Arte-Film: Zweifel am „heiligen Wachstum“
Ein Container-Terminal im Hafen von Hamburg: Der Arte-Film „Wachstum, was nun?“ kritisiert die Wachstumswut der Weltwirtschaft.
Foto: dpaBerlin. Der deutsche Titel „Wachstum, was nun?“ (Dienstag, 4.11., 20.15 Uhr auf Arte) klingt etwas langweilig. Fast so, als bekäme der Bundeswirtschaftsminister im Hauptstadtstudio mal wieder Gelegenheit zu erläutern, wie er aktuell die Wirtschaft ankurbeln möchte. Im französischen Original heißt der Film „Sacrée Croissance!“ – „Heiliges Wachstum“ also, und macht mit Thesen, über die sich streiten lässt, ein großes Fass auf. Ist das so oft geforderte Wachstum noch sinnvoll?
Nein, findet die französische Regisseurin Marie-Monique Robin, bekannt vor allem durch ihren Dokumentarfilm „Monsanto, mit Gift und Genen“ (2008). Gewohnten Politiker-Aussagen stellt sie Thesen von wachstums-kritischen Ökonomen wie etwa Dennis Meadows entgegen. Der US-Amerikaner glaubt, dass die Zeiten von Wohlstandssteigerungen wie in den 1980-er und 1990-er Jahren „endgültig vorbei" seien. Der französische Ökonom Jean Gadrey referiert das Bonmot, dass an unendliches Wachstum in einer endlichen Welt bloß Verrückte und Wirtschaftswissenschaftler glauben würden.
Vor allem stellt Robin dann Beispiele für nicht an herrschenden Wachstumszielen orientierte Nahrungsmittel- und Energieerzeugung und Währungssysteme vor, und zwar jeweils in einem Staat der nördlichen und der südlichen Halbkugel: Im kanadischen Toronto erläutert der einst an der Wall Street für Hedge Fonds tätige freshcityfarms.com-Gründer sein Konzept urbaner Landwirtschaft. Im argentinischen Rosario hat sie gefilmt, in Dänemark und Nepal Formen nicht profitorientierter Energieerzeugung.
Diese Sequenzen erfordern Geduld. So zeigt Robin auch genossenschaftliche Versammlungen von Biogemüse-Stadtfarmern ausführlich. Während sympathische aber erwartbare Sätze fallen, überlegen Zuschauer unwillkürlich: Wie sinnvoll ist das Streben nach Unabhängigkeit von Importen? Sorgt nicht allein der Bevölkerungszuwachs in den Schwellenländern für Wachstum?
Doch die Stärke von Robins Film ist, dass er mit langem Atem große Bögen schlägt und tatsächlich weite Teile der Welt umspannt. Zur Hälfte des gut 90-minütigen Films kommt erstmals eine deutsche Stimme zu Wort. Auf einer Konferenz in Kathmandu fordert Olav Homeyer einen Technologie- und Geldtransfer in weniger entwickelte Länder, damit Europa und Nordafrika schon ab 2030 vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt werden könnten. Dringend nötig sei das, da sonst unser Planet „ziemlich unbewohnbar“ würde.
Rob Hopkins plädiert dafür, „eine neue Ökonomie zu schaffen, die neben der alten existiert und diese irgendwann ersetzt“. Allein der Finanzmarkt erfordere permanentes Wachstum, sagen mehrere der Experten. Daher zeigt der Film in der zweiten Hälfte lokale, vom Finanzmarkt unabhängige Währungssysteme. Das Beispiel der Südhalbkugel ist ein brasilianisches. Während eine Laienspielgruppe ein eher schlichtes „Sozialdrama“ aufführt, um ihr Publikum zu überzeugen, lieber in der eigenen Umgebung einzukaufen als in der nächsten Stadt, teilt Regisseurin Robin den Bildschirm per Splitscreen und zeigt im anderen Fenster ihre Experten. Um den Absatz um jeden Preis zu steigern, seien die Werbung und die Verbraucherkredite entwickelt worden, sitzt Gadrey etwa zu.
Eine buthanesische Buddhafigur: In dem asiatischen Land ist nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern der sogenannte Glücksindex die bestimmende Größe.
Foto: AFPAls Beispiel für eine Alternativwährung dient dann der bayerische „Chiemgauer“, der 2013 sein zehnjähriges Bestehen feierte - eine "schmelzende Währung", die nicht gespart werden kann und als Anreiz zum Ausgeben in jedem Quartal zwei Prozent ihres Wertes verliert.
So könnten Unternehmer überleben, ohne wachsen zu müssen, findet Initiator Christian Gelleri. Auf einer Konferenz in den Niederlanden fordert ein katalanischer Redner gar drei Ebenen von Währungen: den Euro als internationale, eine nationale und eine lokale. Während das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Zentralisierung gewesen sei, sei das 21. Jahrhundert als "Ära der Währungsvielfalt". Das zumindest ist eine Idee, die Euro-Skeptiker auch in Nord- und Mitteleuropa anziehen könnte.
Ausgewogen ist der Film natürlich nicht und will es nicht sein - Wachstums-Befürworter kommen nicht vor. Doch zeigt „Wachstum, was nun?“ - oft auch in schönen Bildern - eine Vielfalt von Ideen, die lokal bereits seit Jahren funktionieren, und das ohne alarmistische Töne, die skeptisches Publikum häufig abschrecken.
Und immer wieder enthält der Film Widerhaken, die Zuschauer je nach eigenen Überzeugungen zweifeln lassen. Als nationale Währung etwa hat der katalanische Währungsvielfalts-Anhänger keine spanische, sondern eine katalanische im Sinn - Anzeichen eines ganz anderen noch ungelösten Konflikts.
Wie plausibel das Bruttoglücksprodukt in Bhutan, der letzten Station des Films, als Gegenstück zum Bruttoinlandsprodukt erscheint, muss ebenfalls jeder für sich selbst entscheiden. Wenn bhutanesische Schulkinder auswendig gelernte Sätze in die Kamera sagen, überzeugt das gewiss nicht jeden. Und die Werbung abzuschaffen wäre in Europa auch nicht so einfach wie offenbar in Bhutan, wo der König sie verbieten konnte. Aber dass das BIP keineswegs eine über alle Zweifel erhabenen Größe darstellt, weil sie viele ökologisch und längst auch ökonomisch sinnvolle Kriterien nicht berücksichtigt, ist ja auch kein Gedanke, der im Fernsehen häufig Raum erhält.
Kurzum: Wenn man sich auf ihn einlässt, bringt Robins im Wortsinn fast weltumspannender Film (auch wenn China und Indien darin nicht vorkommen) eine bemerkenswerte Fülle von Denkanstößen, die über ein "Was nun, Herr Gabriel?" und tagesaktuelle Talkshows weit hinausgehen. Schade, dass ARD und ZDF mit ihrem noch immer großem Publikum für so etwas längst keine Sendeplätze mehr haben. Gut, dass immerhin Arte es um 20.15 Uhr zeigt.