1. Startseite
  2. Technologie
  3. IT + Telekommunikation
  4. Ukraine-Konflikt: Tiktok wird zum Kriegskanal

Soziales NetzwerkWenn Soldaten aus dem Panzer filmen: Tiktok wird zum Kriegskanal

Russische Panzer und tanzende Soldaten: Videos aus dem Krieg gehen nirgends so viral wie auf Tiktok. Das verändert die Plattform – und unseren Blick auf den Krieg.Maria Kotsev 02.03.2022 - 17:30 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Eine Vielzahl von Tiktok-Videos ist gerade zum Ukraine-Krieg zu sehen.

Foto: Getty Images

Berlin. Fünf ukrainische Soldaten stehen nebeneinander in Vollmontur auf einem Feld, sie halten Maschinengewehre, eine Axt und eine Rakete wie Gitarren in den Armen und wippen vor und zurück. Ein Soldat in der Mitte der Formation hockt vor einer Kiste und trommelt mit Holzstücken darauf. Im Hintergrund läuft „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana.

Das Video dazu hat ein ukrainischer Soldat auf der Plattform Tiktok hochgeladen, einen Tag bevor das russische Militär in die Ukraine einmarschierte. Es wurde über 51 Millionen Mal aufgerufen. Auf dem Account des Soldaten, der seine Posts mit gängigen Solidaritätshashtags zum Ukraine-Krieg versieht, finden sich weitere Tanzvideos: Er, wie er in Uniform zu „Smooth Criminal“ von Michael Jackson versucht, den Moonwalk zu tanzen oder zu Technobeats die Hüften schwingt.

Doch dieser Account ist nur ein Beispiel aus einer Vielzahl von Tiktok-Videos, die gerade zum Ukraine-Krieg zu sehen sind.

Die Bandbreite ist groß: Von Solidaritätsbekundungen über Videos von Soldaten auf Panzern, über Augenzeugenberichte aus Kiew und Anleitungen, wie man sich bei Bombeneinschlägen verhält, bis hin zu sogenannten TankToks, die die Bewegung russischer Militärfahrzeuge dokumentieren.

Bereits vor der russischen Invasion vergangenen Donnerstag gaben Tiktok-Videos aus Russland und Belarus Hinweise auf russische Truppenbewegungen.

Wir können anhand dieser Videos eine fundamentale Politisierung vieler Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok beobachten.
Marcus Bösch, Tiktok-Experte

Ist Tiktok also der neue, digitale Kriegsschauplatz – oder sind „WarToks“, wie das US-Magazin „New Yorker“ die Kriegsvideos nannte nur ein kurzlebiger Trend?

Der Krieg auf Tiktok: Viele Akteure, unterschiedliche Formate, unübersichtliche Lage

Marcus Bösch forscht an der HAW Hamburg zu Desinformation auf TikTok und veröffentlicht seit 2020 den wöchentlichen Newsletter „Understanding Tiktok“. Er beobachtet auf der Plattform seit einigen Wochen einen grundlegenden Wandel: „Wir können anhand dieser Videos eine fundamentale Politisierung vieler Nutzerinnen und Nutzer auf Tiktok beobachten.“ Die „WarToks“ seien nicht nur ein Trend, sagt Bösch.

Die Akteure, die Videos aus dem Krieg in der Ukraine veröffentlichen, sind vielfältig: Besagte Ukrainische Soldaten etwa posten Videos von sich und ihren Kameraden, wie sie Panzer fahren. Auf der anderen Seite kursieren Videos von ukrainischen Zivilisten, die versuchen russische Panzer aufzuhalten.

So veröffentlichte eine Nutzerin erst heute ein Video, das zeigen soll, wie ukrainische Zivilisten Straßenbarrikaden aus Autoreifen bauen. Das Video hat knapp 15.000 Aufrufe. Ein Tiktok-Video, in dem Ukrainer sich vor ein russisches Fahrzeug werfen und versuchen, es aufzuhalten, wurde etwa auch auf Twitter geteilt.

Dann wiederum posten auch viele russisch- oder ukrainischsprache User:innen, die im Ausland wohnen, Videomaterial, das sie von anderen Accounts gesammelt haben. Videos russischer Soldaten finden sich dagegen weniger – was kriegsstrategische Gründe haben könnte.

Am Montag forderte die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor, Tiktok-Posts mit militärischen Inhalten zu verbieten und zu löschen, weil sie größtenteils anti-russischen Charakters seien. Stattdessen gaben am Dienstag viele Soziale Netzwerke, darunter auch Tiktok bekannt, den Zugang russischer Staatsmedien zu ihrer Plattform in der EU eingeschränkt zu haben.

Und obwohl die „ukrainische Seite“ aktuell stärker auf der Plattform hervortritt: Die Videos unter den gängigen Hashtags sind vielfältig und folgen keinem eindeutigen Muster.

Militär und Pop: Befremdliche Mischung

Was aber viele Videos gemeinsam haben: Sie sind mit Musik hinterlegt, ganz gängig für jegliche Tiktok-Videos. Wie im Falle des tanzenden Soldaten können das internationale Pop-Hits sein, doch häufig werden auch ukrainische Lieder mit patriotischen Texten und Titeln gewählt:

Zum Beispiel der Rapsong „Ich bin aus der Ukraine“ des Künstlers Parazitka, oder auch sehr beliebt: Der Dubstep-Track „Guten Abend“ des Künstlers Probass Hardi, der mit den Zeilen beginnt: „Guten Abend, ich komme aus der Ukraine.“ Manchmal bekommen die Aufnahmen durch die hinterlegte Musik einen befremdlichen Touch – die Diskrepanz zwischen bewaffneten Soldaten, die in den Krieg ziehen, und Partymusik ist schlicht zu groß.

