Wagniskapital: KI soll Start-up-Deals finden – Was das für Gründer bedeutet
Düsseldorf. Wagniskapitalfirmen weltweit befinden sich in einer tiefgreifenden Transformation. Das Geschäft, das traditionell von persönlichen Kontakten und „Bauchgefühl“ gelebt hat, wird zunehmend von Daten und Künstlicher Intelligenz (KI) getrieben. „Wir sehen beim KI-basierten Investieren einen starken Push“, sagt Andre Retterath, der mit seiner Plattform Data-Driven VC dazu eine umfangreiche Analyse unter 300 Risikokapitalfirmen durchgeführt hat.
Laut seiner Analyse setzen inzwischen 90 Prozent der Wagniskapitalgeber Datentools bei der Suche nach aussichtsreichen Start-ups ein. Vor zwei Jahren waren es erst 44 Prozent.
Noch stärker ist der Bedeutungszuwachs von Daten und KI im weiteren Prozess. So bezeichnete 2023 nur ein Fünftel der Investmentfirmen ihre Due Diligence – also die umfangreiche Prüfung von Start-ups – als datengetrieben. Heute sind es mehr als vier Fünftel. Beim Portfoliomanagement stieg der Anteil der datengetrieben agierenden Investmentfirmen sogar von fünf auf 76 Prozent.
Die Transformation ist gerade deshalb so bemerkenswert, weil sie lange ausgeblieben ist: Ausgerechnet bei ihrem eigenen Geschäftsmodell haben Start-up-Investoren die Disruption lange gescheut. Nun räumen neueste technologische Entwicklungen offenbar auch die stärksten Vorbehalte aus – und bringen auch für Gründerinnen und Gründer Veränderungen mit sich.
Laut Retterath haben drei strukturelle Hürden eine Transformation im Venture Capital (VC) bisher verhindert: „Erstens waren die meisten Daten qualitativ, zweitens war es nicht möglich, unstrukturierte Daten im großen Maßstab zu verarbeiten und drittens passte es nicht zur Kultur der Investmentfirmen, die stark auf persönliche Netzwerke gesetzt haben“, sagt er.
KI hat drei Transformationsblockaden beim Investieren gelöst
Vor allem die ersten beiden Blockaden können seit der Einführung von ChatGPT leichter denn je überwunden werden. „Mit neuen KI-Tools lassen sich Gründerteams vergleichen, auch wenn die Daten qualitativ sind“, sagt Retterath, der vor fünf Jahren zu Vorhersagemodellen für erfolgreiche Start-ups promoviert hat und mit seiner Plattform für datengetriebenes Investment selbst einer der Trendsetter ist.
Als Beispiel nennt er Signale, die für Investoren relevant, aber früher schwer quantifizierbar waren: „Welcher Uni-Abschluss ist besser? Mit welcher Vorerfahrung bei einem Arbeitgeber hat eine Gründerin höhere Erfolgswahrscheinlichkeiten?“ KI-Sprachmodelle und spezielle Algorithmen seien in der Lage, solche Informationen zu bewerten und zu gewichten.
Die dritte und letzte Hürde zur Disruption könnte jetzt mit neuen, automatisierten und autonomen KI-Lösungen genommen werden. „In der Zeit der KI-Agenten wird es möglich, die technischen Tools besser in die Arbeitsprozesse der Investoren zu integrieren“, sagt Retterath. So sei die Suche nach allen relevanten Informationen zu einem Start-up bisher ein aufwendiger und manueller Prozess gewesen. Investoren hätten etwa verschiedene Datenbanken aufrufen, auf LinkedIn und in Google News recherchieren und alle Informationen zusammentragen und priorisieren müssen.
