Ukraine-Krieg: Schreckensnacht in Kiew – Mindestens 15 Tote bei russischem Angriff
Kiew. In mehr als drei Jahren seit dem russischen Überfall haben sich die meisten Menschen in der Ukraine eine trotzige Gelassenheit gegenüber den Gefahren des Krieges zugelegt. Der nächtliche Raketenalarm wird weitgehend ignoriert. Kaum jemand steigt hinab in den Keller, wenn die Sirenen ertönen. Wie soll es auch anders gehen? Am nächsten Tag muss man schließlich wieder aufstehen und zur Arbeit gehen.
Dennoch gibt es Ereignisse, die über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus eine tiefe Erschütterung auslösen. Der schwere Angriff auf Kiew in der Nacht auf Dienstag mit mindestens 15 Todesopfern gehört dazu. Unter den Toten soll auch ein US-Bürger sein. Stundenlang waren in der Stadt Explosionen zu hören. Am nächsten Morgen gab es nur ein Gesprächsthema.
Zum einen griffen die Russen mit den berüchtigten Shahed-Drohnen an, die Russland mittlerweile auch ohne iranische Hilfe produzieren kann und deren Nachschub deshalb nicht von den Ereignissen im Nahen Osten abhängig ist. Zum anderen feuerten sie mehrere ballistische Raketen auf Kiew ab. Ein solches Geschoss landete in einem Wohnhaus am Václav-Havel-Boulevard im Westen der ukrainischen Hauptstadt und durchschlug alle neun Stockwerke.
Suche nach Überlebenden
Vor Ort bietet sich ein Bild gewaltiger Zerstörung. Ein Treppenaufgang mit insgesamt 36 Wohneinheiten wurde in dem langen Gebäude aus der Breschnew-Zeit dem Erdboden gleichgemacht, sodass dieses nun in zwei Teile getrennt ist. Mit schwerem Gerät suchen die Rettungskräfte unter den Trümmern nach Überlebenden. Die Opferzahl dürfte noch weiter steigen.
Es käme einem Wunder gleich, wenn unter den tonnenschweren, dicht aufeinandergeschichteten Betondecken noch jemand am Leben wäre. Die Angehörigen, die von Psychologen der Polizei betreut werden, während sie mit wachsender Verzweiflung die Bergungsarbeiten verfolgen, wollen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Ihr banges Warten erinnert an Szenen aus einem Erdbebengebiet.
„Solche Erschütterung noch nie erlebt“
Natalia Kwitko wohnt im Nachbarhaus. Wie in allen Gebäuden in der weiteren Umgebung sind die Fenster herausgeflogen, eine Wasserleitung ist zerborsten. „Einen solchen Knall und eine solche Erschütterung habe ich noch nie erlebt“, sagt die 52-Jährige. Weil vor der Rakete bereits Drohnen in der Umgebung eingeschlagen seien, habe sie mit ihrer betagten Mutter die Nacht im Flur verbracht, dem sichersten Ort der Wohnung. Selbst wenn sie es wollte, könnte die alte Frau nicht in den Keller hinuntersteigen.
Auch im Flur seien sie von der Druckwelle erfasst worden, sagt Kwitko. „Ich habe erst nach einer Stunde gemerkt, dass ich am Bein blute und große blaue Flecken habe. Und oh, sehen Sie, ich habe immer noch Glassplitter im Haar“, sagt sie überrascht, als sie sich durchs Haar streicht. Ob sie mit den relativ leichten Blessuren zu den offiziell mehr als 100 Verletzten des Angriffs gehört, ist nicht klar. Laut dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko mussten 68 Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Angriff während G7-Gipfel
Neben dem Haus am Václav-Havel-Boulevard wurden in der Nacht auf Dienstag noch weitere Wohngebäude getroffen, in Kiew und darüber hinaus. Insgesamt feuerte Russland laut ukrainischen Angaben mehr als 440 Drohnen sowie 32 Marschflugkörper und Raketen ab. Kiew war das Hauptziel, aber auch Odessa, Saporischja, Tschernihiw, Schitomir und Mikolajiw meldeten Einschläge.
Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem der schwersten Angriffe auf die Hauptstadt überhaupt. Seit einem Großangriff im Juli 2024, bei dem unter anderem das wichtigste Kinderkrankenhaus der Ukraine getroffen worden war, gab es in Kiew nie mehr so viele Todesopfer zu beklagen. Das sei purer Terrorismus, erklärte Selenskyj.
Putin behauptet zwar gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, zu Verhandlungen über ein Ende des Krieges bereit zu sein, lässt aber gleichzeitig Nacht für Nacht ukrainische Städte beschießen.
Selenskyj verpasst Trump
Präsident Selenskyj wird im Verlaufe des Dienstags am Tagungsort des Gipfels der sieben größten westlichen Industriestaaten eintreffen. Dort hoffte er unter anderem auf eine Gelegenheit für ein Gespräch mit Donald Trump, um mit ihm über weitere amerikanische Unterstützung für die Ukraine zu sprechen. Wegen der sich verschärfenden Krise im Nahen Osten ist Trump allerdings frühzeitig abgereist, noch vor Selenskyjs Ankunft.