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US-WahlErst herrscht in Kiew die Ruhe vor dem Sturm, dann gibt es Whiskey

Das Ergebnis der US-Wahl ist auch für die Ukraine entscheidend. Die Sorge vor einem Deal zwischen Trump und Putin zulasten des Landes ist groß. Eindrücke aus der Wahlnacht – und vom Morgen danach.Mareike Müller 07.11.2024 - 08:55 Uhr Artikel anhören
Die ukrainische Flagge weht vor einem düsteren Himmel: Das Land ist wie kein anderes auf die Unterstützung der USA angewiesen. Foto: Andreas Stroh/ZUMA Press Wire/dp

Kiew. In einem Pub im Zentrum Kiews schauen drei Männer Fußball, PSV Eindhoven gegen FC Girona. Sie trinken Bier und ignorieren die Nachrichten für 90 Minuten. Die Bars der Stadt sind nicht voller als sonst an diesem Dienstagabend – dabei könnte diese Nacht für die Ukraine alles verändern.

Die USA haben nach europäischer Zeitrechnung in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch Donald Trump erneut zum Präsidenten gewählt. Die Auswirkungen werden bis weit über den Atlantik zu spüren sein – vor allem auch in der Ukraine.

Das Land ist wie kein anderes auf die Unterstützung der USA angewiesen, seit Russland im Februar 2022 begann, das gesamte Staatsgebiet anzugreifen. Viele in der Ukraine sagen, sie verdanken es der anhaltenden Unterstützung der westlichen Partner, dass das Land noch immer existiert. Oleg, der zum Fußballschauen gekommen ist, sagt: „Unser Leben hängt von dieser Wahl ab.“

Die Ukraine befindet sich seit 2014 im Ausnahmezustand

Doch 2022 markierte nicht den Beginn des Krieges, sondern seine bis dahin heftigste Eskalation und schlagartige Ausweitung. Seit 2014 befindet sich das Land im Ausnahmezustand.

Die überraschende Erklärung der damaligen Regierung unter Präsident Wiktor Janukowytsch, ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der EU unter dem Druck Russlands nicht zu unterzeichnen, führte zu umfangreichen Protesten auf dem Maidan. Das Abkommen sollte die Ukraine stärker an die EU binden, wofür sich damals große Teile der Bevölkerung aussprachen, die Regierung aber stellte sich dem in den Weg.

Die Proteste gipfelten darin, dass Sicherheitskräfte die Demonstrationen brutal niederschlugen. Wenig später besetzten russische Soldaten völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim. Nur ein paar Gehminuten entfernt von dem Ort, an dem damals mindestens 100 Menschen im Kampf für eine europäische Zukunft des Landes starben, schenkt Vlad heute Bier im Pub aus.

„Trump ist doch unkultiviert“, sagt er, und verrückt sei er obendrein. Er könne sich mit ihm einfach nicht identifizieren. Er hoffe daher, dass Harris gewinnt, erzählt er. Mit ihr wisse man eher, was kommt – nämlich eine ähnliche Ukrainepolitik wie die von Joe Biden. Die sei zwar nicht in jeder Hinsicht ideal gewesen. Trump hingegen sei völlig unberechenbar, sagt Vlad.

Auf einem kleinen Bildschirm läuft die Wahlberichterstattung des US-Senders CNN, auf Bitten einiger Gäste zieht Vlad im Nebenraum eine Leinwand an der Wand herunter und überträgt die Berichterstattung aus den USA in den fast leeren Raum.