„Heute gibt man die Webadresse des Start-ups und einen Prompt in ChatGPT Research ein und sagt der KI, dass sie alle Informationen zu Team, Geschäftsmodell und Markt suchen und kategorisieren soll“, sagt Retterath. Wo früher zehn Schritte und 20 verschiedene Quellen nötig gewesen seien, reichten heute eine Eingabe in ein KI-Tool und 20 Minuten Rechenzeit. „Im Vergleich zum herkömmlichen Prozess haben wir vielleicht fünf Prozent Qualitätsverlust. Dafür gewinnt das Investmentteam zwei Tage an Zeit, in denen das Ergebnis evaluiert und diskutiert werden kann.“
Wie Gründer ihre Chancen auf Kapital jetzt erhöhen
Auch für Gründerinnen und Gründer hat die Umstellung Folgen. Retterath hat konkrete Tipps für sie:
- Gründer sollten sich noch genauer überlegen, wie und wo sie „digitale Fußabdrücke“ hinterlassen. Mit einer umfangreichen Onlinepräsenz könnten sie schneller „auf dem Radar von Investoren“ auftauchen und mit den richtigen Signalen auch priorisiert werden.
- Das Pitchdeck, also die klassische Firmenpräsentation, und ein ordentlich gepflegter Datenraum mit allen wichtigen Informationen bleiben dabei unerlässlich. Mit ihnen komplementierten die Investoren im zweiten Schritt ihr Bild.
- Das Pitchdeck behält laut Retterath auch deshalb Relevanz, da es häufig die Basis für die Struktur des ersten Gesprächs legt.
Führen mehr Daten auch zu besseren Entscheidungen?
Der Data-Driven VC Landscape 2025 zeigt, dass schon jetzt viele Firmen mithilfe von KI fündig geworden sind. 41 Prozent der befragten Investmentfirmen geben an, dass sie bereits zehn bis 40 Prozent ihrer Deals datenbasiert gefunden haben, bei 38 Prozent sind es sogar mehr.
Da ist es naheliegend, dass zwei Drittel der befragten Wagniskapitalfirmen ihr Budget für Technologie und KI-Tools erhöhen wollen. Während gut ein Drittel der Firmen davon ausgehen, dass sie ihr Investmentteam dank KI verkleinern können, haben viele Firmen zuletzt Entwickler eingestellt. Die Zahl der Wagniskapitalfirmen mit mindestens einem Entwickler liegt bei der diesjährigen Erhebung 24 Prozent höher als im vergangenen Jahr. Retterath sagt: „Wir sehen vor allem, dass jetzt auch die kleinen Investmentfirmen mit KI-basierter Entscheidungsfindung anfangen.“
Wie erfolgreich diese Initiativen sind, ist noch nicht eindeutig. So gibt Adrian Locher vom Berliner Investor Merantix Capital zu bedenken: Durch den Einsatz von KI ließe sich zwar die Zahl der Investmentmöglichkeiten massiv erhöhen. Dadurch seien Investoren aber auch viel damit beschäftigt, unpassende Firmen wieder herauszufiltern.
Für sein eigenes Team habe er in der Rückschau zuletzt festgestellt, dass die acht bis zehn jährlichen Investments trotz des Einsatzes von maschinellem Lernen und Datentools alle durch persönliche Kontakte zustande gekommen seien. „Menschen im eigenen Netzwerk wissen ziemlich genau, welche Themen für einen Investor interessant sind“, sagt er. Und die Qualität der Firmen, auf die seine Firma durch solche Beziehungen aufmerksam würde, sei meist höher.
Dazu passt eine Erkenntnis, die sich offenbar bei vielen Investmentfirmen durchsetzt: Ganz ohne Menschen funktioniert es auch nicht. Während der Anteil der Wagniskapitalgeber steigt, die KI unterstützend einsetzen, geht der Anteil derjenigen Firmen zurück, die ausschließlich auf Automatisierung gesetzt haben. Der Anteil der sogenannten Quant VCs ist von zwölf Prozent der Befragten 2024 auf fünf Prozent in diesem Jahr gesunken.
Der Berliner Investor Christian Leybold weist darauf hin, dass künftig weniger die Tools als die eigenen Datenressourcen den Unterschied machen dürften. So könnten historische Daten jetzt mit Künstlicher Intelligenz viel besser ausgewertet und als Trainingsdaten genutzt werden. Der Partner beim Wagniskapitalgeber Headline sagt: „Wer schon vor Jahren angefangen hat, Daten zu sammeln, sitzt jetzt auf einem Schatz, der auch mit viel Aufwand nicht repliziert werden kann.“