Ukraine-Krieg: Putin bombardiert Donauhäfen und provoziert die Nato
Putin will ein neues Getreideabkommen – allerdings zu seinen Bedingungen.
Foto: via REUTERSWien. Der Ukrainekrieg kommt den Nato-Staaten immer näher: Die Attacken auf die ukrainische Infrastruktur im Donaudelta nehmen zu, teilweise gehen die Sprengsätze nur 200 Meter von der rumänischen Nato-Grenze entfernt nieder.
Im Brüsseler Hauptquartier des transatlantischen Verteidigungsbündnisses dürfte man die militärischen Operationen an der Grenze zum Nato-Territorium genau beobachten, doch bisher verhält sich die Allianz erstaunlich zurückhaltend. Anders das Nato-Mitglied Rumänien, das die Attacke auf Ismail scharf verurteilte: Rumäniens Präsident Klaus Johannis sprach von einer „völlig inakzeptablen Aktion“ und warf Russland vor, Kriegsverbrechen zu verüben.
Was bezweckt Russlands Präsident Wladimir Putin mit seinen riskanten Aktionen? „Putin möchte zeigen, dass es ihm egal ist, wie nah seine Angriffe am Nato-Gebiet sind“, sagte der Politologe und Russland-Experte Armand Gosu der Deutschen Welle. „Mehr noch: Putins Ziel ist es, die Nato in ihrer Unentschlossenheit vorzuführen.“
Ukrainische Agrarmanager sind aber auch überzeugt, dass der Kremlherrscher eine Neuauflage des sogenannten Getreideabkommens erzwingen will – allerdings zu seinen Bedingungen. „Russlands Bauern sind in finanziellen Schwierigkeiten“, sagt der Chef des ukrainischen Agrarunternehmens IMC, Alex Lissitsa.
Russland ist aktuell der weltgrößte Exporteur von Weizen und war dank einer guten Ernte in der Lage, 50 Millionen Tonnen Weizen auszuführen. Allerdings hapert es bei der Logistik.
Getreideabkommen verliert für die Ukraine an Bedeutung
Der Transport in die ausländischen Märkte kommt nur schleppend voran. Das drückt die Preise im Inland und setzt die russischen Landwirte wirtschaftlich unter Druck.
Diese sind deshalb auf Erleichterungen im Exportgeschäft angewiesen. Laut Putins Vorstellungen soll die staatliche Landwirtschaftsbank wieder an das Finanznachrichtensystem Swift angeschlossen werden und die Ammoniak-Pipeline von Russland in das ukrainische Odessa wieder in Betrieb gehen. Den russischen Bauern fehlen zudem Ersatzteile für Maschinen, auch hier wünscht Russland sich Zugeständnisse im Rahmen des Getreideabkommens.
„Mit den Attacken auf die Donauhäfen übt Russland Druck auf den Westen und die Ukraine aus“, sagt Lissitsa. Sie sollen einem Getreideabkommen zu Putins Konditionen zustimmen.
Mit gezielten Angriffen auf die ukrainischen Donauhäfen versucht Putin, seine Ziele durchzubringen.
Foto: IMAGO/UkrinformDieses war im Juli 2022 unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei geschlossen worden. Das Abkommen ermöglichte es der Ukraine, über das Schwarze Meer Getreide zu exportieren. Zuvor war die Route monatelang blockiert. Mitte Juli verkündete Russland, dass es das Getreideabkommen nicht verlängern wolle.
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Der sogenannte Getreidekorridor hatte bereits in den Monaten vorher für das ukrainische Exportgeschäft an Bedeutung eingebüßt. Im Landwirtschaftsjahr 2022/23, das im Juni endet, hatte die Ukraine noch 49 Millionen Tonnen Getreide ausgeführt.
„Das war das dritthöchste je erzielte Exportvolumen“, sagt Olexi Blinow, Chefökonom der ukrainischen Sense Bank. Ohne das Getreideabkommen hätte diese Menge nicht zügig aus dem Land geschafft werden können.
