Technologie: Wie Deutschland mit Robotik und KI nach vorn kommen kann
Berlin. Für Peter Leibinger sind es die „guten Geschichten“: Vor allem mit Hochtechnologien, davon ist der gelernte Maschinenbauingenieur und Aufsichtsratschef der familieneigenen Trumpf SE überzeugt, sind deutsche Unternehmen in der Welt erfolgreich. Seine Schwester Nicola Leibinger-Kammüller macht es schließlich als Chefin von Trumpf vor.
Als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) hat der 58-Jährige nun in Berlin eine Studie präsentiert, wie Deutschland in der Robotik, der Quantentechnologie, der Künstlichen Intelligenz (KI) und der mRNA-Technologie in der Medizin wettbewerbsfähig werden kann. „Die Themen eignen sich, Optimismus zu entfachen“, sagte Leibinger bei der Präsentation der Analyse, die die Berater der Boston Consulting Group (BCG) für den BDI erstellt hatten.
In der Tat scheint das Potenzial riesig: Zum einen ist Leibinger davon überzeugt, dass Deutschland mit seiner Industrie die besten Voraussetzungen hat: Es gebe in der Industrie hochqualifizierte Hardware-Produzenten, darüber hinaus langfristiges Denken in der Wirtschaft und die Bereitschaft, Partnerschaften einzugehen. Deutschland könne das Spiel um die nächste Stufe der Technologieentwicklung gewinnen.
Zum anderen sehen die Berater von BCG ein enormes globales Wertschöpfungspotenzial: Auf bis zu acht Billionen Euro taxieren sie es allein im gesamten Bereich der Technologien mit hohem Innovationsgrad. Allein rund zwei Billionen Euro könnten es in den vier untersuchten Bereichen bis 2030 sein.
Diese Bereiche finden sich auch in der „Hightech Agenda“, die die Bundesregierung vorgelegt hat. Insgesamt sind es dort sechs Bereiche, die Mikroelektronik ebenso wie die klimaneutrale Mobilität und Energieversorgung kommen noch hinzu. All das will der Bund nun mit mehr als sechs Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren fördern.
Industrie mahnt zur Eile bei der Hightech Agenda
Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) nennt die Agenda mit ihren rund 30 Seiten das „Flaggschiff-Projekt“ ihres Hauses. „Nun gilt es, darauf aufzubauen“, heißt es mahnend in der Studie. „In welchen Schlüsseltechnologien wollen wir künftig stark sein? Wie übersetzen wir Forschungsexzellenz in Wertschöpfung? Bis wann wollen wir unsere Ziele erreichen?“
Die Studienautoren raten: Die Strategie- und Willensbildung müsse „schnellstmöglich in die operative Umsetzung überführt werden – mit mutigen Investitionen, der gezielten Bündelung von Forschungs- und Entwicklungskräften“. Gelinge dies, könne Deutschland „Made in Germany“ neu erfinden.
Liefern soll all das eine „Roadmap“, ein Fahrplan, den das Ministerium mit Vertretern der Bundesländer, der Wirtschaft und der Wissenschaft ab Herbst erarbeiten will.
„Wir müssen jetzt handeln“, sagt BCG-Berater Michael Brigl. Ganz gleich ob KI, Robotik oder hyperschnelle Quantencomputer: „Sie werden die Industrie massiv transformieren.“ Die Frage sei: Bieten wir die Technologien selbst an „oder werden wir Anwender und zahlen Lizenzgebühren“?
Eine wichtige Rolle spielt aus Sicht des BDI dabei die KI-Technik in Verbindung mit der Robotik. Enormes Potenzial könne es dabei mit der humanoiden Robotik geben, die etwa in Krankenhäusern zum Einsatz kommen könnte. Nun gelte es, die Forschung mit der Industrie zu verknüpfen und so dafür zu sorgen, dass Produkte am Markt bestehen.
Die Robotik sei „ein Schlüssel, um Wertschöpfung im Land zu halten“, ist sich Leibinger sicher. Mit ihr könne die Deindustrialisierung gestoppt und könnten Unternehmen dazu bewogen werden, wieder mehr in den Standort Deutschland statt in den USA oder China zu investieren.
„Deeptech ist am Anfang sauteuer“
„Deeptech“ sind für Leibinger Technologien, die einen wesentlichen Hardware-Anteil haben, die lange Forschung erfordern und einen kooperativen Ansatz sowie von Kosten der Basistechnologien abhängen. Am Anfang sei es „sauteuer“. Es sei aber entscheidend, dass Deutschland Schlüsselpositionen in den Wertschöpfungsketten besetze wie etwa schon in der Spezialchemie zur Produktion von Halbleitern. So bleibe das Land unabhängig.
Die BCG-Berater fordern zudem, deutsche Firmen müssten mehr Risikobereitschaft zeigen, etwa in mehrere Technologieansätze zu investieren, wohl wissend, dass sich nur einer oder zwei durchsetzen würden.
Leibinger ist ein großer Fan der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind). Die Organisation lobt sogenannte „Challenges“ aus, auf die sich dann Start-ups und Kooperationen bewerben können, um eine Innovation zu entwickeln. Überzeugen sie, fließt nur zwölf Tage später das erste Fördergeld, wie Leibinger sagt. Herkömmliche Förderverfahren dauerten drei Jahre und damit zu lange.
Doch sehen die BCG-Berater noch ganz andere Defizite. „Die Förderlandschaft ist so zersplittert, dass sie ein normaler Mittelständler nicht durchblicken kann.“ Europa, Bund, Länder, dazu noch unterschiedliche Stellen auf allen drei Ebenen – sie alle fördern Forschung.
Der Aufwand, einen Antrag zu stellen, sei hoch – und das Risiko, abgelehnt zu werden, ebenso. Wenn es dann doch gelinge, Fördergeld zu erhalten, dann sei das Unternehmen „in Berichtspflichten verstrickt“. So etwas würden Unternehmen in Amerika zum Beispiel nicht kennen. Auch die Sprind kenne das nicht.
„Wir glauben, dass wir durch eine geschickte Forschungsförderung, mit leichteren Genehmigungsverfahren und einer leichteren Finanzierung besser werden“, sagte Leibinger. „Bündeln und beschleunigen“, lautet sein Credo – anstatt mehr Geld.
„Die Schwester des Bündelns ist das Priorisieren“, mahnt er. „Wenn das Pferd tot ist, sollte man absteigen. Das tun wir in der Forschung zu wenig.“ Auch hier sei Sprind vorbildlich. Deren Experten legen Meilensteine fest. Werden sie verfehlt, endet das Projekt.