Technologie: Nach dem Kurssturz will der Aixtron-Chef Investoren beruhigen
München. Vom Börsenliebling zum Investorenschreck: Im vergangenen Sommer notierten die Aktien von Aixtron noch auf dem höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren. Nun aber haben die Papiere des Chipausrüsters allein seit Jahresbeginn fast 40 Prozent an Wert verloren.
Den Kursverfall stoppen will Vorstandschef Felix Grawert mit einer ganzen Serie guter Nachrichten. So habe Aixtron im wichtigen Geschäft mit Anlagen für Stromsparchips aus Siliziumkarbid (SiC) gleich mehrere neue Aufträge erhalten, sagte der Manager dem Handelsblatt. „Wir haben einen der weltweit führenden Anbieter von SiC-Chips für unsere 200-Millimeter-Anlagen als Kunden gewonnen“, betont er.
Bislang entstehen die SiC-Chips auf Scheiben mit 150 Millimeter Durchmesser, künftig werden es 200 Millimeter sein. Der technische Sprung ist hochkomplex. Darüber hinaus seien einige Bestellungen aus Japan eingegangen. Auch in China habe ein großer Hersteller erstmals SiC-Maschinen bei Aixtron geordert. Doch werden all diese Nachrichten den Kursverfall beenden?
Gerüchte verunsichern die Börse
In den vergangenen Monaten hatte ein Gerücht die Anlegerinnen und Anleger beunruhigt. So hieß es etwa, dass sich die Großkunden On Semi und Wolfspeed von Aixtron abgewandt hätten, der Aktienkurs fiel. Zwar bewahrheitete sich das Gerücht nicht - eher ganz im Gegenteil: Im dritten und vierten Quartal seien einige SiC-Aufträge von Wolfspeed eingegangen, teilte Aixtron jüngst mit. Daraufhin stieg der Aktienkurs innerhalb weniger Minuten in der Spitze um gut acht Prozent. Als nachhaltig erwies sich der Kursanstieg allerdings nicht.
Gift für den Aktienkurs im Frühjahr war auch der Entschluss von Apple, auf Micro-LEDs zu verzichten. Sie waren Analysten zufolge für die Computeruhren des Konzerns vorgesehen. Und Aixtron wiederum ist führend bei den Maschinen für diese Bauelemente. Doch Grawert hält das Geschäft trotz der Abfuhr von Apple für zukunftsträchtig: „Die Display-Industrie arbeitet weiter an dem Thema. Voraussichtlich nächstes oder übernächstes Jahr werden die Micro-LEDs reif für die Serienproduktion sein.“
Die Quartalszahlen von Aixtron scheinen dies zu bestätigen. So erzielte der Konzern in den ersten drei Monaten des Jahres gut ein Fünftel vom Umsatz mit Anlagen für Micro-LEDs. Diese Maschinen standen sogar für mehr als ein Drittel vom Auftragseingang.
Aixtron ist der bedeutendste börsennotierte Hersteller von Anlagen für die Chipindustrie hierzulande. Mit den Maschinen des im MDax notierten Unternehmens lassen sich unter anderem optoelektronische Bauteile wie LEDs oder Solarzellen herstellen.
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Die Stromsparchips sind begehrt
Den größten Teil vom Umsatz erzielt die Firma aber mit Maschinen, um sogenannte Leistungshalbleiter aus SiC und Galliumnitrid (GaN) herzustellen. Zwar sind sie deutlich teurer in der Herstellung als bei dem in der Chipbranche üblichen Silizium. Dafür aber sind die Bauteile sehr energieeffizient und daher vorteilhaft für Stromtankstellen oder Solaranlagen. Apple setzt sie etwa in Ladegeräten von Notebooks ein. Und in Elektrofahrzeugen sorgen sie für einen niedrigeren Stromverbrauch und damit eine größere Reichweite. Die Maschinen für Silizium-Chips stellen milliardenschwere Konzerne wie ASML, Applied Materials oder Lam Research her.
