Bilanzcheck: SAP begeistert die Börse – doch der Druck bleibt hoch
Düsseldorf. Rund um die Hauptversammlung von SAP dürfte es feierlich werden: Wenn der Softwarehersteller am kommenden Mittwoch die Aktionäre nach Mannheim lädt, verabschiedet sich Mitgründer Hasso Plattner aus dem Aufsichtsrat. Elogen auf sein Lebenswerk sind ihm gewiss – erst recht beim Festakt tags darauf, zu dem sich Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigt hat.
Auch so wird die Stimmung beim Aktionärstreffen vermutlich gelöst sein. SAP hat in den vergangenen zwölf Monaten die Erwartungen der Aktionäre und Analysten zuverlässig erfüllt und Hoffnung auf profitables Wachstum verbreitet. Der Umsatz wuchs im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 31,2 Milliarden Euro, der bereinigte operative Gewinn um neun Prozent auf 8,7 Milliarden Euro, jeweils bereinigt um die im Juni verkaufte Tochterfirma Qualtrics.
Die Zahlen sind eine Bestätigung für SAP-Chef Christian Klein und seine Strategie. Im Herbst 2020 kündigte der Manager an, den Umbau des Softwareherstellers zu einer Cloud Company zu beschleunigen, mit hohen Investitionen. Der Aktienkurs stürzte daraufhin ab und erholte sich zunächst nur wenig.
Markus Golinski, Fondsmanager bei Union Investment, sagt: „Nach einigen volatilen Jahren ist bei SAP wieder Stabilität reingekommen – das Unternehmen hat eindeutig das Vertrauen der Aktionäre zurückgewonnen.“ Ein Beleg: Nach den Quartalsberichten reagiere die Aktie meist positiv, was früher oft nicht der Fall gewesen sei.
An der Börse sorgt das für Optimismus. Die Aktie ist binnen Jahresfrist um gut 43 Prozent gestiegen und notiert mit 176 Euro nur wenig unter dem Allzeithoch. Damit übertrifft SAP sowohl den deutschen Leitindex Dax 40 als auch den Nasdaq 100 – der ist für internationale Technologiewerte die wichtigste Referenz.
Der Druck auf das Management dürfte indes hoch bleiben. SAP steht bei den Investoren im Wort, bis 2025 einerseits das Cloud-Geschäft deutlich auszubauen und andererseits wieder deutlich mehr Gewinn und Cashflow zu liefern – was nur mit einer höheren Profitabilität möglich sein wird. Der Konzern muss also effizienter werden.
Eine Restrukturierung, bei der rund 8000 Stellen gestrichen werden, soll dazu beitragen, sorgt aber aktuell für schlechte Stimmung. Intern sind längst nicht alle in Feierlaune.
1. Umsatzquellen: Lukratives Erbe
Ob Produktentwicklung, Vertrieb oder Service: Unter Christian Klein richtet SAP das Geschäft komplett auf die Cloud aus. Kunden greifen also übers Netz auf die Programme zu – im Idealfall nutzen sie dadurch stets aktuelle Versionen und wandeln zudem Investitionen in Betriebsausgaben um. In der IT-Branche ist dieses Modell seit einigen Jahren Standard.
Die Strategie zeigte im vergangenen Jahr Wirkung: SAP steigerte den Umsatz mit Cloud-Produkten um 20 Prozent auf 13,7 Milliarden Euro, währungsbereinigt um 23 Prozent. Zudem hatte der Konzern zum 31. Dezember Aufträge über 44 Milliarden Euro in den Büchern – das „Total Cloud Backlog“ war damit 37 Prozent höher als ein Jahr zuvor.
Im Vergleich zur Konkurrenz entwickelt sich das Cloud-Geschäft beachtlich: Workday, das Lösungen für Finanz- und Personalmanagement anbietet, steigerte den Umsatz um 17 Prozent. Salesforce, Marktführer beim Kundenbeziehungsmanagement (CRM), verzeichnete ein Plus von 18 Prozent. Service Now übertraf alle drei mit 26 Prozent Zuwachs.