Im laufenden Wirtschaftsjahr wird die Ukraine laut Schätzungen allerdings nur noch 32 bis 37 Millionen Tonnen Getreide exportieren. Für diese Menge reichten die Kapazitäten der Donauhäfen und die Landwege über Zentraleuropa aus, schreibt der Marktanalytiker Andrei Sisow.
Verlust der Donauhäfen würde ukrainische Exportwirtschaft erheblich treffen
Falls aber auch die Donauhäfen infolge der russischen Attacken nicht mehr genutzt werden könnten, wäre das für die ukrainische Landwirtschaft ein weiterer Rückschlag.
Bereits jetzt füllt vor allem Mais die Silos. „Dieser muss aus dem Land, egal zu welchem Preis“, sagt Agrarunternehmer Lissitsa. Die Unternehmen benötigen den Platz für die kommenden Ernten.
Als Ausfuhrtor hatten die ukrainischen Häfen an der Donau vor dem Krieg keine Bedeutung, denn sie sind von den großen Anbaugebieten weit entfernt. Die Häfen am Schwarzen Meer boten die effizienteste und günstigste Möglichkeit, um Getreide ins Ausland zu verschiffen. Deshalb nutzten nur regionale Hersteller noch die Donauhäfen.
Der Transportweg über das Schwarze Meer bot für die Ukraine lange die effizienteste und günstigste Möglichkeit, Getreide ins Ausland zu verschiffen.
Foto: dpaMit dem Großangriff Russlands auf den Nachbarstaat im Februar 2022 gewann die Donau als Transportweg wieder an Bedeutung. Laut Aussagen des ukrainischen Agrarministeriums liefen im Juni rund 40 Prozent der Getreideausfuhren über die Donauhäfen. Bereits im Frühsommer war die Donau wichtiger als die Häfen am Schwarzen Meer.
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Falls Russland die Exporte über die Donau verhindert, würde die ukrainische Exportwirtschaft noch mehr leiden. Die Ausfuhren von Industriegütern und Metallen sind infolge des Kriegs stark rückläufig, die Agrarerzeugnisse wurden so erst recht zu einer Stütze des ukrainischen Exportgeschäfts. Über 60 Prozent der Einnahmen, die die Ukraine mit Waren erzielt, stammen aus der Landwirtschaft.
Ökonomen waren jüngst erstaunt über die Widerstandskraft der ukrainischen Wirtschaft. So ging die Inflation im Juni auf 12,8 Prozent zurück. Die Notenbank nahm das Ende Juli zum Anlass, den Leitzins von 25 auf 22 Prozent zu senken.
Abhängigkeit der Ukraine von Finanzhilfen ist groß
Im vergangenen Jahr war die Wirtschaftsleistung (BIP) des Landes infolge des Kriegs um 30 Prozent geschrumpft, für das laufende Jahr gingen Ökonomen dagegen von einer Stagnation oder gar einem kleinen Wachstum aus.
„Das ist jedoch ausschließlich der internationalen Finanzhilfe zu verdanken“, sagt der ukrainische Ökonom Blinow. Über 28 Milliarden Dollar hat die Ukraine in diesem Jahr bisher an ausländischer Finanzhilfe erhalten. Das sind mehr als zehn Prozent des BIP, welches das Land vor dem Krieg im Jahre 2021 erwirtschaftet hat.
Für die Ukraine ist der Getreideexport eine wichtige wirtschaftliche Stütze.
Foto: dpaDas ökonomische Überleben der Ukraine hängt somit fast komplett von der Unterstützung durch den Westen ab. Bröckelt mit der Landwirtschaft der Pfeiler der Exportwirtschaft, wird die Ukraine noch abhängiger.
Die Attacken auf die Donauhäfen sind Ausdruck von Putins Kriegsführung, die auf vielen Ebenen stattfindet: Stimmt der Westen seinen Bedingungen für ein neues Getreideabkommen zu, verbessert sich die Lage eines wichtigen russischen Exportsektors. Bleibt der Westen dagegen hart, fügt Putin der ukrainischen Wirtschaft weiteren Schaden zu. Einen Teilsieg erzielt Russlands Präsident auf jeden Fall.