Gerd Gigerenzer im Interview: Risikoforscher erklärt: Das können wir gegen die Angst vor dem Coronavirus tun
„Es ist leicht, in uns Angst vor Schockrisiken auszulösen – also vor Situationen, in denen plötzlich viele Menschen in einem kurzen Zeitraum ums Leben kommen.“
Foto: © Arne SattlerDüsseldorf. Hamsterkäufe, fallende Börsenkurse, abgesagte Großveranstaltungen: Die Sorge vor dem Coronavirus greift um sich. Dabei sterben in Deutschland weitaus mehr Menschen an der normalen Grippe als an der neuartigen Erkrankung. Die Panik ist so groß, weil „plötzlich viele Menschen in einem kurzen Zeitraum ums Leben kommen“, erklärt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer im Handelsblatt-Interview. „Wenn dagegen Menschen verteilt über das Jahr sterben, macht uns das kaum Angst.“
Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und trainiert Manager, amerikanische Bundesrichter und deutsche Ärzte im Umgang mit Risiken. Der 72-jährige Psychologe schätzt, dass Pandemien die Wirtschaft weltweit bis zu 500 Milliarden Dollar kosten – auch aus Sorge vor dem Virus selbst.
Denn „aus Angst getriebene Menschen bringen sich oft zusätzlich in Gefahr“. So seien etwa viele Amerikaner nach den Terroranschlägen vom 11. September aufs Auto umgestiegen. Doch dadurch gab es im Straßenverkehr 1600 Tote mehr als üblich, so Gigerenzer.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Gigerenzer, haben Sie Angst vor dem Coronavirus?
Nein. Ich wasche mir nur häufiger und länger die Hände als früher. Ich sorge mich aber viel stärker davor, an der normalen Grippe zu erkranken oder davor, dass ein anderer Autofahrer mich ungebremst überfährt, weil er auf sein Handy guckt. Das sind viel realistischere Sorgen.
Viele in Deutschland sehen die Situation weniger entspannt als Sie. In den Supermärkten gibt es Hamsterkäufe, die Kurse an den Börsen brechen ein, Unternehmen verordnen Homeoffice, zahlreiche Großveranstaltungen sind abgesagt. Warum fürchten wir uns so vor Corona?
Es ist leicht, in uns Angst vor Schockrisiken auszulösen – also vor Situationen, in denen plötzlich viele Menschen in einem kurzen Zeitraum ums Leben kommen. Das neue Coronavirus könnte ein derartiges Schockrisiko sein, genauso wie Flugzeugabstürze, Terroranschläge oder andere Pandemien. Wenn dagegen Menschen verteilt über das Jahr sterben, macht uns das kaum Angst, selbst wenn deutlich mehr Tote zu beklagen sind.
Ein Beispiel ist der Straßenverkehr: 2019 sind in Deutschland über 3000 Menschen ums Leben gekommen, genauso viele wie bislang durch das Coronavirus auf der gesamten Erde. Doch hierzulande hat auf den Autobahnen kaum jemand Angst.
In Deutschland sind auch fast fünfmal mehr Menschen durch Stürze von Leitern oder bei Glatteis gestorben als durch das neuartige Virus auf der ganzen Welt. Oder denken Sie an die 18.000 Personen, die alljährlich an ärztlichen Behandlungsfehlern sterben. Warum haben wir mit Blick auf diese Statistiken trotzdem so viel Sorge vor dem Virus?
Viele kennen diese Zahlen nicht, weil darüber zu wenig berichtet wird. Vergleiche könnten helfen, die Todesfälle in Relation zu bekannten Gefahren zu setzen, statt wie hypnotisiert nur auf das Virus zu schauen. Das Coronavirus ist eine neue Gefahr, wir kennen es nicht aus eigenen Erfahrungen, sondern primär durch die Medien. Und einige tun alles, um Angst zu schüren. Täglich werden die Toten in Tickern gezählt und über neue Erkrankte berichtet.
Sind die Medien also schuld an der Coronapanik?
Ja, viele Medien tragen dazu bei. Es liegt in der Verantwortung der Medien, sachlich und faktenbasiert zu berichten.
Nun, versuchen wir es. Wie bewerten Sie das Vorgehen der deutschen Behörden, um das Virus einzudämmen?
