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Digitale ForensikCellebrite hilft Ermittlern weltweit, Kriminalfälle zu lösen

Digitale Geräte rücken immer mehr in den Fokus der Kriminalisten. Cellebrite aus Israel verspricht, den Handys ihre Geheimnisse zu entlocken. Die Hürden für den Einsatz sind jedoch hoch.Pierre Heumann 05.04.2024 - 12:13 Uhr
Ein Ermittler durchsucht Computerdaten mit der Software von Cellebrite, die zur Aufklärung von Verbrechen gegen Kinder entwickelt wurde. Foto: Cellebrite DI via AP

Tel Aviv. Im Fernsehkrimi suchen die Ermittler an Tatorten nach Fasern, Fingerabdrücken oder DNA-Spuren, um einen Fall zu lösen. „Diese Methoden reichen im polizeilichen Alltag nicht mehr aus“, sagt Yossi Carmil, Chef von Cellebrite, dem Handelsblatt. Das Unternehmen aus Israel ist nach eigenen Angaben Marktführer für digitale Ermittlungslösungen.

Die Zahl der weltweit gespeicherten Daten nimmt rasant zu. Petabytes lagern in einer Vielzahl von digitalen Geräten. Strafverfolgungsbehörden nutzen daher die Technologie von Firmen wie Cellebrite, um Daten zu sammeln, zu prüfen, zu analysieren und zu verwalten – wenn es rechtlich zulässig ist. Denn die digitale Fahndung stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die Grundrechte dar.

An mehr als 2,5 Millionen Ermittlungen zu Finanzverbrechen, Vergewaltigungen, Morden und Terroranschlägen waren die Cellebrite-Produkte nach Firmenangaben im vergangenen Jahr beteiligt. So wurden sie zum Beispiel in Frankreich bei der Untersuchung des Anschlags auf die Konzerthalle Bataclan in Paris eingesetzt. Bei dem islamistischen Terrorangriff im November 2015 waren 90 Menschen getötet worden.

Cellebrite-Chef Yossi Carmil: „Digitale Beweise spielen heute eine immer wichtigere Rolle.“ Foto: Cellebrite

Ende 2015 überführte eine britische Polizeibehörde mithilfe von Cellebrite den Mörder von Kayleigh Haywood. Das15-jährige Mädchen verschwand, nachdem es mit einem 21-jährigen Mann Texte und Nachrichten ausgetauscht hatte. Im Sommer 2020 nutzte die isländische Polizei die Plattform, um die Diebe des größten Raubüberfalls in der Geschichte des Landes zu fassen.

„Digitale Beweise spielen heute eine immer wichtigere Rolle“, sagt Carmil und erklärt: „So wie viele Fälle physische DNA enthalten, so enthalten sie auch digitale DNA – die Menge der Daten, die durch die Interaktionen und das Verhalten von Personen in unserer vernetzten Welt entstehen.“

Der Aktienkurs von Cellebrite ist dieses Jahr um 30 Prozent gestiegen

Diese digitale DNA habe die Bedeutung von physischen Beweisen bei der Lösung von Fällen überholt. „Mit unserer Technologie kann die Polizei Daten in aussagekräftige, gerichtsverwertbare Beweise umwandeln und einen Fall abschließen, um die Justiz zu beschleunigen“, sagt Carmil. Seine Plattform helfe der Polizei, „neun von zehn Fällen zu lösen,“ schätzt er.

Die Nachfrage steigt. Das 1999 gegründete Unternehmen, das im September 2021 an die US-Technologiebörse Nasdaq ging, ist heute mit Niederlassungen in Deutschland, in den USA, Frankreich, Indien, Großbritannien und Japan vertreten.

Seit mehr als 19 Jahren leitet der frühere Siemens-Manager Carmil das Unternehmen. Es bedient mit mehr als 1000 Mitarbeitenden, die Hälfte davon in der Zentrale in einem Vorort in Tel Aviv, insgesamt 6900 Kunden und erzielte 2023 einen Umsatz von 325 Millionen Dollar, ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte Betriebsergebnis lag bei rund 62 Millionen Dollar. Nach positiven Quartalszahlen ist die Aktie im Februar stark gestiegen und hat dieses Jahr bereits rund 30 Prozent hinzugewonnen.

Der Markt für Produkte wie von Cellebrite wächst. Polizeibehörden auf der ganzen Welt haben digitale forensische und investigative Einheiten eingerichtet, um Daten von Smartphones, Laptops, vernetzten Autos, Smartwatches, Chipkarten oder Drohnen zu sammeln, zu untersuchen und zu analysieren.