Klassische Softwarelizenzen spielen bei der Vermarktung von SAP kaum noch eine Rolle. Das Geschäft schrumpfte daher im vergangenen Jahr auf 1,8 Milliarden Euro. Trotzdem profitierte der Konzern weiter von der großen Kundenbasis: Die Firmen zahlten auf bestehende Installationen Wartungsgebühren. Aufgrund von Preiserhöhungen blieb der Erlös mit 11,5 Milliarden Euro fast konstant.
Zugleich macht man sich bei SAP Hoffnungen, dass die meisten Bestandskunden in den nächsten Jahren Cloud-Produkte kaufen. Die Investmentbank Morgan Stanley sieht den Konzern in einem „großen Upgrade-Zyklus“: Das Wachstumspotenzial sei wegen der geringen Marktdurchdringung der neuen Produktgeneration erheblich. Es ist eine Herausforderung und Chance zugleich.
Mit 4,3 Milliarden Euro Erlös wuchs das Geschäft mit Services wie Schulungen und Beratung weiter, allerdings bei vergleichsweise niedrigen Margen – hier geht es primär darum, den Verkauf anzukurbeln.
Die Umstellung des Geschäftsmodells hat einen positiven Nebeneffekt, den Aktionäre und Analysten zu schätzen wissen: Das Geschäft von SAP wird kalkulierbarer. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Konzern 81 Prozent „besser planbare Umsätze“ aus langfristigen Verträgen.
2. Produkte: SAP ändert Berichterstattung
Nur zu ausgewählten Produkten nennt SAP geschäftliche Details. Die Cloud-Version des Kernprodukts S/4 Hana etwa – ein Programm zur Steuerung von Geschäftsprozessen – steuerte 3,5 Milliarden Euro Umsatz bei, 67 Prozent mehr als im Vorjahr.
Mit dem Jahreswechsel ersetzt SAP diese Kennzahl jedoch: Nun fasst der Konzern unter „Cloud ERP Suite“ mehrere Lösungen zur Steuerung von Geschäftsprozessen zusammen, neben S/4 Hana etwa Produkte für E-Commerce, Personalwesen und Prozessoptimierung.
Viele Kunden, so das Argument, führen mit einem neuen Finanzsystem weitere Produkte ein. 2023 wuchs der Erlös dieses Portfolios um 29 Prozent auf 10,6 Milliarden Euro.
3. Operative Aufwendungen: Der Umbau kostet
Die Umstellung des Geschäftsmodells verursacht weiter hohe Kosten. So gab SAP 2023 mehr aus, um neue Angebote wie das Produktpaket „Grow with SAP“ in den Markt zu bringen, etwa mit Kampagnen und Schulungsangeboten.
Im ersten Halbjahr investierte der Konzern außerdem noch in eine einheitliche Infrastruktur für Cloud-Dienste – mit Abschluss des Projekts soll die Technik nun effizienter laufen.
Hinzu kamen Sondereffekte: Der Abbau von 3000 Stellen sollte zwar Einsparungen bringen, verursachte aber zunächst 215 Millionen Euro Restrukturierungskosten. Und für die Beilegung eines jahrelang schwelenden Bestechungsverfahrens bildete der Konzern eine Rückstellung in Höhe von 155 Millionen Euro.
Daneben machte sich die stürmische Entwicklung des Aktienkurses bemerkbar: Die Aufwendungen für anteilsbasierte Vergütungen stiegen 2023 um mehr als die Hälfte auf 2,2 Milliarden Euro und trieben so die Personalkosten in die Höhe – trotz einer moderaten Gehaltsrunde.
4. Profitabilität: Noch nicht auf Augenhöhe
Die Produktivität ist für das SAP-Management ein großes Thema: Der Softwarehersteller sei bei Cashflow, Marge und Gewinn noch nicht „mit allen Konkurrenten on par“, sagt Konzernchef Klein.
Das Betriebsergebnis sank im vergangenen Jahr auf 5,8 Milliarden Euro, die operative Marge ging um 2,1 Prozentpunkt auf 18,5 Prozent zurück.
In Teilen hat das mit der Veränderung des Geschäftsmodells zu tun: Der mit einer Bruttomarge von fast 90 Prozent hochprofitable Softwareverkauf wird zum Auslaufmodell, während die Cloud-Sparte noch nicht die optimale Größe erreicht hat.