Sorge vor einem Deal zwischen Putin und Trump

Ganz ähnlich wie Vlad schätzt auch sein Gast Oleg die Lage ein. 2008, da ging Oleg noch zur Schule, verbrachte er im Rahmen eines Stipendienprogramms ein Jahr in Alabama, ging dort zur Highschool, lebte in einer Gastfamilie. „Ich mag die USA, ich mag die Leute und das Land.“

Wie viele junge Ukrainer hat er ein positives Bild von den USA. Diejenigen, die noch in der Sowjetunion aufwuchsen, wurden mit dem Feindbild USA groß. Heute ist die Haltung eine andere: Die USA sind der wichtigste Partner und größte Unterstützer der Ukraine, militärisch wie finanziell, die große Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich einen Beitritt zur Nato.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski gibt Donald Trump die Hand: In der Ukraine halten den Republikaner viele Menschen für unberechnbar. Foto: AP

Olegs Heimat liegt weniger als zwei Stunden von Kiew entfernt, mittlerweile lebt er aber in der Hauptstadt. Auch er ist sich sicher: „Für die Ukraine ist Harris besser, auf jeden Fall.“ Bei ihr könne man sich darauf verlassen, dass ein gewisses Maß an Unterstützung aufrechterhalten bleibe, sagt er.

Bei Trump hingegen sei das anders. „Der sagt an einem Tag das eine und am nächsten Tag etwas ganz anderes“, kritisiert Oleg. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Trump mit Putin einen Deal machen könnte, der zulasten der Ukraine gehen könnte. Damit spricht Oleg eine Sorge aus, die in der Ukraine viele Menschen umtreibt. Und selbst wenn ein solcher Deal zustande käme, so Oleg: Sollten die Ukrainer damit unzufrieden sein, würden sie weiterkämpfen. Schließlich geht es um ihr Land.

Schlechte Nachrichten gehören in der Ukraine mittlerweile zum Alltag der Menschen

Doch weder Vlad noch Oleg zeigen sich ängstlich. Seit fast drei Jahren ist der Krieg im gesamten Staatsgebiet der Ukraine zu spüren. Viele in der Bevölkerung haben sich mittlerweile einen routinierten Umgang mit schlechten Nachrichten angeeignet.

Nachrichten über gefallene Freunde sind genauso Teil des Alltags geworden wie Berichte über Verbrechen russischer Streitkräfte in den besetzten Gebieten. Politische Debatten im Ausland, zum Beispiel über Waffenlieferungen, werden genauestens verfolgt, ebenso die US-Wahl. Zugleich ist aber allen klar: Sie selbst haben kaum Einfluss auf den Ausgang, können keine Stimme abgeben.

Egal, was der morgige Tag bringt, es wird einen neuen Tag und neue Hoffnung geben.
Illia Ponomarenko
ukrainischer Autor

Um halb zehn bittet Vlad seine Gäste höflich, langsam zu zahlen. Um zehn Uhr macht er zu, wie viele Bars und Restaurants in Kiew. Wegen des Krieges gilt eine Ausgangssperre von 22 Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Die frühen Schließzeiten stellen sicher, dass Besucher rechtzeitig nach Hause kommen.

Private Wahlpartys, wie sie in anderen Ländern häufiger stattfinden, gibt es in Kiew kaum. Zum ersten Mal seit zehn Tagen bleibt die Nacht einigermaßen ruhig. Wer nach den stundenlangen nächtlichen Angriffen der vergangenen Wochen ohne Unterbrechung schlafen kann, bleibt nicht wach, um Fernsehen zu schauen.

Online machen sich die Menschen gegenseitig Mut. „Egal, was der morgige Tag bringt, die Ukraine wird weitermachen“, schreibt der bekannte ukrainische Autor Illia Ponomarenko auf der Kurznachrichtenplattform X. „Egal, was der morgige Tag bringt, es wird einen neuen Tag und neue Hoffnung geben.“

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Als Trump am Mittwochmorgen vor die Kameras tritt, um sich als Sieger feiern zu lassen, ist die Ernüchterung groß. In einer Hotellobby scharen sich die Mitarbeiter von der Rezeption um den großen Bildschirm, der die Rede zeigt. Ungläubig starren sie auf Trump, einige von ihnen mit Tränen in den Augen. Der Barista empfiehlt seinen Gästen statt Espresso jetzt Whiskey.

Erstpublikation: 06.11.2024, 09:45 Uhr.

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