Konjunktur: Der nächste Corona-Schock: Aus diesen vier Gründen schrumpft die deutsche Wirtschaft aktuell wieder
Die Corona-Pandemie, aber auch Lieferengpässe setzen die deutsche Konjunktur unter Druck.
Foto: dpaBerlin. Der Bundeskanzler übt sich mit Blick auf die Coronapandemie in Optimismus. „Ja, es wird wieder besser“, sagte Olaf Scholz (SPD) in seiner ersten Regierungserklärung im Bundestag. Doch allzu schnell wird es wohl nichts mit der Besserung.
Das gilt auch für die Wirtschaft – die der nächste Coronaschock trifft. Die Auswirkungen sind zwar nicht mehr so drastisch wie 2020. Doch durch die hohen Infektionszahlen, gepaart mit den Nachwehen der vergangenen Pandemiewellen, die sich weiterhin in schwerwiegenden Materialengpässen ausdrücken, hat es sich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland erst einmal erledigt.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI) hat am Donnerstag als letztes der großen Institute seine Konjunkturprognose kassiert. Im Durchschnitt rechnen die vier führenden Wirtschaftsforschungsinstitute RWI, IfW, Ifo und IWH für das vierte Quartal 2021 mit einem Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von bloß 0,1 Prozent, de facto mit einer Stagnation.
Und für das erste Quartal 2022 sagen die Institute sogar eine um 0,5 Prozent schrumpfende Wirtschaft voraus. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) legte aufgrund eines personellen Engpasses keine Konjunkturprognose vor.
Die Hoffnung auf den großen Aufschwung nach der Coronakrise verschiebt sich damit weiter. Erst sollte er 2021 kommen, dann 2022. Doch auch daraus wird nun vorerst nichts. Hatten die Institute für das kommende Jahr zuletzt noch mit einem Wachstum von 4,8 Prozent gerechnet, rechnen sie im Schnitt nun bloß noch mit 3,8 Prozent.
„Die sich seit etwa drei Monaten aufbauende vierte und trotz sinkender Inzidenzzahlen noch keineswegs gebrochene Coronawelle hat der Erholung der deutschen Wirtschaft ein recht abruptes Ende bereitet“, sagt Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute.
Dabei hatte man der Wirtschaft inzwischen eine gewisse Widerstandsfähigkeit nachgesagt – und die ist auch tatsächlich vorhanden. Bloß ist sie auf bestimmte Bereiche eingeschränkt. Und aktuell passiert genau das, was besonders schädlich ist: Die verschiedenen Bereiche treffen auf unterschiedliche Schwierigkeiten.
Die Konjunkturforscher unterscheiden zwischen vier Bereichen – wenn man Information/Kommunikation und Wohnen aufgrund ihrer Konjunkturresistenz außen vor lässt. Gute Nachrichten haben die Ökonominnen und Ökonomen dieser Tage aber weder für das produzierende Gewerbe noch für den Bau, den Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe oder den Dienstleistungssektor.
1. Vierte Pandemiewelle stoppt die Erholung des Dienstleistungssektors
Als im Frühsommer dieses Jahres die meisten Coronabeschränkungen aufgehoben wurden, setzte der Aufschwung kurzzeitig ein. Getragen wurde dieser insbesondere von den sogenannten kontaktintensiven Dienstleistungen, deren Geschäftsmodell zuvor nahezu komplett brach lag.
Mit der Wiederkehr der hohen Infektionszahlen verzeichnen etwa Kosmetiker- oder Friseurbetriebe wieder weniger Kunden. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser hat vor allem kontaktintensive Dienstleistungen als Grund für die revidierte Prognose ausgemacht. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) erwartet im Bereich der „sonstigen Dienstleistungen“, vorrangig die Anbieter mit viel Kundenkontakten, die größten Einbußen. Die Erlöse dürften dort im laufenden Quartal um 5,5 und im ersten Quartal 2022 um acht Prozent einbrechen.
Danach stellen die Forscher eine Besserung in Aussicht. Doch die aufkommende Omikron-Variante, die die Institute aufgrund der unklaren Gefahrenlage erst einmal nur nebensächlich berücksichtigt haben, könnte dem im Weg stehen. „Für den weiteren Jahresverlauf wird entscheidend sein, wie beherrschbar die Omikron-Variante ist“, sagt IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller.
