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Mitchell BakerFirefox-Entwickler Mozilla kämpft gegen den Bedeutungsverlust

Der Marktanteil des Browsers schwindet seit Jahren. Die langjährige Chefin Mitchell Baker setzt auf neue KI-Anwendungen – und hofft im scharfen Wettbewerb auf die Hilfe der Aufseher.Nadine Schimroszik 24.10.2023 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Die US-Juristin Mitchell Baker leitet die gemeinnützige Mozilla-Stiftung und die profitorientierte Mozilla Corporation, die hinter dem Browser Firefox steht.

Foto: Mozilla

Berlin. 25 Jahre nach der Gründung muss der Entwickler des Webbrowsers Firefox um seine Zukunft kämpfen. „Der Wettbewerb ist hart“, sagte Mitchell Baker, Chefin der Mozilla-Stiftung und deren kommerzieller Tochter Mozilla Corporation, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Marktumfeld sei herausfordernd.

Das zeigt sich an den Zahlen: Seit Jahren verliert Firefox Marktanteile an den dominierenden Chrome-Browser von Google sowie Edge von Microsoft und Safari von Apple. Laut Statista kam das quelloffene Programm zuletzt weltweit auf sechs Prozent, vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei fast einem Fünftel.

Baker weiß, wie schnell sich Machtverhältnisse zementieren und Dominanzen entwickeln. „Zeit ist nicht unser Freund“, sagt sie. Die 66-jährige Amerikanerin betonte, ihr sei bewusst, dass Mozilla nicht wie die Konkurrenz daherkommen könne. „Für uns stellt sich immer die Frage, wie wir schnell genug sein können und dabei nicht wie die anderen sind. Wir müssen Vorteile bieten“, erklärt die US-Amerikanerin.

Jedes Gerät, auf dem die Browser laufen, werde von einem Großkonzern kontrolliert, beklagt Baker. „Es gibt keinen fairen Wettbewerb.“ Es benötige wenigstens einen Anbieter, der anderen Spielregeln folge. Die Managerin hofft nun darauf, dass die Regulierungsbehörden Mozilla gegen die Übermacht der Konzerne helfen, gerade in Europa. Gleichzeitig will sie mit einer Initiative für Künstliche Intelligenz (KI) ein weiteres Standbein aufbauen.

Der deutsche Medienwissenschaftler Martin Andree sieht Mozilla allerdings in einer schwierigen Lage: „Wie in allen digitalen Märkten, die von Monopolen oder Oligopolen besetzt sind, haben es kleinere Herausforderer besonders schwer, sich gegen Big Tech zu behaupten.“

Mozilla-Chefin: „Wir brauchen nicht jeden Penny“

Die Juristin Baker spielte 1998 eine zentrale Rolle bei der Gründung von Mozilla. Damals arbeitete sie in der Rechtsabteilung des Softwareunternehmens Netscape, das im sogenannten Browserkrieg gegen Microsoft ins Hintertreffen geraten war. Netscape entschied sich dafür, den Programmiercode öffentlich zu machen. Baker blieb an Bord, als Mozilla später verselbstständigt wurde.

Die heutige Gesellschaftsstruktur ist vergleichsweise kompliziert. Über allem steht die gemeinnützige Stiftung, der wiederum die Mozilla Corporation gehört. Diese steht unter anderem hinter Firefox, einem VPN-Anbieter, der Medienplattform Pocket und dem Alias-E-Mail-Adressengenerator Relay. Die Corporation arbeitet gewinnorientiert. 2021 lag der Umsatz bei knapp 600 Millionen Dollar. Google kam im abgelaufenen Geschäftsjahr auf Erlöse von knapp 283 Milliarden Dollar.

„Wir brauchen nicht jeden Penny“, sagt Baker dazu. Wegen der besonderen Firmenstruktur stünden nicht die Interessen der Aktionäre und Investoren im Mittelpunkt, sondern das Gemeinwohl und damit der Schutz der Privatsphäre. Dafür setze sich Mozilla ein, betont Baker.

Eine zentrale Einnahmequelle von Mozilla bildet allerdings ein Deal mit Google: Der Internetkonzern bezahlt Lizenzgebühren dafür, dass seine Suche im Firefox-Webbrowser voreingestellt wird. 2021 kam mit 530 Millionen Dollar der Löwenanteil des Umsatzes aus solchen Suchdeals.

530
Millionen Dollar
Umsatz erzielte die Mozilla Corporation 2021 mit Suchdeals.

Für das Unternehmen soll aber die rasanten Entwicklungsschritte bei KI ein neues Zeitalter einleiten. „Ich denke, wir stehen vor großen Veränderungen“, sagte Baker. Doch auch hier trifft sie auf alte Bekannte und sieht sich ähnlich unter Druck gesetzt: Wie auf dem Browsermarkt konkurriert Mozilla bei KI-Anwendungen mit den großen US-Technologiekonzernen Google und Microsoft.

Vor allem der Office-Anbieter Microsoft dominiert dank seiner Partnerschaft mit dem ChatGPT-Entwickler OpenAI das Geschehen. Baker will nun mit Mozilla AI ein Unternehmen aufbauen, das Anwendungen zur Verfügung stellt, die generative KI sicherer und transparenter machen und keine Falschinformationen zulassen. Seit der Ankündigung im März ist allerdings noch nicht viel passiert.

Mozilla setzt auf Regulierung

Im scharfen Wettbewerb hofft Baker in erster Linie auf die EU-Kommission. „Die Frage, ob wir eine wettbewerbsfreundliche Landschaft haben oder nicht, ist sehr bedeutsam“, sagte sie. Es sei eine Sache, gegen Edge und Chrome zu konkurrieren. Vollkommen anders gestalte es sich, wenn die Wettbewerber Microsoft und Google hießen.

Deswegen stehe Mozilla auch bezüglich des neuen europäischen Digitalgesetzes in engem Austausch mit der Brüsseler Behörde. Der sogenannte Digital Services Act bringt erweiterte Verpflichtungen vor allem für US-Technologiekonzerne wie Google mit sich. Aktuell mangelt es nach Meinung von Baker an Interoperabilität, also browserübergreifenden Standards, und Wettbewerbsfreiheit.

Medienwissenschaftler Andree sagte dazu: „Gerade auf dem dynamischen Feld der KI können Herausforderer in Zukunft nur überleben, wenn sie einen datenschutzkonformen Zugang zu denselben Daten erhalten, die auch den Tech-Giganten zur Verfügung stehen.“ Wenn die digitalen Märkte nicht für Wettbewerb geöffnet würden, sodass auch kleinere Anbieter eine Chance erhielten, werde dieses Feld in Kürze ebenfalls von den Tech-Riesen dominiert werden.

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Für ihre Arbeit hat Baker bereits viele Auszeichnungen erhalten, darunter in Deutschland den Aenne Burda Award, der an einflussreiche Frauen mit visionären Ideen vergeben wird. Das Geschäft in Deutschland zeige, dass die Menschen hierzulande nicht nur viel über Datenschutz und Privatsphäre sprächen, sondern entsprechend auch die Mozilla-Produkte nutzten, sagt sie. Genaue Zahlen dazu will Baker allerdings nicht nennen.

Ganz ohne Schlagzeilen ist auch Bakers Karriere nicht verlaufen. So musste sie 2018 viel Kritik für die Erhöhung ihres Jahresgehalts auf 2,4 Millionen Dollar einstecken. Damit kam sie innerhalb von zehn Jahren auf ein Plus von 400 Prozent. Das Umsatzwachstum der Mozilla Corporation konnte mit diesem Sprung nicht mithalten.

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