Morning Briefing: Kniefall vor Trump? Bezos bringt die „Washington Post“ auf Linie
Bezos regiert durch: Maulkorb-Erlass für die „Washington Post“
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
ein weiteres Mal hat Nvidia es gestern geschafft, die Erwartungen der Finanzmärkte zu übertreffen. Ein anhaltend hoher Bedarf an Hochleistungsprozessoren für Künstliche Intelligenz (KI) bescherte dem US-Halbleiterkonzern einen weiteren Umsatzrekord. Im letzten Quartal 2024 stiegen die Erlöse im Jahresvergleich um 78 Prozent auf 39,3 Milliarden Dollar.
Das Geschäft mit Halbleitern für Rechenzentren habe sich auf 35,6 Milliarden Dollar nahezu verdoppelt, so Konzernchef Jensen Huang. Für das laufende Quartal stellte er Erlöse von 43 Milliarden Dollar in Aussicht. Analysten hatten lediglich mit 41,78 Milliarden Dollar gerechnet. Die Nvidia-Aktie stieg im nachbörslichen Geschäft der Wall Street um zwei Prozent.
Der Erfolg des chinesischen KI-Start-ups Deepseek hatte zuletzt Zweifel an Nvidias Wachstumsaussichten geschürt. Da sich die chinesische KI bei vergleichbarer Leistungsfähigkeit mit weniger Rechenpower als die westliche Konkurrenz begnügt, befürchteten Investoren, dass der Bau neuer KI-Rechenzentren hinter den Erwartungen zurückbleiben werde. In den aktuellen Nvidia-Zahlen lassen sich dafür aber keine Anzeichen finden.
Amazon präsentiert neue Alexa-Version
Während Nvidia die Hardware für den KI-Boom liefert, zeigen Konzerne wie Amazon, was man daraus machen kann. Amazon präsentierte gestern eine neue Version seiner Sprachassistentin Alexa. Anders als bislang können Nutzer flüssige Gespräche mit ihr führen, komplexe Bestellungen aufgeben oder sich Texte oder Bilder erzeugen lassen. Damit konkurriert Alexa künftig mit sogenannten Chatbots wie Gemini von Google oder ChatGPT von OpenAI.
Die neue Alexa soll ab März zur Verfügung stehen – zunächst nur in den USA und im Rahmen eines kostenpflichtigen Abonnements. Mitglieder von Amazons Prime-Service bekommen kostenlos Zugang. Wann es in Deutschland losgeht, ließ ein Sprecher offen.
Chancen bei US-Konzernen aus der zweiten Reihe
Der KI-Boom geht mit entsprechend hohen Börsenbewertungen der großen US-Techkonzerne einher. Wem es da als Anleger mulmig wird, für den kann sich ein Blick in die zweite Reihe der US-Unternehmen lohnen, und zwar aus drei Gründen:
- Kleineren US-Unternehmen – sogenannten Small Caps – spielt Trumps Politik zur Rückverlagerung von Produktion in die USA in die Karten. Denn sie sind mit ihren Produkten meist stark auf den US-Binnenmarkt ausgerichtet.
- Weil sich Small Caps vergleichsweise stark fremdfinanzieren, profitieren sie zudem von den gesunkenen Zinsen in den USA.
- Hinzu kommt: Die US-Nebenwerte sind vergleichsweise günstig bewertet.
Eine Möglichkeit, um marktbreit in dieses Segment zu investieren, ist der „Amundi Russell 2000 UCITS ETF“. Er bildet den Aktienindex Russell 2000 ab, der sich aus 2000 US-Small-Caps zusammensetzt. Die Fünf-Jahres-Rendite liegt bei 8,1 Prozent per annum.
Milliarden-Einsparungen bei Audi geplant
Bei der kriselnden VW-Tochter Audi werden die Sparpläne konkreter. Konzernkreisen zufolge hat die Unternehmensführung um Vorstandschef Gernot Döllner nun Beträge genannt. Demnach will Audi die Materialkosten bis 2030 um bis zu acht Milliarden Euro senken, die Personalkosten der VW-Tochter sollen pro Jahr um eine Milliarde Euro gedrückt werden.
Dazu sollen Stellen massiv abgebaut, Zusatzleistungen gestrichen und Dienstleistungen ausgelagert werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind wegen einer noch bis 2029 laufenden Jobsicherung für die deutschen Standorte ausgeschlossen.
Trump: 25 Prozent Zoll auf EU-Einfuhren
US-Präsident Donald Trump hat Zölle in Höhe von 25 Prozent für Einfuhren aus der Europäischen Union in Aussicht gestellt. „Wir haben eine Entscheidung getroffen. Wir werden sie sehr bald bekannt geben“, sagte Trump während einer Kabinettssitzung auf die Frage eines Journalisten. Dann schob er nach:
Trump benutzt Zolldrohungen immer wieder als Verhandlungstaktik und wirft ständig Zahlen in den Raum. Eine konkrete Ankündigung hat er für den 2. April in Aussicht gestellt.