Die Gefahr, auf Falschinformationen zu stoßen, ist groß

„Dass Videos von Soldaten und Militärgeräten mit Musik oder anderen Sounds hinterlegt werden, kann befremdlich wirken, ist aber der Kulturpraxis der Plattform geschuldet“, erklärt Marcus Bösch. Er weist allerdings auch darauf hin, dass Videos dadurch auch in die Irre führen können.

Er nennt als Beispiel ein Video, bei dem ein Nutzer aus der Ukraine aus seinem Fenster heraus filmte und dann den Sound eines Fußballspiels mit lauter Pyrotechnik darüberlegte. Dabei entstand der Eindruck, es würde sich um das Geräusch von Explosionen handeln.

Es sind außerdem Fälle bekannt, in denen Aufnahmen aus dem Ukrainekrieg 2014 im Donbass als aktuelle Videos ausgegeben wurden. Mittlerweile kursieren auf Tiktok sogar Posts, die auf die Falschinformationen hinweisen. Außerdem machten zuletzt Livestreams mit gefälschten Spendenaufrufen die Runde. Betrüger hatten Videomaterial aus dem Krieg benutzt und sich als hilfesuchende Opfer des Krieges dargestellt.

Das „New Yorker“-Magazin schrieb kürzlich in einer kritischen Analyse, die „WarToks“ seien dafür gedacht, zu unterhalten statt zu informieren. Marcus Bösch widerspricht dem. „Viele Videos auf der Plattform dienen der reinen Unterhaltung, aber auf der anderen Seite können viele Tiktok-Videos auch als journalistische Quellen und Erste-Hand-Infos über die Lage in der Ukraine dienen.“

Russland und Ukraine kämpfen um Meinungshoheit in den Sozialen Medien.

Foto: Reuters

So filmte eine Nutzerin, die vor dem Krieg meist Videos von sich beim Essen hochlud, vor zwei Tagen eine durch einen Militärschlag zerstörte Kirche in der nördlichen ukrainische Stadt Tschernikov ab und stellte sie auf Tiktok. Andere Videos zeigen lange Autokolonnen vor Tankstellen und stehende Autos vor Grenzübergängen.

Eine weitere Nutzerin und Influencerin - ihr folgen über 107.000 User:innen – lud ein „Shaky Window“-Video hoch. Sie filmte aus ihrem Fenster heraus, zu hören sind ein dumpfes Knallgeräusch und anschließende Sirenen. Sie berichtet, dass sie zuvor Flugzeuge gesehen habe.

Einblick in die Lebensrealität: Zerstörte Häuser, lange Schlangen vor Tankstellen

Sie geben Einblick in das Leben der Ukrainer:innen unter Kriegsbedingungen: verstörte Häuser, Militärpräsenz, Sirenen und Flüchtlingsbewegungen. Manche ukrainische Influencer:innen haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Follower:innen zu erklären, was in der Ukraine passiert: Sie macht Videos auf Englisch über die dokumentierten Attacken Russlands auf die Zivilbevölkerung, oder macht auf Taktiken russischer Desinformation aufmerksam.

Als journalistisch wertvoll erwiesen sich in den vergangenen Wochen besonders die „TankToks“, also Videos russischer Panzer- und Truppenbewegungen. Russische User:innen filmten aus dem Auto vorbeifahrende Panzerkolonnen und schrieben den Ort und die Zeit dazu.

Wir werden von nun an vermutlich politischere Inhalte dort sehen, was wiederum neue User auf die Plattform locken wird.
Marcus Bösch, Tiktok-Experte

Diese Videos wiederum werteten Experten auf dem Feld der Open Source Intelligence (OSINT) – was so viel heißt, wie die Gewinnung von Information aus öffentlichen Quellen - aus und verbreiteten sie beispielsweise auf Twitter. Dort wurden viele Journalist:innen auf die Videos aufmerksam und verifizierten diese wiederum. Das ermöglichte es, das Bedrohungsszenario Russlands gegen die Ukraine in Teilen einzuschätzen.

Ein Experte auf dem OSINT-Gebiet, der sich zuletzt stark mit den Videos zu russischen Truppenbewegungen beschäftigte, hatte dem Tagesspiegel kürzlich gesagt, die Videos würden unter bestimmten Schlagworten und Songs hinterlegt werden. So nutze er zum Beispiel den Suchbegriff „Военная техника“, also „Kriegsgerät“. Viele Videos von Panzern seien zudem mit denselben zwei, drei russischen Songs versehen, etwa война („Krieg“) der Band Фактор 2 („Faktor 2“), oder Война von Артем Тото („Artem Toto“).

Verwandte Themen
Ukraine
Russland
Europäische Union
Instagram
Facebook
Berlin

Warum landeten TankToks ausgerechnet auf Tiktok und nicht vermehrt auf Instagram oder Facebook? Marcus Bösch erklärt das mit der großen Popularität, die Tiktok in Russland genieße. In Russland nutzen 40 Millionen Menschen die Plattform. Zudem sei die App für Erstnutzer:innen leicht zu bedienen, Videos seien mit wenigen Klicks produziert und hochgeladen, erklärt Bösch.

Und: Der Tiktok-Algorithmus ermöglicht es neuen Nutzern sofort einen Hit auf der Plattform zu landen – im Vergleich zu Instagram können viel schneller viel größere Reichweiten erzielt werden. Bösch glaubt, der Krieg werde Tiktok nachhaltig verändern. „Wir werden von nun an vermutlich politischere Inhalte dort sehen, was wiederum neue User auf die Plattform locken wird.“
Dieser Artikel ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt