Ukraine-Krieg: Witkoff-Putin-Treffen in Moskau endet ohne konkrete Ergebnisse
Washington. Dieses Mal hat sich Wladimir Putin eine besondere Kombination aus Wertschätzung und Machtdemonstration für seine Gäste aus den USA ausgedacht. Erst ließ der russische Präsident Steve Witkoff, den Sondergesandten seines amerikanischen Amtskollegen, sowie Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner am Moskauer Flughafen abholen.
Es folgten ein Mittagessen mit dem russischen Sondergesandten Kirill Dmitrijew sowie eine Stadtführung durch das weihnachtsglitzernde Moskau.
Im Anschluss mussten die amerikanischen Gäste erst einmal warten: Zu den Verhandlungen über den Ukraine-Friedensplan kam der Kremlchef drei Stunden zu spät. Putin hatte Wichtigeres zu tun: Er hielt auf einem Wirtschaftsforum eine Rede – und nahm dann auch noch mehr oder weniger das zu erwartende Verhandlungsergebnis vorweg.
Alle Änderungen des ursprünglichen in Florida zwischen den USA und Russland verhandelten 28-Punkte-Friedensplans durch die Europäer lehne er „rundweg ab“. Diese Vorschläge „blockieren nur den Friedensprozess“. Die Europäer müssten „die Realitäten auf dem Schlachtfeld der Ukraine“ anerkennen, wenn sie mitreden wollten.
Und dabei wollte es der russische Präsident nicht belassen – er schob noch eine Drohung hinterher: „Wir haben nicht vor, mit Europa zu kämpfen, das habe ich schon hundertmal gesagt. Aber wenn Europa wiederum kämpfen will und anfängt, dann sind wir dazu sofort bereit“, sagte er.
Der Ton für die Verhandlungen mit den USA war gesetzt. Witkoff und Kushner waren gekommen, um mit Putin über die von den Europäern mit US-Außenminister Marco Rubio in Genf ausverhandelten Veränderungen des ursprünglichen Trump-Plans zu sprechen. Tatsächlich dauerten die Verhandlungen in Moskau dann fünf Stunden an. Konkrete Ergebnisse lagen zunächst nicht vor.
Die Pendeldiplomatie geht weiter
Die Seiten seien nach den Gesprächen nicht weiter von einem Frieden entfernt, aber auch nicht näher an einer Lösung des Konflikts. Es gebe noch viel Arbeit, sagte Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow nach den Verhandlungen. So gebe es noch keinen Kompromiss zur Frage der von Russland geforderten Abtretung ukrainischer Gebiete. Inhalt der Gespräche sei auch die „wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und den USA“ gewesen.
Der russische Unterhändler Dmitrijew nannte die Verhandlungen auf der Plattform X „produktiv“. Witkoff sei aus dem Kreml in die US-Botschaft in Moskau gefahren, berichteten russische Medien. Er solle nun in die USA zurückreisen, um US-Präsident Trump über die Ergebnisse zu informieren.
Productive 🕊️ pic.twitter.com/YlkqF0b7tr
— Kirill Dmitriev (@kadmitriev) December 2, 2025
Witkoff war in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal nach Russland gereist, aber auch Kushner ist für Dmitrijew kein Unbekannter: Schon im Oktober trafen sich die drei in Miami und haben den ursprünglichen 28-Punkte-Plan in geheimen Gesprächen ausgehandelt – ohne Vertreter der Ukraine oder der Europäer.
Der Plan war vor zwei Wochen bekannt geworden und stieß auf große Kritik in Europa und der Ukraine, weil er vor allem russische Positionen beinhaltete: Demnach sollte die Ukraine den kompletten Donbass und die Krim abtreten, sie durfte nicht der Nato beitreten und musste abrüsten. Im Gegenzug sollte Russland garantieren, nicht wieder anzugreifen. Die Sicherheitsgarantien waren allerdings sehr vage gehalten.
Es folgten Verhandlungen in Genf zwischen den USA und den Europäern, die diesen Plan aus Sicht der Ukraine in entscheidenden Punkten abschwächten. Darüber nun verhandeln wiederum die USA und Russland – wieder unter Ausschluss von Europäern und der Ukraine.
Die Streitpunkte wie die Größe der ukrainischen Streitkräfte und die Zukunft des ostukrainischen Donbass blieben bis zuletzt ungeklärt. Ebenso wie die Frage der Sicherheitsgarantien, die für die Ukraine elementar sind. Russland schließt eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato kategorisch aus.