2. Handel und Gastgewerbe leiden unter neuen Coronabeschränkungen
Auch Geschäfte, Gaststätten und Hotels treffen die neuen Coronaregelungen. Allein im Dezember wird die flächendeckende 2G-Regelung im stationären Einzelhandel Umsatzeinbußen von rund 5,3 Milliarden Euro hervorrufen, zeigen Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Im Gastgewerbe dürfte die 2G-Regel, wonach nur Genesene und Geimpfte als Kunden empfangen werden dürfen, die Einnahmen zusätzlich um eine Milliarde Euro verringern.
„Rund 20 Prozent der Erwachsenen sind in Deutschland noch immer nicht geimpft. So hoch werden bei 2G auch die durchschnittlichen Umsatzeinbußen sein“, sagt IW-Ökonom Christian Rusche. Einige Geimpfte würden sich bei 2G-Regeln zwar sicherer fühlen und mehr Geld ausgeben. Aber die immer schwierigere Lage werde generell dazu führen, dass weniger Menschen die Innenstädte aufsuchten, sodass sich beide Effekte aufheben.
„Wir gehen davon aus, dass das Infektionsgeschehen bis Ende des Winters so dynamisch bleibt, dass freiwillige Kontaktbeschränkungen den Konsum weiter belasten“, ergänzt Ifo-Forscher Wollmershäuser.
Die Mobilität der Bürger hat bereits abgenommen, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts auf Basis von Mobilfunkdaten zeigen. Schon im November, also noch vor flächendeckenden 2G-Regeln, waren die Menschen in Deutschland erstmals seit Juni wieder weniger unterwegs als vor der Coronapandemie. Der Rückgang zeigte sich mit einem Minus von neun Prozent vor allem in den Städten.
3. Produzierendes Gewerbe ist noch weiter wegen Lieferengpässen blockiert
Größte Hoffnung auf einen zeitnahen Aufschwung hatten die vollen Auftragsbücher der Industrie gemacht. Wenn die Leute ihr Geld kaum in Restaurants oder für Kulturveranstaltungen ausgeben können, ist die Nachfrage nach materiellen Gütern umso größer. Nur: Die müssen eben auch hergestellt werden. Bloß fehlen dafür die Materialien – und wenn sie da sind, sind sie teuer.
Grund dafür sind die seit Monaten anhaltenden Verwerfungen in den internationalen Lieferketten. Rohstoffe fehlen, Vorleistungen fehlen. Ob Produzenten von Elektroartikeln, Möbeln, Kleidung oder Spielzeug, ihnen allen fehlen Materialien. „Besonders in der Industrieproduktion“ behinderten die Lieferengpässe den Aufschwung, warnt IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths.
74 Prozent der Firmen klagen laut Ifo über Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen. 40 Milliarden Euro haben die Schwierigkeiten laut Ifo bislang schon gekostet – weitere 40 Milliarden könnten laut Ifo im nächsten Jahr hinzukommen
4. Dem Bau fehlen die Materialien
Selbst Baustellen liegen angesichts der Lieferengpässe inzwischen brach. Dabei war die Baubranche ein weiterer Hoffnungsträger. Mit einem Plus von 2,3 Prozent im zweiten Vierteljahr expandierten die Bauunternehmen wie kein anderer privater Sektor. Doch dem sollte schon im Folgequartal ein jähes Ende folgen, in dem das Baugewerbe ein Minus von 1,2 Prozent verzeichnete.
Zwar hat der Anteil der Firmen, die von Engpässen bei wichtigen Vorprodukten berichten, seinen Höhepunkt laut Ifo vom Juli hinter sich gelassen. Dennoch stagniert dieser Anteil mit mehr als 32 Prozent seit einiger Zeit weiterhin auf sehr hohem Niveau.
Die verschobene Hoffnung auf den Aufschwung gilt nun der zweiten Jahreshälfte 2022 und 2023. Dann soll die Pandemie weichen, die Lieferengpässe zurückgehen – und die Normalisierung der Konjunktur einsetzen. Doch mit jeder revidierten Konjunkturprognose wird klarer: Voraussagen haben in der Coronakrise nur eine begrenzte Haltbarkeit.