ist unüberschaubar.“
Tod in den Trümmern
Zu den Kriegsverbrechen gehört die Gewalt gegen Zivilisten. In den drei Jahren seit dem Einmarsch dokumentierten UN-Ermittler nahezu 12.700 Getötete und mehr als 29.000 Verletzte: Kinder, Frauen und Männer. „Die tatsächliche Zahl der zivilen Opfer liegt jedoch weitaus höher“, betonen die Ermittler. So bleibt etwa ungewiss, wie viele Ukrainer durch die Russen exekutiert wurden.
Auch sind etliche Menschen qualvoll in den Trümmern ihrer Häuser gestorben: Rund zwei Millionen Wohneinheiten sind bislang im Zuge der Putin-Aggression beschädigt oder zerstört worden. Das Gleiche trifft auf knapp 2500 Schulen und medizinische Einrichtungen zu.
Noch in dieser Woche haben die Invasoren das größte Kinderkrankenhaus in der Region Odessa beschossen. Ebenso halten etliche Installationen der zivilen Energieinfrastruktur den Attacken nicht stand – ständige Ausfälle von Strom und Heizung sind die Folge.
Wie der Geschosshagel die Menschen quält, schildert Rot-Kreuz-Direktorin Bischoff Ebbesen. Sie begab sich zu traumatisierten Einwohnern in Sumy, das an der russischen Grenze liegt: „Luftangriffe gehören zum Alltag, und die Bombardierungen sind Tag und Nacht unerbittlich.“
Bis zu elf Millionen vertriebene Ukrainer
Das Inferno und die anrückenden Russen zwangen den Schätzungen der UN zufolge bis zu elf Millionen Ukrainer in die Flucht – fast ein Viertel der Vorkriegsbevölkerung. Viele von ihnen fristen nun ein Dasein als Vertriebene innerhalb der Ukraine.
„Wir haben alles verloren“, sagt Lidia (Name geändert). Sie und ihre Mutter, über 80 Jahre alt und fast blind, stammen aus dem Osten der Ukraine. Sie flüchteten im Mai 2022 in den Westen des Landes. Seitdem hausen sie mit anderen Schicksalsgenossen in einer früheren Schule in Mykolajyw, einer Provinzstadt nahe der Metropole Lwiw. „Wir wissen nicht, ob wir jemals zurück in die alte Heimat gehen können“, erzählt Lidia.
Schwere Schläge und Elektroschocks
Ukrainische Zivilisten, die sich nicht vor den Russen in Sicherheit bringen konnten, bezahlen einen hohen Preis. „Von Anfang an hat Russland eine Schreckensherrschaft über die eroberten Städte und Dörfer ausgeübt“, erläutert die ukrainische Menschenrechtsaktivistin Nataliya Gumenjuk auch mit Blick auf das berüchtigte Massaker in dem Ort Butscha. Kurz nach der Invasion richteten Putins Soldaten dort ein Blutbad an.
Noch immer gilt in den von den Russen besetzten Gebieten: Wer sich der Russifizierung verwehrt oder nur den Verdacht der Unbotmäßigkeit erzeugt, findet sich schnell in einem Gefangenenlager wieder. Dort drohen sexuelle Gewalt, Folter und auch der Tod.
Die UN-Ermittler um Erik Møse dokumentierten einen ganzen Katalog barbarischer Methoden der Putin-Schergen: „Schwere und wiederholte Schläge, Elektroschocks mit Drähten, die an verschiedenen Körperteilen der Gefangenen angebracht wurden, manchmal in Kombination mit Wasser, um die Wirkung des Stroms zu verstärken, Verbrennungen und Erstickung.“
In einem Gutachten für die UN-Vollversammlung kommen die Ermittler zu dem Schluss, „dass die russischen Behörden Folter als koordinierte staatliche Politik einsetzten und damit Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben“. Besonders bitter für die Opfer und ihre Familien: Die meisten Peiniger und ihre Auftraggeber dürften wohl straffrei ausgehen – allen voran Putin.