Weltgeschichte: Das unheimliche Comeback von Iwan dem Schrecklichen
Iwan schuf eine mehrere tausend Mann zählende Spezialeinheit, die in Mönchskutten gekleidet und mit Besen und Hundeköpfen als Erkennungszeichen ausgestattet durch das Land zogen und raubten, mordeten und plünderten.
Foto: HandelsblattAlexandrow. An der Uferpromenade des Flüsschens Seraja steht er: Mehr als zwei Meter groß, in Bronze gegossen und ausgestattet mit den Insignien der Macht (Zepter und Krone) und des Glaubens (Kreuz) sowie einem gestrengen Blick: Iwan der Schreckliche. In Sichtweite auf der anderen Flussseite sind die weißen Mauern des Kremls zu sehen, in dem der Zar vor 450 Jahren seinen Terrorstaat Opritschina aufgebaut hatte.
1564 zog sich Iwan nach einem verlorenen Krieg und Streit mit seinen Bojaren in seine Residenz Alexandrowskaja Sloboda, 100 Kilometer nordöstlich von Moskau zurück und machte sie für die nächsten 17 Jahre zur faktischen Hauptstadt Russlands.
Hier begann die schrecklichste Periode seiner Herrschaft: Er schuf eine mehrere tausend Mann zählende Spezialeinheit, die Opritschniki, die in Mönchskutten gekleidet und mit Besen und Hundeköpfen als Erkennungszeichen ausgestattet durch das Land zogen und raubten, mordeten und plünderten.
Das alles geschah unter der Prämisse, die Allmacht des Zaren zu festigen. Der in seiner Anfangszeit noch reformfreudige Iwan war zu jener Zeit schon lange zum absoluten Autokraten verkommen, der keinen Widerspruch duldete.
Von krankhaftem Misstrauen besessen ließ er selbst getreue Untertanen als vermeintliche Verräter und Gegner abschlachten. Mit sadistischer Freude dachte er sich qualvolle Folter- und Tötungsmaßnahmen aus, so ließ er Verurteilte gern pfählen, vierteilen, in siedendem Wasser kochen oder verbrennen.
In seiner Amtszeit hatte er durch Kriege das Territorium Russlands zwar mehr als verdoppelt – vor allem durch die Eroberung Sibiriens – doch hinterließ er bei seinem Tod ein zerrüttetes Land ohne einen Nachfolger (ob er seinen eigenen Sohn in einem Anfall von Jähzorn erschlagen hat, oder ob dieser an einer Krankheit starb, ist bis heute nicht endgültig geklärt). Schon wenige Jahre später brach in Russland die „Smuta“, die Zeit der Wirren an.
Vergessene „Kleinigkeiten“
Diese „Kleinigkeiten“ sind inzwischen (fast) vergessen: Als 2016 das erste Iwan-Denkmal in der westrussischen Stadt Orjol aufgestellt wurde, rechtfertigte der damalige Kulturminister Wladimir Medinski die Errichtung damit, dass auf Befehl des Zaren doch „nur 3.000 bis 7.000 Menschen“ hingerichtet worden seien. Andere Herrscher seiner Zeit wie Karl IX. hätten wesentlich mehr Blut an den Fingern, seien doch allein in der Bartholomäusnacht rund 30.000 Hugenotten ermordet worden
Medinski ist für seinen eigenwilligen Umgang mit Zahlen und Quellen bekannt, die nicht ins patriotische Konzept passen. So schätzen andere Historiker, dass Iwan der Schreckliche allein nach der Einnahme der widerspenstigen Stadt Nowgorod 10.000 bis 15.000 Einwohner hingerichtet haben soll.
Und es gibt noch einen Unterschied: Karl IX. würde heute in Frankreich keiner ein Denkmal setzen. Das Denkmal für den letzten Fürsten der Rurikiden-Dynastie hingegen wurde in diesem Winter in Alexandrow mit viel Pomp und Patriotismus eingeweiht. Rund 500 Menschen waren bei der Einweihung dabei und legten für „Väterchen Zar“ rote Nelken nieder.
Neben Vertretern des Kulturministeriums kam auch der Chef des Rockerklubs „Nachtwölfe“, Alexander Saldostanow, ein Putin-Freund und Befürworter der imperialen Erweiterungen Russlands auf der Krim und im Donbass. Und selbst das Staatsfernsehen war da: „Ungeachtet der widersprüchlichen Bewertungen ist sein Beitrag für die Entwicklung und Größe des Landes unbestritten“, kommentierten die TV-Kollegen die Denkmalsetzung für den Zaren.
Der Akzent wird somit auf den starken Herrscher gelegt, der sein Land vergrößert habe. Das ist ganz im Geiste der neuen Stalin-Verehrung. Auch der Sowjetdiktator hat in den letzten Jahren zunehmend Aufwertung erfahren. In Dutzenden Gemeinden vom Kaukasus bis nach Sibirien wurden entweder alte Heldendenkmäler für den Generalissimus wieder aufgestellt oder neue Büsten für ihn gefertigt. Und auch Wolgograd darf sich auf Befehl Putins seit einigen Jahren zu den großen Militärfeiertagen im Jahr wieder Stalingrad nennen.
Interessanterweise war Stalin der erste, der den jahrhundertelang verfemten Zaren Iwan den Schrecklichen in Moskau wieder salonfähig gemacht hatte. Unter ihm produzierte der sowjetische Kultregisseur Sergej Eisenstein den Film „Iwan der Schreckliche“.
Doch unter Stalin gezeigt und preisgekrönt wurde nur der erste Teil des Films, der den Aufstieg des Zaren und des damaligen Russlands demonstriert. Den zweiten Teil, der die schrecklichen Seiten des Zaren zeigte, ließ Stalin verbieten. Mit der Kanonisierung des Zaren heute stellt sich der Kreml bei der Geschichtsbetrachtung auf die Seite Stalins.