Welche Regeln die EU lockern will
Die EU-Kommission will den Verwaltungsaufwand für Unternehmen reduzieren, den sie zum Teil zuvor selbst geschaffen hat. In vier Bereichen sollen die Berichtspflichten für Unternehmen im Schnitt um 25 Prozent sinken, für kleine und mittlere Unternehmen sogar um 35 Prozent.
Wie dieses doch sehr exakt anmutende Reduzierungsziel gemessen wird, ob nach Arbeitsaufwand, Zahl der Vorschriften oder Textmenge, traue ich mich nicht zu erfragen. Ich fürchte: Die Antwort der Kommission wäre erstens lang und ich würde sie zweitens nicht verstehen.
Einfacher zugehen soll es künftig auf jeden Fall
- beim Lieferkettengesetz,
- bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung,
- beim CO2-Grenzausgleich
- und bei der EU-Taxonomie, die festlegt, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig eingestuft werden.
Was genau da auf die Unternehmen zukommt beziehungsweise demnächst womöglich nicht mehr zukommt, haben unsere Brüssel-Korrespondenten Olga Scheer und Carsten Volkery zusammengefasst.
Kubicki überlegt noch
Sie vermissen in diesem Morning Briefing die Bundespolitik? Dann kommt hier etwas für Sie: Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hat noch nicht entschieden, ob er sich nach dem Wahldebakel seiner Partei für den Parteivorsitz bewirbt. „Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen“, sagte Kubicki in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“.
Der 72-Jährige hatte am Wahlabend für den Fall des Scheiterns der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde seinen Rückzug aus der Politik angekündigt. Am Morgen danach schrieb er hingegen auf der Plattform X: „Ich bin heute Nacht von so vielen Menschen aus der Partei und von Unterstützern gebeten worden, die Führung der Partei zu übernehmen, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, im Mai zu kandidieren.“
Kubicki sagte bei Lanz, für ihn sprächen seine Beliebtheit innerhalb und außerhalb der Partei, seine Bekanntheit und Erfahrung. Aber:
Das treffe auch auf Präsidiumsmitglied Marie-Agnes Strack-Zimmermann zu, die ebenfalls als mögliche Kandidatin auf den Vorsitz gehandelt wird. Strack-Zimmermann ist 66 Jahre alt. Kubicki: „Entscheidend ist, dass sie einen Übergang moderieren können, der die Partei am Leben hält.“ Das traue er sich, aber auch Strack-Zimmermann zu.
Amazon-Chef nimmt „Washington Post“ an die Leine
Die „Washington Post“ gehört zu den regierungskritischen Ikonen unter den US-amerikanischen Medien. Daran änderte sich auch nichts, als Amazon-Gründer Jeff Bezos 2013 die Zeitung übernahm. Doch nun schickte Bezos eine Anweisung an seine Redaktion, die sich eigentlich nur als Kotau des Milliardärs vor dem Trump-freundlichen Zeitgeist in den USA interpretieren lässt.
„Ich schreibe Ihnen, um Sie über eine Änderung auf unseren Meinungsseiten zu informieren“, heißt es in einer Nachricht an die Redaktion, die Bezos auf der Plattform X veröffentlichte.
Und: „Wir werden jeden Tag schreiben, um zwei Säulen zu unterstützen und zu verteidigen: persönliche Freiheiten und freie Märkte. Natürlich werden wir auch andere Themen behandeln, aber gegensätzliche Standpunkte überlassen wir der Veröffentlichung durch andere.“
Der bisherige Ressortleiter der Meinungsseiten verlasse die Zeitung, so Bezos.
Auch ich empfinde freie Märkte und persönliche Freiheit als eine feine Sache – bin aber ebenso überzeugt, dass beides durch klare staatliche Regeln eingehegt werden muss. Der Gedanke, dass der Besitzer des Handelsblatts mich daran hindern könnte, diese oder andere Ansichten zu äußern, erscheint mir ebenso schwer erträglich wie vorstellbar.
In meinen zehn Jahren beim Handelsblatt habe ich es noch nie erlebt, dass sich unser Verleger Dieter von Holtzbrinck in die grundlegende Ausrichtung unserer Kommentare eingemischt hätte.
Manchmal weiß man erst, was man hat, wenn man merkt, dass es nicht selbstverständlich ist.
Ich wünsche Ihnen einen Donnerstag, an dem nicht nur Ihre Gedanken frei sind.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt