Gesundheit: Apple Watch hilft Herzmuskelerkrankten
Die Uhr kann die Herzaktivitäten überwachen.
Foto: IMAGO / Cavan ImagesKöln. Innerhalb weniger Tage hat sich das Leben des 38-jährigen Hermann Müller-Laforet komplett gedreht. Noch im November vergangenen Jahres habe er mit dem Mountainbike 3000 Höhenmeter in vier Stunden bewältigt, erzählt er. Nach einem Wanderwochenende mit Kumpels, bei dem reichlich Alkohol floss, war dem gelernten Elektriker plötzlich häufig schwindelig. Seine Apple Watch, die er seit Jahren trägt, warnte ihn vor einem unregelmäßigen Herzrhythmus, der auf Vorhofflimmern hindeutete.
Nach mehreren Arztbesuchen stand die Diagnose fest. Müller-Laforet leidet an arrhythmogener rechtsventrikulärer Kardiomyopathie (ARVC), einer seltenen angeborenen Erkrankung des Herzmuskels. „Die Freude überwiegt, dass ich noch lebe“, sagt er heute. Herzmuskelerkrankungen sind tückisch, weil die Betroffenen oft nichts von ihrer Erkrankung wissen.
Der plötzliche Herztod ist dabei keine Seltenheit. Ein prominentes Beispiel ist der Fußballer Miklós Fehér von Benfica Lissabon. Er litt an einer Versteifung des Herzmuskels und brach 2004 als 24-Jähriger auf dem Spielfeld zusammen. Wenig später im Krankenhaus wurde sein Tod aufgrund eines Herzinfarkts festgestellt.
Heidelberger Studie mit Apple Watch
Die Apple Watch kann scheinbar gesunden Menschen Hinweise auf Herzprobleme geben oder Kranken bei der Überwachung ihrer Herzaktivität helfen. Wie sie Menschen mit einer dilatativen Kardiomyopathie - der häufigsten Form der Herzmuskelerkrankung - anwenden können, untersuchen Benjamin Meder und sein Team derzeit am Universitätsklinikum Heidelberg.
Meder ist Professor für Digitale Präzisionsmedizin an der Universität Heidelberg. „Früher galt die Lehrmeinung, dass Betroffene am besten gar keinen Sport treiben sollten, weil man weiß, dass dies auch Herzrhythmusstörungen auslösen kann“, sagt er. „Wir untersuchen, inwieweit eine Risikovermeidung durch Wearables möglich ist.“
Bei der dilatativen Kardiomyopathie erweitert sich die linke oder rechte Herzkammer, sodass das Herz nicht mehr richtig pumpen kann. „Jeder Zweihundertste leidet an dieser Erkrankung“, sagt Meder. Betroffen seien auch junge Menschen um die 30, die sich in der aktivsten Phase ihres Lebens befinden. „Hier gilt es, einen adäquaten Lebensstil zu ermöglichen.
Müller-Laforet nimmt nicht an der Heidelberger Studie teil. Die Apple Watch nutzt er trotzdem, um seine Herztätigkeit zu überprüfen. „Mein erster Blick am Morgen gilt der Uhr“, sagt er. Sie sei Fluch und Segen zugleich. „Wenn die Herzfrequenz nicht stimmt, bin ich deprimiert. Dann lege ich sie für einen Tag weg und denke, es muss auch ohne sie gehen.“
Zu 90 Prozent sei er aber dankbar, dass er seine Herzdaten über die Watch abrufen kann. „Sie erinnert mich auch daran, meine Medikamente einzunehmen“, berichtet er.
Der Heidelberger Universitätsprofessor Meder hat sich dennoch für die Apple Watch entschieden. „Sie ist ein führendes Produkt, was die Validierung in Studien angeht“, sagt er. „Auch die Datensicherheit und der Datenschutz sind transparent. Es gibt keine zwischengeschalteten Server, wie bei vielen anderen Produkten.“
Meder und sein Team haben eine eigene App entwickelt und auf die Apple Watch übertragen. Mit ihr sollen Betroffene ausloten, wie viel Bewegung ihnen guttut. Als Studiendesign hat sich der Kardiologe, der auch als Gastprofessor an der Stanford University lehrte, für den Goldstandard der klinischen Forschung entschieden: Er führt eine kontrollierte, randomisierte Studie durch, bei der die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt werden.
Eine Gruppe von Patienten mit dilatativer Kardiomyopathie testet die Heidelberger Bewegungs-App. Die andere Gruppe nutzt sie nicht. Am Ende wird verglichen, ob die App die Lebenssituation der Betroffenen verbessert.
Rund 200 Patienten machen schon mit. Wenn 300 Patienten das Programm durchlaufen haben, kann die Studie abgeschlossen werden. Meder rechnet für Ende 2024 damit. Erste Einblicke in die Daten stimmen ihn positiv. „Die Datenmengen sind immens und versprechen komplett neue Einblicke in eine Erkrankung, die noch immer zu den häufigsten Todesursachen junger Menschen zählt“, sagt er.
Apple Watch hilft Betroffenen
Handelsblatt hat bei verschiedenen Selbsthilfegruppen für Herzmuskelerkrankungen angefragt und mit vier Betroffenen, darunter auch Müller-Laforet, Gespräche geführt. Das Feedback zur Apple Watch war überwiegend positiv. Menschen mit Herzmuskelerkrankungen nutzen vor allem drei Funktionen der Uhr: die Pulskontrolle, die Blutsauerstoffmessung und die EKG-Aufzeichnung.
Auch die Ärzteschaft scheint gegenüber den erhobenen Daten aufgeschlossen zu sein. Mehrere Betroffene berichten, dass sie auffällige Werte betreuenden Ärzten gezeigt hätten und daraufhin unter anderem die Medikation umgestellt worden wäre. Bemängelt wurde die kurze Akkulaufzeit der Apple Watch.
Die Sturzerkennung der Apple-Uhr ist für die Befragten ebenfalls attraktiv. Wird der Träger ohnmächtig und fällt zu Boden, ruft die Uhr nach einer Minute automatisch den Notruf an und übermittelt die Koordinaten des aktuellen Standorts. In einem „Notfallpass“ kann der Träger der Uhr bestimmte Daten zu seiner Erkrankung, wie zum Beispiel die verordneten Medikamente, hinterlegen.
Der Notfallpass wird bei einem Notruf ebenfalls übermittelt. Außerdem erhalten Angehörige, die als „Notfallkontakte“ gespeichert sind, eine Nachricht mit dem Standort des Uhrträgers.
Müller-Laforet gilt jetzt als Risikopatient. Vor kurzem wurde ihm ein Defibrillator (ICD) eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein streichholzschachtelgroßes Gerät zur Behandlung lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen.
Stellt der ICD eine Herzrhythmusstörung fest, kann er einen elektrischen Schock abgeben, um das Herz wieder in den normalen Rhythmus zu bringen. „Wenn ich abends auf dem Sofa sitze, dann merke ich manchmal, dass er nachhilft“, sagt Müller-Laforet. „Dann zwickt es. Aber im Alltag bemerke ich ihn nicht.“