SAP macht Fortschritte. Die Bruttomarge im Cloud-Geschäft stieg 2023 um 2,2 Prozentpunkte. Einige Arbeit ist aber noch zu tun: Die Investmentbank UBS kalkuliert, dass der Softwarekonzern die Marge bis 2025 um sechs Prozentpunkte verbessern muss, um das mittelfristige Ziel zu erreichen – ohne weitere Effizienzsteigerungen werde das nicht gehen.
5. Unternehmensverkauf: Extra-Cash dank Qualtrics
Die Begeisterung über Qualtrics hielt nicht lange an. Nur wenige Jahre nach der Übernahme verkaufte SAP den Marktforschungsspezialisten wieder vollständig – zum Kerngeschäft mit betriebswirtschaftlicher Software passte er nur bedingt. Christian Kleins Vorgänger Bill McDermott hatte den Deal eingefädelt.
Der Verkauf verschaffte dem deutschen Softwarehersteller aber einen willkommenen finanziellen Spielraum. 7,7 Milliarden Dollar (7,1 Milliarden Euro) erhielt SAP für die Beteiligung, die nach einem Teilbörsengang noch verblieben war. Nach Abzug der Kosten und Steuern stand ein Veräußerungsgewinn von 3,6 Milliarden Euro vor Steuern, den der Konzern in dem Segment Qualtrics verbuchte. Der Verkaufserlös fließt in ein Aktienrückkaufprogramm, das seit September 2023 läuft.
Ein positiver Nebeneffekt: Mit dem Verkauf passte SAP den Geschäfts- oder Firmenwert an, für den es keinen materiellen Gegenwert gibt. Dieser gilt als bilanzielles Risiko, etwa wenn bei schlechten Geschäften Abschreibungen nötig werden. Ende 2023 verbuchte der Konzern noch 29 Milliarden Euro Goodwill, vier Milliarden Euro weniger als ein Jahr zuvor.
6. Liquidität: Cashflow soll deutlich steigen
Als wertvollster Dax-Konzern befindet sich SAP in einer komfortablen finanziellen Situation, nicht nur wegen des Qualtrics-Verkaufs: Das Softwaregeschäft läuft hochprofitabel. Der Barmittelzufluss (Free Cashflow) stieg von 4,4 auf 5,1 Milliarden Euro.
Für das laufende Jahr erwartet das Management zwar einen deutlichen Rückgang, weil ein neues Restrukturierungsprogramm Kosten verursacht. Für 2025 gibt es aber 8,0 Milliarden Euro als Ziel aus.
Die Liquidität stieg im vergangenen Jahr auf 11,3 Milliarden Euro. Abzüglich der Finanzschulden blieben netto 3,5 Milliarden Euro. Anders gesagt: SAP hat mächtig Cash. Ob für Investitionen oder Übernahmen, Schuldentilgung oder Ausschüttungen. Den Kauf der Plattform LeanIX für 1,2 Milliarden Euro konnte SAP beispielsweise bequem bezahlen.
Zudem plant der Dax-Konzern eine Erhöhung der Dividende. Die Ausschüttung soll um sieben Prozent auf 2,20 Euro pro Aktie steigen, was einer Ausschüttungsquote von 43 Prozent entspricht. Für die Kurspflege kommt zudem ein Aktienrückkaufprogramm hinzu, das bis ins nächste Jahr läuft – und vielleicht auch künftig für gelöste Stimmung sorgt.
7. Risikokapital: Start-up-Krise belastet
Während SAP ein profitables Wachstum vorweisen kann, tun sich viele Start-ups derzeit schwer. Das bekommt der Softwarehersteller indirekt zu spüren, da er über die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Sapphire Ventures in junge Unternehmen investiert – und die stehen in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und hoher Zinsen unter Druck.
Zwar verzeichnete der Softwarehersteller, der Mittel in Höhe von knapp einer Milliarde Euro zugesagt hat, über den Risikokapitalfonds 380 Millionen Euro Finanzierungserträge, etwa durch Zeitwertanpassungen und Verkäufe. Dem standen jedoch Aufwendungen in Höhe von 525 Millionen Euro gegenüber. Einschließlich Zinsaufwendungen verbuchte SAP ein negatives Finanzergebnis in Höhe von 456 Millionen Euro.