KI: Airbus erprobt mit Start-ups intelligente Drohnenschwärme
Das Kampfflugzeug der Zukunft soll von Drohnen begleitet werden und in Echtzeit über Satelliten kommunizieren können.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Kampfflugzeuge sollen künftig von Drohnenschwärmen begleitet werden. Dafür braucht die Bundeswehr Künstliche Intelligenz (KI). Das Planungsamt der Bundeswehr hat Airbus Defense and Space jetzt mit einer zweiten Studie dazu beauftragt.
Wie das Handelsblatt exklusiv erfuhr, will das Münchener Unternehmen spezielle Schwarm-Algorithmen zusammen mit zwei Start-ups erproben.
Schwarmtechnologie gewinnt militärisch an Bedeutung. China, die USA und Russland arbeiten schon lange an großen Drohnenschwärmen. Diese könnten künftig aus der Luft, unter Wasser oder an Land angreifen und sind nur schwierig abzuwehren. Zudem wären sie als vernetztes System in der Lage, schnell ein großes Gebiet aufzuklären. Je autonomer die Schwärme werden, desto mächtiger werden sie.
Gerade China treibt die Entwicklung voran. Die Volksrepublik hatte schon 2017 gezeigt, dass sie mehr als tausend smarte Drohnen in einem Schwarm koordinieren kann. „Es gibt Anzeichen, dass China dem Westen bei dieser Technologie voraus sein dürfte“, sagt Lorenz Meier. Er ist Mitgründer von Auterion, einem Schweizer Spezialisten für Drohnensoftware. „Damit haben wir aus westlicher Sicht keine Wahl, ob wir uns Schwarmtechnologien angucken: Wir müssen uns mindestens auf Forschungsebene dem Problem stellen“, sagt Lorenz Meier.
Drohnenschwärme sollen auch bei den zentralen Zukunftsprogrammen der europäischen Rüstungsindustrie eine wichtige Rolle spielen, etwa beim Future Combat Air System (FCAS). Der Kampfjet der nächsten Generation soll im Verbund mit Drohnen agieren, die bestimmte Aufgaben übernehmen, sie könnten etwa zur Aufklärung vorgeschickt werden. Der Verlust einer Drohne wäre nicht so teuer wie der des Kampfflugzeugs. Die Systeme sollen von Piloten im Kampfjet gesteuert werden können.
Drohnen müssen autonomer werden, damit Kampfjet-Piloten sie steuern können
Doch solange ein Mensch festlegen muss, welche Drohne was tun soll, scheint das undenkbar. Kampfjet-Piloten müssen heute schon viele Systeme parallel überwachen. Sie dürften kaum in der Lage sein, zusätzlich mehrere Drohnen zu führen. Deshalb müssen die Schwärme weitgehend autonom werden.
In der neuen Studie soll deshalb erprobt werden, wie sich Drohnenschwärme mithilfe von KI selbst koordinieren können. In einer ersten Studie – genannt KITU 1 – hatte Airbus dafür ein theoretisches Konzept ausgearbeitet. Die Abkürzung steht für „Künstliche Intelligenz für taktische unbemannte Flugsysteme“. Im nächsten Schritt stehen nun auch Praxistests an.
Es ist für Jetpiloten nicht möglich, während des Fluges noch Drohnen zu steuern.
Foto: Reuters„Forschungsvorhaben wie KITU 2 sind bedeutsam mit Blick auf die Realisierung großer europäischer Verteidigungsprogramme wie etwa das ‚Future Combat Air System‘, bei dem Aspekte wie Drohnenschwärme, KI oder Cloud-Computing eine wesentliche Rolle spielen“, sagt Michael Schöllhorn, CEO von Airbus Defence and Space.
Für KITU 2 schließt sich Airbus Defense and Space mit zwei Start-ups zusammen. Die Münchener Drohnen-Firma Quantum Systems liefert Aufklärungsdrohnen an die Ukraine. Das thüringische Jungunternehmen Spleenlab hat sich auf maschinelles Lernen und autonome Systeme in der Mobilität spezialisiert und arbeitet bereits eng mit Quantum Systems zusammen.
