Auf Versand gebaut: „Amazon ist kein Kuschelladen“ – Wie der Großstratege und Kontrollfreak Jeff Bezos den Tech-Riesen formte
Der Amazon-Chef übergibt seinem Nachfolger ein selbst geschaffenes Imperium.
Foto: HandelsblattDüsseldorf, New York.
- Eine effektive Balance zwischen Gegensätzen hat Jeff Bezos zum größten Unternehmer unserer Zeit gemacht. Jetzt zieht er sich aus dem Tagesgeschäft bei Amazon zurück. Sein Nachfolger übernimmt ein Imperium über den Versandhandel hinaus.
- Bei Amazon ging es – gerade auf dem deutschen Markt – immer weiter nach oben. Und so soll es weitergehen. Doch auf den neuen Amazon-Chef Jassy wartet vor allem die Herausforderung, den Versandhändler zu einem besseren Arbeitgeber zu machen.
- Anleger zahlen für die Amazon-Aktie stets mehr als für die anderen Werte aus der Technologie-Branche. Doch der Konzern aus Seattle hat immer geliefert. Aus Hoffnungen und Spekulationen wurden reale Gewinne.
- Der scheidende Amazon-Chef gilt unter Führungskräfte als Vordenker. Viele Manager haben von ihm gelernt – darunter seine 14 „Leadership-Prinzipien“, an die sich Jeff Bezos bis heute hält.
In seinen letzten Monaten als Chief Executive Officer schlug Jeff Bezos zwei wichtige Schlachten. Eine ruhmreiche und eine kleinliche. Beide zeigen, was den Amazon-Gründer ausmacht. Die ruhmreiche ist schnell erzählt: Für knapp 8,5 Milliarden Euro kauft Amazon das legendäre Hollywood-Filmstudio MGM, Produzent unter anderem der James-Bond-Filme.
Damit sichert sich Amazon die Option, seinen Videostreamingdienst jederzeit mit MGM-Ware aufzupeppen und so der Konkurrenz von Netflix und Disney Paroli zu bieten. Ein typischer Bezos-Move: angreifen, bevor man sich verteidigen muss.
Die kleinliche Schlacht endete in den frühen Morgenstunden des 9. April. In Bessemer, Alabama, einem Vorort von Birmingham, wurden die letzten Stimmzettel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des örtlichen Amazon-Lagerhauses ausgezählt. Schließlich stand fest: Die Belegschaft hatte sich mehrheitlich dagegen entschieden, ihre Interessen künftig von der Groß- und Einzelhandelsgewerkschaft RWDSU vertreten zu lassen. Amazon bleibt in den USA gewerkschaftsfrei.
Vorangegangen war eine wochenlange Propagandakampagne. Sogar in den Toilettenkabinen habe das Amazon-Management Anti-Gewerkschafts-Pamphlete aufgehängt, berichten Mitarbeiter, genau auf Augenhöhe im Sitzen.