Konjunktur: Deutschlands Wirtschaft steht vor schwierigem zweiten Halbjahr
Viele Verbraucher bemühen sich offenbar bereits ihr gewohntes Konsumniveau aufrecht erhalten zu können.
Foto: dpaDüsseldorf. Glaubt man den Prognosen von Volkswirten, so konnte die deutsche Volkswirtschaft im zweiten Quartal ihre Talfahrt stoppen. Im Mittel rechnen die vom Finanzdatendienstleister Bloomberg befragten Ökonomen damit, dass die Wirtschaftsleistung im Frühjahr um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen ist.
Am kommenden Freitag (28. Juli) wird das Statistische Bundesamt auch seine Schnellschätzung veröffentlichen, diese ist allerdings sehr anfällig für Revisionen. Bei dem prognostizierten Tempo würde es zwei Jahre dauern, bis der Einbruch vom Winter aufgeholt ist.
Allmählich scheint auch den Experten in den zuständigen Bundesministerien für Wirtschaft und Finanzen klar zu werden, dass ihre Frühjahrprognose für die deutsche Konjunktur nicht mehr zu halten ist – Ende April hatte die Bundesregierung für dieses Jahr 0,4 und für kommendes Jahr 1,6 Prozent Wachstum vorausgesagt.
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sprach damals von „erfreulichen Nachrichten“, die deutsche Wirtschaft erweise sich „in der Energiekrise als anpassungs- und widerstandsfähig“.
Welch ein Irrtum: Nicht genug damit, dass die Volkswirtschaft im Winterhalbjahr in einer veritablen Rezession steckte, die Wirtschaftsleistung also im Schlussquartal 2022 um 0,5 Prozent und im Auftaktquartal 2023 um weitere 0,3 Prozent schrumpfte.
Nun drohen für das zweite Halbjahr neue Probleme. Sämtliche Frühindikatoren weisen nach unten, das Ifo-Geschäftsklima sinkt mit zunehmender Geschwindigkeit, auch der Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fällt, und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) schätzt die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Rezession auf „knapp 80 Prozent“ – Krise jagt Krise.
Konjunktur: Schwächephase bei Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit bemerkbar
Im aktuellen Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums räumt das Haus von Finanzminister Christian Lindner (FDP) ein, dass die vorliegenden harten Indikatoren für die aktuelle konjunkturelle Entwicklung „weiterhin ein verhaltenes Bild“ zeichneten. Außerdem unterstreiche die Eintrübung der Stimmungsindikatoren die „Abwärtsrisiken“.
Es sei möglich, „dass sich die in aktuellen Konjunkturprognosen für den Jahresverlauf erwartete wirtschaftliche Erholung zumindest verzögert“. Das Wirtschafsministerium schreibt, „die deutsche Wirtschaft befindet sich im Frühsommer 2023 nach wie vor in einem schwierigen Umfeld“.
Die weltwirtschaftliche Lage stelle sich „insgesamt noch als schwach dar“. Die Kaufkraftverluste infolge der hohen Inflation wirkten als „binnenwirtschaftlicher Dämpfer“ und der Zinsanstieg laste auf den Investitionen, insbesondere in der Bauwirtschaft. „Infolge dieser Herausforderungen ist von einer insgesamt gedämpften konjunkturellen Entwicklung im laufenden Quartal auszugehen.“
Zu allem Unglück macht sich nun die schon 14 Quartale andauernde gesamtwirtschaftliche Schwächephase auch dort bemerkbar, wo es besonders wehtut: bei Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit.
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Laut Insolvenztrend des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) stieg die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften im Juni auf den höchsten Wert seit 2016. Mit insgesamt 1050 war die Zahl im Juni um 48 Prozent höher als im Vorjahresmonat und lag um elf Prozent über dem Juni-Durchschnittswert der Jahre 2016 bis 2019.
Laut amtlicher Insolvenzstatistik gab es in den ersten vier Monaten des Jahres 2023 mit insgesamt 5545 Unternehmensinsolvenzen einen Anstieg um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Offensichtlich stellen die Folgen des Ukrainekriegs, die drastisch gestiegenen Energiepreise sowie die weiterhin hohe Inflation viele Unternehmen vor existenzielle Probleme.
Die steigende Anzahl von Firmenpleiten schlägt mittlerweile auf den Arbeitsmarkt durch; das Bild vom unverwundbaren Jobwunder muss korrigiert werden. So stieg im Juni überraschend die Arbeitslosenzahl, anstatt wie üblich dank der Frühjahrsbelebung zu sinken.
Saisonbereinigt betrug der Zuwachs 28.000 im Vergleich zum Vormonat. Mit 2,61 Millionen kletterte die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit auf den höchsten Stand seit Juni 2021. Gemessen an den Tiefstständen vor dem Pandemieausbruch sind heute fast 400.000 mehr Menschen als damals arbeitslos gemeldet.
Privater Konsum: Verbraucher nutzen Ersparnisse
„Fluchtmigration wirkt sich hier nicht mehr aus“, räumt das Wirtschaftsministerium ein. Der jüngste Anstieg sei „vor allem konjunkturell bedingt“ - und das IAB-Arbeitsmarktbarometer sagt einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten voraus.
Die anhaltend hohe Teuerung, zunehmende Sorgen vor Arbeitsplatzverlust sowie das Auslaufen von staatlichen Hilfen hemmen den privaten Konsum. Der Sommerurlaub ist ebenfalls deutlich teurer geworden. Nach amtlichen Daten waren Auslandsflüge im ersten Halbjahr 2023 um 25 Prozent teurer als im Vorjahr, Pauschalreisen im Inland um fast 15 Prozent.
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Viele Verbraucher bemühen sich offenbar bereits, durch das Auflösen ihrer Ersparnisse ihr gewohntes Konsumniveau aufrecht zu erhalten. „Ungefähr ein Drittel der Kunden – alle die, die unter einer bestimmten Einkommensschwelle liegen – gehen jeden Monat an ihre Ersparnisse ran“, bestätigte der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Christian Sewing, jüngst in einem Interview – und verwies dabei auf interne Daten. Auch das HDE-Konsumbarometer signalisiert eine anhaltend geringe Sparneigung.
Der private Konsum gilt als ein Schlüssel für Wachstum. Er steuert rund die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt bei. Dementsprechend groß ist der Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Im Schlussquartal 2022 war der private Konsum um 1,7 Prozent eingebrochen und im ersten Quartal um weitere 1,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gesunken. Der private Konsum war damit real niedriger als im Winter 2017/18 – fünf Jahre ohne Wohlstandsgewinne!
Erstpublikation: 23.07.2023, 11:45 Uhr.