Deutschland hat bislang sehr besonnen und moderat reagiert. Ich rate der Politik, nicht vorsorglich die Grenzen oder Schulen zu schließen oder ganze Ortschaften abzuriegeln, das schürt nur noch mehr Angst und der Erfolg ist ungewiss. Die Politik sollte stattdessen das Rückgrat haben, sich von einer verunsicherten Bevölkerung nicht zu voreiligen Handlungen treiben zu lassen.
So wie damals bei der Schweinegrippe: Viele europäische Regierungen gaben Hunderte von Millionen für das Medikament Tamiflu aus, obwohl nicht nachgewiesen war, dass es die Bürger überhaupt gegen die Folgen der Schweinegrippe schützt. Aber man hatte etwas getan. Da die Schweinegrippe doch nicht der große Killer war, wurde Tamiflu am Ende verbrannt – und damit auch unsere Steuergelder.
Hinterher ist man immer schlauer.
Das mag sein. Aber man kann aus der Vergangenheit lernen. Unsere Reaktionen auf Sars, Schweinegrippe, Rinderwahn, Vogelgrippe, Ebola, Finanzkrise oder die Anschläge vom 11. September sind verblüffend ähnlich, die Welt verfällt jedes Mal in große Verunsicherung. Das Muster der Märkte ist auch vergleichbar: Die Börsenkurse fallen rapide, die Wirtschaft und die Konsumenten neigen zu panischen Entscheidungen.
Was bedeutet Angst für die Wirtschaft?
Die Wirtschaft kann enormen Schaden davontragen. Pandemien kosten weltweit bis zu 500 Milliarden Dollar – nicht nur durch ausfallende Lieferketten und Konferenzen, sondern durch die Angst vor dem Virus selbst. Denn aus Angst getriebene Menschen bringen sich oft zusätzlich in Gefahr.
Beispiel 9/11: Viele Amerikaner sind danach auch bei weiten Strecken aufs Auto umgestiegen. Doch dadurch gab es etwa 1600 mehr Tote im Straßenverkehr. Erst zwölf Monate später hat sich das Verhalten wieder normalisiert.
Werden wir uns irgendwann auch an das Coronavirus gewöhnen?
Wenn alles ähnlich verläuft wie bei Vogelgrippe, Sars, Schweinegrippe oder Ebola, dann ist die Antwort: Ja. Die Angst, die wir damals hatten, haben wir ja weitgehend vergessen. Vorerst wird sich die Angst aber noch verstärken, weil die Zahl der Erkrankten steigen wird.
Was raten Sie ängstlichen Menschen, um diese Zeiten zu überstehen?
Wenn Sie um Ihr Leben fürchten, dann machen Sie sich kundig, wo die wirklichen Risiken liegen. Nach allem was wir derzeit wissen, ist es beispielsweise wahrscheinlicher, dass Sie oder Ihre Eltern an der normalen Grippe sterben als durch das Coronavirus. Nehmen Sie die Fernbedienung für Ihre Emotionen wieder selbst in die Hand.
Warum haben wir eigentlich Angst?
Angst ist eine Emotion, die uns das Leben retten kann. Ohne Angst wäre die Menschheit schon längst untergegangen. Die Angst ist aber nicht angeboren, man lernt sie – meist nicht durch eigene Erfahrung, sondern man fürchtet, was andere fürchten. Daher haben wir oft Angst vor dem, was uns wahrscheinlich nicht umbringt.
Sehen Sie in der Coronakrise auch irgendetwas Positives?
Ja, wir haben nun die Chance, mit Ungewissheit wieder vernünftiger umzugehen und damit leben zu lernen. Wir müssen vermeiden, nach der absoluten Sicherheit zu suchen. Diese kann es nicht geben. Und absolute Sicherheit wäre auch langweilig, nicht wahr? Wenn wir wüssten, wann wir sterben, ob unsere Ehe geschieden wird, dann bräuchten wir keine Emotionen mehr. Wir könnten uns an nichts mehr erfreuen, auf nichts hoffen und würden nie mehr überrascht. Und das wollen wir ja nun wirklich nicht.
Vielen Dank für das Gespräch.