KI: Drohnen sollen feindliche Fahrzeuge finden können
Was die drei Partner zeigen wollen, nennt sich „auftragsbasierte Führung.“ Quantum-Systems-Gründer Florian Seibel erklärt: Statt einzelne Drohen manuell zu steuern, soll dem Schwarm ein Ziel gesetzt werden. „Ein Auftrag an den Drohnenschwarm könnte sein: Finde alle feindlichen Fahrzeuge“, sagt er. Das System müsse dann selbst entscheiden, mit welcher Drohne sie welchen Bereich abfliegt und welche Sensoren eingesetzt werden.
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Dass das funktionieren kann, sieht man bereits in Nordamerika. „Die USA sind Deutschland drei Jahre voraus“, sagt Auterion-Mitgründer Meier. Mit dem US-Hersteller Skydio setzt seine Firma die auftragsbasierte Führung von Drohnen für das US-Verteidigungsministerium bereits um. In den USA läuft seine Software auch auf Drohnen von Quantum Systems.
Viele Experten sehen die Gefahr von Drohnenschwärmen vor allem darin, dass sie relativ leicht nachzubauen sind. Wer die nötige Software besitzt, könnte sich Kleinstdrohnen im Internet bestellen und diese bewaffnen. Eine andere Befürchtung ist, dass ein Drohnenschwarm außer Kontrolle gerät.
In den USA gibt es Forderungen nach einer Regulierung von Drohnenschwärmen
„Die Amerikaner sehen einen Regulierungsbedarf für Schwarmtechnologie, und ich halte das für notwendig und sinnvoll“, sagt Meier. „Ein Mensch sollte den Plan sehen und bestätigen müssen, bevor er ausgeführt wird.“ Zudem sollten Drohnenschwärme keine allgemeingefassten Aufträge erhalten, sondern Aufgaben, die zeitlich, örtlich und in Bezug auf die Einsatzmittel – wie bewaffnete und unbewaffnete Drohnen – klar eingegrenzt sind.
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Bei der Bundeswehr sind solche Szenarien noch weit weg. Mit der nächsten Studienphase soll zunächst gezeigt werden, dass eine autonome Koordination auch praktisch möglich ist. Den Auftrag wollen sich die Firmen so aufteilen:
Airbus Defense and Space will unter anderem Schwarm-Algorithmen, Simulationsprogramme sowie experimentelle Hardware in den Test mit einbringen.
Quantum Systems stellt zwei verschiedene Drohnentypen bereit. Der Vector ist in der Ukraine bereits im Einsatz und hat laut Unternehmen eine Reichweite von drei Stunden und 30 Kilometern. Der Multicopter Scorpion fliegt niedriger. Er ist etwa für die Begleitung von Militärkonvois konzipiert und könnte auch über ein Kabel mobil mit Strom versorgt werden.
Spleenlab soll Expertise im Bereich Edge-Computing einbringen: Militärische Systeme müssen in der Lage sein, Daten mit KI lokal zu verarbeiten. Denn durch elektronische Störung können Gegner verhindern, dass große Datenmengen hin- und hergeschickt werden.
Die Erprobung soll auf den Ergebnissen der ersten Studienphase aufbauen. Da ausschließlich Airbus Defense and Space diese Ergebnisse kennt, hätte das Unternehmen den Zuschlag wohl auch allein bekommen. Zu der Zusammenarbeit mit den Start-ups sagt Schöllhorn: „Kooperationen auf Basis solcher Studien liefern wichtige Impulse, um ein Ökosystem in Deutschland aufzubauen, mit dem wir unsere Expertise in Zukunftstechnologien stärken und gezielt für die Verteidigungsfähigkeit Europas einbringen können.“
Erstpublikation: 03.07.2023, 10:00 Uhr.