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HalbleiterherstellerIntel steckt in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten – Chipriese schrumpft und muss sparen

Der Umsatz des einst größten Chipherstellers der Welt geht rasant zurück, der Gewinn bricht ein. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.Joachim Hofer 28.10.2022 - 09:40 Uhr Artikel anhören

Der Chipkonzern baut intern um und will sparen.

Foto: Reuters

München. „Nur die Paranoiden überleben“, schrieb Intel-Mitgründer Andy Grove Mitte der 1990er-Jahre in seinem gleichnamigen legendären Buch. Zu dieser Überlebensstrategie gehöre eine wichtige Erkenntnis: Jedes Unternehmen komme immer wieder an einen Punkt, an dem es sein Geschäft radikal ändern müsse. Sonst gehe es unter.

An solch einem Wendepunkt ist Intel nun offenbar angekommen. Der Umsatz des einst größten Chipherstellers der Welt schrumpft rasant. Im abgelaufenen Quartal sanken die Erlöse im Jahresvergleich um ein Fünftel auf 15,3 Milliarden Dollar. Und die über Jahrzehnte hinweg üppigen Margen sind fast vollständig geschmolzen. Unterm Strich brach der Gewinn um 85 Prozent auf eine Milliarde Dollar ein.

Und nichts deutet darauf hin, dass der Abwärtstrend bald endet. So kassierte Vorstandschef Pat Gelsinger am späten Donnerstagabend bereits zum zweiten Mal dieses Jahr seine Prognose. Wenn es so kommt wie nun verkündet, werden die Erlöse 2022 gegenüber dem Vorjahr um ein Fünftel fallen. Statt 76 Milliarden Dollar wird der US-Konzern nun maximal auf 64 Milliarden Umsatz kommen.

Intel bricht mit Traditionen

Der 61-Jährige bricht daher mit jahrzehntelang gepflegten Traditionen: Fabriken und Chipentwicklung waren bisher eng verzahnt. Das soll sich ändern: Die Werke sollen zum internen Auftragsfertiger werden, also zu einer eigenen Einheit, die nur dann die Aufträge bekommt, wenn sie wettbewerbsfähig ist. Die Entwickler wiederum sollen nach den cleversten Lösungen für die Halbleiter suchen und nicht die bevorzugen, mit denen die Fabriken am besten zurechtkommen.

Intel solle so wendiger und konkurrenzfähiger werden, teilte Finanzchef David Zinser mit. Vor allem aber muss Intel effizienter werden. Kommendes Jahr sollen die Kosten um drei Milliarden Dollar sinken, bis 2025 sogar um bis zu zehn Milliarden. Wie viele Jobs wegfallen, ließ das US-Unternehmen bei der Verkündung der Quartalszahlen offen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg von Mitte Oktober sollen mehrere Tausend Stellen gestrichen werden.

Konzernchef Gelsinger sieht vor allem einen Grund für die Misere: die Konjunkturflaute. „Das sich verschlechternde Umfeld war die Geschichte und ist die Geschichte“, sagte Gelsinger. Es gebe derzeit einfach keine guten Wirtschaftsnachrichten.

Intel verliert Marktanteile

Das stimmt, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Intel verliert Marktanteile, weil die Konkurrenz überzeugendere Produkte anbietet. Wettbewerber AMD geht es besser als Intel. So ist der Umsatz im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 29 Prozent auf 5,6 Milliarden Dollar gewachsen.

Intel lebt im Wesentlichen von Prozessoren für PCs, Notebooks und Server. Sie sind das Gehirn eines jeden Rechners. Jahrzehntelang dominierte der Konzern den Milliardenmarkt. Doch der Abstand zu Konkurrenten wie AMD und Nvidia schwindet.

Der Sparplan des Intel-Chefs kommt an der Börse gut an.