In den Maschinen von Aixtron werden Chemikalien – genauer: metallorganische Verbindungen – verdampft und zusammen mit anderen Gasen in einen Reaktor eingeführt. Dort findet die chemische Reaktion statt. Aus den gasförmigen Materialien entsteht ein Kristall, der sogenannte Verbindungshalbleiter. Grawert sieht sein Unternehmen als führend in dieser Technologie.
Analysten rechnen mit starken Kursgewinnen
Die technologische Entwicklung bei Aixtron sorgt für positive Prognosen. Die Analysten von Jefferies gehen etwa davon aus, dass sich der Aktienkurs des Unternehmens in den nächsten Monaten auf 50 Euro mehr als verdoppeln wird. Zur Wochenmitte notierten die Papiere bei gut 23 Euro. Durch Neukunden wie Bosch, Foxconn, Samsung und Mitsubishi Electric werde das SiC-Geschäft zudem in den nächsten Jahren stark zulegen. Auch der Dax-Konzern Infineon könnte künftig bei Aixtron einkaufen, vermutet Jefferies.
Bei GaN beliefert Aixtron laut Jefferies bereits heute alle führenden Hersteller, unter anderem Infineon. Das Geschäft werde kräftig anziehen, erwarten die Analysten: „Viele Kunden von Aixtron bauen jetzt ‚GaN-Megafabs‛ mit mehrjährigen Aufträgen für bis zu 25 Anlagen.“
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Im ersten Quartal ist der Aixtron-Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um gut die Hälfte auf 118 Millionen Euro geklettert. Das teilte der Chip-Anlagenbauer am Donnerstagmorgen mit. Der Gewinn hat sich mit knapp elf Millionen Euro verdreifacht. Allerdings sammelte die Firma aus Herzogenrath bei Aachen lediglich Aufträge über 120 Millionen Euro ein, etwa 15 Prozent weniger als im selben Zeitraum 2023.
Für das laufende Jahr rechnet Grawert mit einem Umsatz zwischen 630 und 720 Millionen Euro. Am unteren Ende der Prognose entspricht das stagnierenden Erlösen gegenüber dem Vorjahr, am oberen Ende einem Plus von rund 14 Prozent. 2024 werde ein „ordentliches Jahr“, betonte Grawert. Eine präzise Prognose sei aber nicht möglich.
Das liegt nicht zuletzt an der Flaute bei den Elektroautos. Die Autohersteller sind die wichtigsten Abnehmer von SiC-Chips. Wenn die Marken weniger bestellen, belastet das die Produzenten der SiC-Halbleiter, also die Kunden von Aixtron.
So hat der Elektroauto-Pionier Tesla im vergangenen Quartal den ersten Umsatzeinbruch seit 2020 verbucht. Der Gewinn des US-Konzerns stürzte sogar um mehr als die Hälfte ab. Tesla-Chef Elon Musk sprach am Dienstag von einem „harten Marktumfeld“. Tesla gehört zu den wichtigsten Abnehmern von SiC-Chips weltweit.
Grawert zufolge würden einige SiC-Kunden zwar weiter massiv investieren, um Marktanteile zu gewinnen. Andere hingegen zögerten etwas mit neuen Aufträgen.
Risiken für das Jahr 2024
Analyst Tim Wunderlich von Hauck Aufhäuser Investment Banking fürchtet, dass Kunden aus der Chipindustrie in diesem Jahr wohl ihre Investitionsausgaben kürzen. Grund dafür sei die unsichere Nachfrage nach Elektrofahrzeugen. Diese Risiken für 2024 seien im Aktienkurs aber weitgehend eingepreist.
So scheine Aixtron für den bevorstehenden Investitionszyklus für SiC- und GaN-Halbleiter gut aufgestellt zu sein. Dass die Anleger für positive Neuigkeiten durchaus empfänglich sind, zeigte sich am vergangenen Dienstag. Der Kurs stieg um rund fünf Prozent, nachdem Aixtron einen Auftrag des US-Konzerns Vishay verkündet hatte.