Halbleiterhersteller: Infineon muss um Milliardendeal in den USA zittern
Mit Cypress wollte Infineon sein Kerngeschäft aus Leistungshalbleitern, Sensoren und Sicherheitscontrollern stärken.
Foto: dpaMünchen. Monatelang hat Infineon-Chef Reinhard Ploss für den neun Milliarden Euro schweren Deal gekämpft. Nun sieht alles danach aus, als seien seine Bemühungen umsonst gewesen. Denn die US-Behörden sprechen sich gegen den Kauf des amerikanischen Wettbewerbers Cypress durch Deutschlands größten Halbleiterhersteller aus.
Das meldet die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf mit dem Vorgang vertraute Personen. Demnach bewertet das Komitee für ausländische Investitionen in den USA (CFIUS) die Übernahme als ein Risiko für die nationale Sicherheit. Infineon habe versucht, sich mit der US-Regierung zu einigen, sei damit aber gescheitert.
Der Dax-Konzern wollte sich am Freitagmorgen auf Handelsblatt-Anfrage nicht dazu äußern. Laufende Verfahren würden nicht kommentiert, hieß es. Auch die US-Behörden und Cypress gaben keine Stellungnahmen ab. Offenbar fürchten die US-Aufseher, dass mit der Transaktion amerikanisches Know-how in die Hände der Chinesen gelangen könnte. Infineon erzielt gut ein Viertel vom Umsatz in der Volksrepublik.
Das letzte Wort in der Sache hat der US-Präsident. Zwei große Deals in der Halbleiterbranche hat Donald Trump bereits untersagt. Die Übernahme des führenden Herstellers von Handychips, Qualcomm, durch Broadcom, sowie den Verkauf von Lattice Semiconductor an Investoren mit Verbindung zu China.
Infineon selbst war schon 2017 mit dem Versuch gescheitert, den amerikanischen Mitbewerber Wolfspeed zu kaufen. Auch damals hatte die Behörde CFIUS Bedenken. Noch vor zwei Wochen hatte Infineon-Chef Ploss erklärt, sein Unternehmen sei in „produktiven Gesprächen“ mit den Behörden in den USA.
Der Manager gab sich auf der Hauptversammlung zuversichtlich: „Stand heute gehen wir davon aus, dass wir die Übernahme gegen Ende dieses oder Anfang des kommenden Quartals abschließen können.“ Ploss hatte die größte Transaktion der Firmengeschichte im vergangenen Juni verkündet, seither zogen sich die Unterredungen.
Amerikaner haben Angst vor Chinas Einfluss in der Zukunft
„Die CFIUS hat bei Infineon vor allem die Sorge, dass die Chinesen eines Tages Infineon komplett oder zumindest einen großen Anteil daran übernehmen und damit Zugriff auf diese wichtige Technologien bekommen“, erläutert der Gründer der Branchenberatung Recon Analytics, Roger Entner. Er hält ein Verbot daher für wahrscheinlich. Der US-Behörde CFIUS für Auslandsinvestitionen werde schließlich immer klarer, dass Halbleiter sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich gebraucht werden.
„Gerade deutsche Unternehmen gelten als anfällig für chinesische Einflussnahme“, sagt Roger. In Deutschland habe es schließlich schon Fälle wie Kugler gegeben, bei denen Chinesen eingestiegen sind, um an die Technologie zu kommen.
Dennoch galubt Entner nicht wirklich, dass die Cypress-Übernahme durch Infineon wirklich eine Gefahr darstelle. Die Amerikaner hätten theoretisch auch die Möglichkeit, eine potenzielle chinesische Übernahme von Infineon zu verhindern.
Aber es sei eben auch eine politische Frage: „Wenn das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA enger wäre, wären diese Probleme kleiner“, ist Entner überzeugt.
Anteilseigner würden hohen Preis zahlen
Sollte Trump den Kauf tatsächlich untersagen, wäre das ein schwerer Schlag für Ploss. Mit Cypress werde Infineon sein Kerngeschäft aus Leistungshalbleitern, Sensoren und Sicherheitscontrollern stärken, führte Ploss Mitte Februar auf der Hauptversammlung aus. So könne Infineon ein breiteres Anwendungsspektrum bedienen und den Kunden vollständige Lösungen anbieten.
Daraus dürfte nun nichts werden. Zudem wäre der Konzern unter die zehn größten Chiphersteller der Welt vorgerückt. Die Aktionäre aber sahen die Übernahme ohnehin nicht nur positiv. Die strategische Logik sei zwar einleuchtend, meinte Markus Golinski, Portfoliomanager von Union Investment auf der Hauptversammlung.
Infineon werde damit zum weltgrößten Chiplieferanten für die Automobilindustrie aufsteigen, einen besseren Zugang zum japanischen Markt bekommen und die Produktlücke bei Mikrocontrollern schließen. Die Anteilseigner würden dafür aber einen hohen Preis zahlen: Zum einen durch den Verwässerungseffekt, der durch die Kapitalerhöhung im Juni zu niedrigen Kursen besonders weh getan habe.
Zum anderen durch den Anstieg der Verschuldung, der zu einer Verschlechterung des Bonitätsratings und damit zu höheren Finanzierungskosten führen könnte. „Welche Rendite diese Investition von 9 Milliarden Euro abwerfen wird, ist noch ungewiss“ , monierte Golinski.
Damit nicht genug: „Die angestrebte Stärkung der Marktposition, die geplanten Synergieeffekte und die daraus resultierenden höheren Gewinne müssen erst noch gezeigt werden.“ Zudem sei der Preis an der Schmerzgrenze.So mancher Aktionär zweifelte allerdings schon länger daran, dass Infineon überhaupt die Genehmigung bekommen würde.
„Wir haben schon einmal in den USA schlechte Erfahrungen gemacht“, unterstrich Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Aktionärsschützerin könnte recht behalten. Sollte die Übernahme tatsächlich platzen, dürften hohe Entschädigungszahlungen auf Infineon zukommen.
Zudem sitzt der Konzern auf mehreren Milliarden Euro, die er sich bereits für die Übernahme besorgt hat – durch eine Kapitalerhöhung sowie durch Anleihen. Die Cypress-Aktien verloren am Donnerstag in New York bereits fast ein Fünftel an Wert. Die Papiere von Infineon gaben am Freitagmorgen im frühen Handel in Frankfurt gut vier Prozent nach.