Foto: Bloomberg

Im derzeitigen Abschwung rächt sich, dass Intel noch immer stark vom Geschäft mit PCs und Notebooks abhängig ist und es nicht geschafft hat, in neue Märkte zu expandieren. Die Hälfte vom Umsatz erzielt das Unternehmen in diesem Markt. Den Marktforschern von Gartner zufolge haben die PC-Hersteller im dritten Quartal knapp ein Fünftel weniger Geräte ausgeliefert als im Vorjahr. Sie sind die wichtigsten Kunden von Intel.

„Die Ergebnisse dieses Quartals könnten eine historische Talfahrt des PC-Marktes markieren“, warnte Gartner-Analyst Mikako Kitagawa.

Auch ohne die Flaute auf dem PC-Markt hätte Intel aber ein Problem. Immer mehr Computerhersteller bauen Prozessoren ein, die auf einem konkurrierenden Konzept des Chipdesigners ARM beruhen. Die Architektur der Briten verwendet beispielsweise Apple für seine M-Chips. Auch Microsoft, Nvidia und Qualcomm nutzen die bislang hauptsächlich in Smartphones eingesetzte Plattform nun für Bürorechner oder Server.

Cloudanbieter wenden sich von Intel ab

Die Marktforscher von Gartner gehen davon aus, dass in drei Jahren jeder sechste PC mit einem ARM-Prozessor läuft. 2019 habe der Marktanteil ein Prozent betragen, so die Experten. Der Vorteil von ARM-Prozessoren: eine längere Batterielaufzeit, weniger Fläche, der Verzicht auf Lüfter und eine integrierte Verbindung mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G.

Auch Cloudanbieter würden künftig häufiger Prozessoren einsetzen, die mit ARM-Architektur arbeiten. Konzerne wie Amazon oder Google entwickeln ihre Prozessoren inzwischen selbst – und verzichten auf Intel-Chips. „Die Flexibilität, Prozessoren entwerfen zu können, die für einen Workload optimiert sind, bietet erhebliche Vorteile für Cloud-Service-Provider, die eine große Menge an standardisierten Servern einsetzen“, erklärt Gartner.

Für Intel ist das bedrohlich. Schließlich war das Geschäft mit Server-Chips über Jahre hochprofitabel. Im dritten Quartal ist der operative Gewinn der Sparte jedoch auf magere 17 Millionen Dollar gesunken, ein Minus von mehr als 99 Prozent.

Die Börse fasst wieder Vertrauen in Intel

Immerhin: Mit seinem Kostensenkungsplan konnte der Intel-Chef die Anleger zum Wochenschluss zum ersten Mal seit Monaten wieder überzeugen. Die Maßnahmen seien aggressiver, als die Investoren erwartet hätten, heißt es bei der Investmentberatung Evercore. Im nachbörslichen Handel in New York stieg der Kurs am Donnerstagabend um fast sechs Prozent.

Schon zur Wochenmitte war Gelsinger auf dem Parkett ein Achtungserfolg gelungen: Der Aktienkurs der israelischen Tochter Mobileye schoss am Donnerstag, dem ersten Handelstag, um 38 Prozent in die Höhe. Weil die Bewertung im Vorfeld der Emission weit unter den Erwartungen von Intel gelegen hatte, verkaufte Gelsinger nur wenige Papiere des Spezialisten für das autonome Fahren.

Angesichts des kräftig gestiegenen Kurses kann der Manager in Zukunft aber mit deutlich höheren Erlösen rechnen, wenn er sich wie angekündigt von weiteren Anteilen trennt. Gelsinger braucht die Einnahmen, um sein Investitionsprogramm zu finanzieren. Der Manager errichtet für einen zweistelligen Milliardenbetrag weltweit hochmoderne Werke, um zum Technologieführer TSMC aufzuschließen – unter anderem in Magdeburg.

Experten gehen trotz der schwachen Zahlen davon aus, dass Gelsinger es schafft, Intel wieder aufzurichten. „Pat Gelsinger ist die ideale Besetzung. Als Ingenieur kennt er die technischen Herausforderungen im Detail und versteht zudem die betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten“, sagt Peter Fintl, Chipexperte der Beratungsgesellschaft Capgemini.

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