Qant: Trumpf-Tochter ermöglicht neuartige Prothesensteuerung
Stuttgart. Die erst sechs Jahre alte Trumpf-Tochter Qant hat in der Quantentechnologie erneut deutliche Fortschritte erzielt. Das will das konzerneigene Start-up bei der am Montag beginnenden Hannover Messe in einer Livedemonstration unter Beweis stellen. Ein neu entwickelter, alltagstauglicher Magnetfeldsensor steuert in einem Modell berührungslos eine Handprothese über am Unterarm empfangene Muskelsignale.
Es dauert nur Millisekunden, bis sich nach dem Impuls die Handprothese zur Faust schließt. Aufwendige invasive Methoden, um an die Signale des Nervs zu kommen, benötigt die neue Technologie nicht mehr.
„Wir bringen die Sensorik in der Medizintechnik auf ein neues Niveau“, sagt Gründer Michael Förtsch dem Handelsblatt. In der Prothesensteuerung funktionieren magnetische Signale präziser und zuverlässiger als elektrische, die durch Schweiß auf der Haut oder Haare gestört werden können. Es ist laut Förtsch ein völlig neuer Zugang zu den muskulären Biosignalen des Menschen.
Magnetfeldsensor: Vom Laborschrank zum Brillenetui
Bestätigung kommt aus Fachkreisen. „Die neue Technologie hebt die prothetische Versorgung von Menschen mit Arm- oder Beinamputation auf eine neue Ebene und verbessert damit deren Lebensqualität“, sagt Dieter Jüptner, Präsident des Bundesverbands für Menschen mit Arm- oder Beinamputation.
Qant hat vor allem daran gearbeitet, den Sensor immer kleiner zu machen. „Wir kommen von der Größe zuerst eines Laborschranks, dann eines Schuhkartons und sind jetzt innerhalb eines Jahres bei einem Brillenetui. Das ist ein Riesenschritt nach vorne“, sagt Förtsch.
Der 39-jährige promovierte Physiker hat das Unternehmen vor sechs Jahren mithilfe des Laserspezialisten Trumpf gegründet.
Funktionstüchtig und anwendbar ist der Sensor schon jetzt, aber Ziel ist die Größe einer Streichholzschachtel. Binnen zwei Jahren soll es so weit sein. „Es gibt keine substanziellen Hindernisse bei der Verkleinerung des Sensors. Es braucht nur noch etwas normale Entwicklungszeit“, sagt Förtsch. Auch in der jetzigen Größe sei er bereits einsetzbar.
Bei dem Gerät handelt es sich um einen Quantensensor mit extrem hoher Sensitivität. Er ermöglicht die Messung kleinster Magnetfelder im Picotesla-Bereich, was einem Millionstel des Erdmagnetfelds entspricht – und das unter Alltagsbedingungen. Andere technische Lösungen erreichen nach Firmenangaben einen vergleichbaren Empfindlichkeitsbereich nur in besonderen Laborumgebungen und durch Abkühlung der Sensoren auf den absoluten Nullpunkt oder durch Aufheizen auf 150 Grad Celsius.
Qant-Technologie soll industriellen Fortschritt beschleunigen
Partner auf Kundenseite sind der Prothesenhersteller Ottobock und das Fraunhofer-Institut. „Es gibt schon jetzt Interessenten für andere Anwendungen, beispielsweise das Signal bei Lidschluss oder in der Speiseröhre aufzunehmen“, sagt Förtsch.
Der Qant-Chef kann sich aber auch Anwendungen in anderen Branchen vorstellen, etwa bei der Qualitätssicherung von Festplatten oder um Fehlströme in Leistungschips oder Batterien zu identifizieren.
Quantensensoren könnten den industriellen Fortschritt rasant beschleunigen und völlig neue Dinge möglich machen, stellt Förtsch in Aussicht. Es sei vergleichbar mit der „Einführung des Lasers in die industrielle Fertigung einst bei Trumpf".
Auch Trumpf-Aufsichtsratschef Peter Leibinger zeigte sich schon überzeugt: „Eines Tages werden Gedanken Maschinen steuern können“, sagte er. Im Gegensatz zu herkömmlichen Sensoren sei die Quantentechnologie so sensibel, dass sie im Prinzip auch Hirnströme messen könne. Aber so weit ist es aktuell noch nicht.
Gut finanziert durch die Mutter Trumpf
Das Familienunternehmen Trumpf hat in Qant mit seinen heute mehr als 100 Spezialisten einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag investiert. „Wir haben derzeit keinen Finanzierungsbedarf“, erklärt Firmenchef Förtsch.
Konkurrenten haben vor allem in Nordamerika zwar Zugang zu größeren Finanzierungsquellen. „Aber keiner ist so weit wie wir“, sagt Förtsch. Und nur für eine Idee mit Powerpoint-Präsentation bekomme man derzeit nicht mehr so leicht eine Finanzierung. „Das schützt uns etwas, denn wir haben dagegen schon etwas zu zeigen“, sagt der Qant-Chef. „Wir haben von Anfang an vertikal alle Komponenten selbst entwickelt. Deshalb sind wir jetzt so schnell.“
Berührungsängste mit Konkurrenten hat Förtsch nicht. Auf Einladung des MIT in Boston hat er erstmals einen Gastvorlesung gehalten. Die Professoren seien überrascht gewesen, dass Qant viel weiter als alle anderen bei seinen Quantensensoren sei, berichtet der Gründer. Angst, zu viel zu verraten, hat er nicht. Die Patente seien abgesichert.
Mit dem Magnetfeldsensor soll auch das wichtigste Langzeitprojekt des Unternehmens mitfinanziert werden: Qant arbeitet an Quantenchips, bei denen der Datentransport über Licht funktioniert und die völlig neue Rechenleistungen ermöglichen sollen.
Das Start-up leitet ein mit 50 Millionen Euro gefördertes Projekt zum Bau einer Anlage für photonische Quantencomputer-Chips. Auch hier gebe es Fortschritte, über die im Lauf des Jahres noch gesprochen werde, kündigt Förtsch an.