Carmil schätzt den Marktanteil von Cellebrite allein im mobilen Bereich auf rund 40 Prozent. Konkurrenten sind vor allem Magnet Forensics aus Kanada sowie die US-Firmen Pen-Link und Exterro, deren Tools ebenfalls helfen, wichtige digitale Beweise wie E-Mails, Daten von Überwachungskameras oder Posts in sozialen Medien zu sammeln.

Katz-und-Maus-Spiel mit Apple und Google

Die Herausforderungen werden aber auch für diese Anbieter immer größer. Zum einen nimmt die Datenmenge mit jeder neuen Version der Geräte zu, sagt Guido Hartmann, der bis vor Kurzem in Deutschland im Bereich der IT-Forensik tätig war. Zum anderen gäben die Hersteller von Betriebssystemen wie Apple oder Google ihre Kerndaten nur ungern preis.

Carmil beschäftigt daher ein großes Team von Entwicklern, von denen viele aus einer Tech-Einheit der israelischen Armee stammen. Sie versuchen ständig, mit den Verbesserungen der Gerätehersteller und ihrer Betriebssysteme Schritt zu halten, damit die Ermittler in der Lage sind, verschlüsselte Daten aus den Geräten zu extrahieren. Jedes Jahr würden weltweit 10.000 Polizeibeamte in der israelischen Software geschult, auch in Deutschland.

Unternehmen wie Cellebrite machen sich die Tatsache zunutze, dass Hard- und Software immer Fehler haben. „Es ist eine Art Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cellebrite und Google oder Apple“, sagt Riana Pfefferkorn vom Stanford Internet Observatory. Cellebrite nutze Schwachstellen in Betriebssystemen wie iOS oder Android aus. Wenn dann Apple oder Google die Sicherheitslücken schließen, müssten die Israelis ein anderes Einfallstor finden.

Kürzlich hat Cellebrite seine neue Case-to-Closure(C2C)-Plattform präsentiert, die den Strafverfolgungsbehörden nicht nur helfen soll, die Komplexität rechtlich genehmigter digitaler Ermittlungen zu bewältigen und Fälle schneller zu lösen. Sie soll auch gleichzeitig den Datenschutz gewährleisten.

Einsatz der Cellebrite-Software benötigt eine richterliche Genehmigung

Denn wenn sich der Anwendungsschwerpunkt heutiger Smartphones auch immer mehr vom eigentlichen Telefonieren wegbewegt, unterliegen sie immer noch dem Fernmeldegeheimnis. Handys sowie die darin enthaltenen SIM-Karten und Speichermedien seien durch das Grundgesetz geschützt, sagt IT-Experte Hartmann.

Um die Daten aus dem Gerät zu extrahieren, ist deshalb eine richterliche Genehmigung erforderlich, ähnlich wie bei einem Durchsuchungsbefehl für Wohnungen. Die richterlichen Genehmigungen für die Extraktion digitaler Ressourcen sind auf wenige Stunden begrenzt. In dieser Zeit aktivieren die Ermittler die Cellebrite-Lizenz und rufen die Daten aus dem Tool ab.

Deutschland und Israel hätten die strengsten Vorschriften, sagt Carmil. Handydaten dürfen nur bei schwersten Straftaten ausgelesen werden. Die Behörden müssen immer abwägen, ob der Eingriff in die Grundrechte gerechtfertigt werden kann.

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Unterschiedlich gehandhabt – und noch umstrittener – ist der Einsatz digitaler Forensik bei der Überwachung von Asylbewerbern. In Bayern knackt und durchsucht das Landesamt für Asyl und Rückführungen mit Cellebrite-Software Handys und Laptops von Personen, die nicht abgeschoben werden können, etwa weil sie keine Reisepapiere vorweisen können.

Auch die Berliner Ausländerbehörde setzte vor einem Jahr eine Software ein, um die Geräte von Menschen zu überwachen, die abgeschoben werden sollten. Inzwischen hat sie davon Abstand genommen. Denn dies sei nicht nur ein tiefer Eingriff in die Privatsphäre. Handys von ausreisepflichtigen Geflüchteten per Software zu durchsuchen lohne sich nicht, befand die Behörde. In Zukunft will sie die Geräte der Ausreisepflichtigen wieder „per Hand“ auswerten.

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