Dafür gebe es derzeit innerhalb des Bündnisses allerdings ohnehin keine einmütige Zustimmung, sagte am Dienstag auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Eine Entsendung von Soldaten aus einem der europäischen Nato-Staaten als „Friedenstruppen“ oder zur Absicherung eines Waffenstillstands in die Ukraine lehnt Russland allerdings auch ab.
Keine Eile seitens Russlands
Worauf auch immer die Unterhändler sich konkret in Moskau geeinigt haben, die Pendeldiplomatie geht erst einmal weiter: Erst wird Trump informiert, dann wird die Einschätzung der Europäer und vor allem der Ukraine eingeholt. Danach erst geht es weiter mit den Verhandlungen mit Moskau.
Dem russischen Präsidenten kann das nur recht sein: Eilig jedenfalls scheint Moskau es auf dem Weg zu einem Frieden nicht zu haben. Das unterscheidet ihn von seinem amerikanischen Amtskollegen. Trump macht keinen Hehl daraus, dass er das Problem Ukraine „vom Tisch haben will, so schnell wie möglich“. Eigentlich wollte der US-Präsident den Krieg innerhalb eines Tages nach seinem Amtsantritt am 20. Januar dieses Jahres gelöst haben. So jedenfalls hatte Trump es im Wahlkampf versprochen.
Dass Moskau bestrebt ist, an der Front Fakten zu schaffen, um am Ende auch seine Verhandlungsposition zu verbessern, ist weitgehend bekannt. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte neulich mit bemerkenswerter Offenheit: Die „Handhabe“ des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj „schrumpft mit jedem Gebietsverlust“.
Dazu passen auch die Verwirrspiele um vermeintliche Eroberungen in der Ukraine. Russland hat nach eigenen Angaben die lange umkämpfte Stadt Pokrowsk im Osten der Ukraine eingenommen. Armeegeneral Waleri Gerassimow habe Präsident Putin über die Einnahme von Pokrowsk in der Region Donezk und Wowtschansk in der Region Charkiw sowie über die Ergebnisse anderer Offensivaktionen der Truppen in anderen Sektoren berichtet, sagte Regierungssprecher Peskow am Vortag der Moskauer Verhandlungen.
Die Ukraine selbst und unabhängige Beobachter wie das Institut zur Erforschung des Kriegs (ISW), das sich unter anderem auf russische Militärblogger stützt, bestreiten diese Darstellungen Moskaus.
Nato-Generalsekretär zuversichtlich
Bundesaußenminister Johann Wadephul äußerte sich am Dienstag skeptisch angesichts der Botschaften der vergangenen Tage aus Russland: „Wladimir Putin sucht immer neue Ausreden, warum er nicht verhandeln möchte“, sagte er in Berlin kurz vor Beginn der Gespräche in Moskau. Aber auch er wolle die Hoffnung nicht aufgeben, dass es in Moskau am Ende doch ein Interesse gebe „herauszufinden, ob nicht eine Lösung möglich ist“.
Besonders zuversichtlich gab sich einmal mehr Nato-Generalsekretär Rutte. „Ich habe jedes Vertrauen in das, was die Amerikaner zu erreichen versuchen“, sagte er vor dem Treffen der Nato-Außenminister an diesem Mittwoch. „Sie stimmen sich ständig mit den Europäern ab“, fügte er hinzu.
In diplomatischen Kreisen in Washington allerdings heißt es, die US-Unterhändler hätten es noch nicht einmal für notwendig erachtet, die „Europäer darüber in Kenntnis zu setzen, welche konkreten Positionen die USA bei den so entscheidenden Verhandlungen in Moskau überhaupt zu vertreten gedenken“.
Hinzu kommt: Der amerikanische Außenminister wird nicht am Nato‑Treffen teilnehmen. Ein Sprecher des US-Außenministeriums sagte, Rubio habe schon „Dutzende Treffen“ mit Nato-Verbündeten absolviert, und es sei „völlig unrealistisch“, ihn bei jedem Treffen zu erwarten.
Was er verschwieg: Es ist das erste Mal seit mehr als 20 Jahren, dass ein Außenminister der USA nicht an solchen Beratungen teilnimmt. Und es ist ausgerechnet Rubio, der unter den Mitgliedern des Trump-Teams noch am ehesten europäische Interessen mitdenkt, manchmal sogar mitberücksichtigt.