Gesundheit: Start-up Nilo will stressbedingten Krankschreibungen vorbeugen
Berlin. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu meditieren oder Schreibtisch-Yoga zu praktizieren, gehört für Ines Räth und Kimberly Breuer wie selbstverständlich zum Arbeitsalltag. Die beiden sind Co-Geschäftsführerinnen des jungen Unternehmens mit dem langen Namen: Nilo – A Likeminded Company. Erst kürzlich ist es aus der Fusion von Nilo Health und Likeminded hervorgegangen.
Die beiden Start-ups haben sie unabhängig voneinander vor vier Jahren in Berlin gegründet, um Geschäftskunden digitale Lösungen für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz anzubieten. Diese seien bei Arbeitgebern immer gefragter – auch um sich Kampf um neue Mitarbeiter von anderen Unternehmen abzuheben.
Nach der Gründung seien sie einander dann bei diversen Branchentreffs immer wieder über den Weg gelaufen, erinnert sich Breuer, und hätten viele Gemeinsamkeiten festgestellt. Schließlich habe man sich zusammengetan.
„Gemeinsam sind wir einfach stärker“, sagt Breuer. „Wir vertreten dieselbe Philosophie – nämlich dass jeder Mensch das Recht auf psychologische Unterstützung und persönliches Wachstum hat.“ Inga Bergen, die als CEO einst selbst zwei Digital-Health-Start-ups aufgebaut hat und heute Beraterin für innovative Gesundheitslösungen ist, klingt da etwas pragmatischer: „Die Fusion ist ein logischer Schritt.“
Denn mit den Preisen, die ein kleines Unternehmen im Gesundheitsmarkt erzielen kann, seien keine großen Sprünge zu machen, sagt Bergen. Vertrieb, technologische Weiterentwicklungen, regulatorische Anforderungen – „das ist alles mit enormen Kosten verbunden, das schafft man nur ab einer gewissen Größe.“
Gruppenformate und Einzelsitzungen
Größer ist das fusionierte Start-up auf alle Fälle. Nilo – A Likeminded Company kommt jetzt auf mehr als 500 Kunden. Das anvisierte Ziel formuliert Breuer so: „Daraus soll eine mindestens vierstellige Zahl werden“, und wir werden es „in ein bis zwei Jahren erreichen“. Ohne die Fusion hätte man dafür wesentlich länger gebraucht.
Auch Christian Jepsen, Partner der Kopenhagener Wagniskapitalfirma Heartcore Capital, glaubt „an die Vision und das Potenzial dieses Zusammenschlusses“. Zusammen mit Vorwerk Ventures hat Heartcore in das fusionierte Start-up investiert. Insgesamt haben Nilo Health und Likeminded bislang 20 Millionen Euro eingesammelt.
Ihre Angebote ergänzten sich gut, führen die beiden Co-Geschäftsführerinnen aus. Bislang bieten beide Start-ups psychologische Gruppensessions, digitale Vorträge, Workshops und Trainings unter anderem zu Stress- und Angstbewältigung oder besserem Schlaf.
Angestellte können zudem Einzelsitzungen mit Psychotherapeutinnen oder Psychologen in Anspruch nehmen. Während sich Likeminded vor der Fusion stärker auf Gruppenformate konzentriert hatte, waren es bei Nilo Health eher die Einzelgespräche.
Der Markt ist umkämpft. Diverse andere Mental-Health-Start-ups sind dort vertreten, zum Beispiel Mindshine, Hello Better oder auch Selfapy. Sie bieten ihre Psychotherapie- und Coaching-Apps sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für Unternehmen an. „Wir werden da noch eine stärkere Konsolidierung erleben“, ist Bergen überzeugt.
So umkämpft der Markt ist, so groß ist sein Potenzial. Willy Habicht, Psychologe am Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF), weiß: „Ein Viertel der Deutschen – das sind 18 Millionen – sind von einer psychischen Erkrankung betroffen.“ Und das seien nur die Betroffenen mit einer ärztlichen Diagnose. Die Dunkelziffer der Menschen mit psychischen Belastungen sei noch viel höher.
Angebote wie das von Nilo – A Likeminded Company fallen da auf fruchtbaren Boden, insbesondere im B2B-Bereich. Denn das Thema mentale Gesundheit wird für Unternehmen auch deshalb immer wichtiger, weil die Anzahl der krankgeschriebenen Mitarbeiter immer neue Höchstwerte erreicht. So zeigt der jüngste Fehlzeiten-Report der AOK, dass die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Belastungen seit 2014 um etwa 47 Prozent gestiegen ist.
David Surges, Psychologe bei der Techniker Krankenkasse, begründet die Entwicklung damit, dass die steigende Zahl der Krankschreibungen auch darauf zurückzuführen sei, dass sich viele Menschen angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Probleme zunehmend belastet fühlten.
Stress am Arbeitsplatz könne dann das Fass zum Überlaufen bringen. Mit ernsten Folgen: Wird der Stress zum Dauerzustand, können etwa Schlaf- und Angststörungen, Depressionen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen daraus resultieren.
„Arbeitgeber erkennen zunehmend, dass sie dem etwas entgegensetzen müssen“, berichtet Surges. Laut einer Befragung vor zwei Jahren biete rund ein Drittel der Unternehmen bereits ein ganzheitliches betriebliches Gesundheitsmanagement an – „aber da ist noch Luft nach oben“.
Wichtig sei, dass das Angebot zum Unternehmen passt, betont Habicht. Dafür müsse genau ausgelotet werden, wo es hakt – eine Herausforderung, bei der klassische Anbieter von Gesundheitsleistungen wie Krankenkassen mit einer umfassenden Analyse der psychischen Gefährdungsbedingungen vor Ort unterstützen können. Doch auch digitale Lösungen von jungen Unternehmen könnten hilfreich sein, sagt Habicht, „wenn sie wissenschaftlich fundiert sind“.
Denn es gehe dabei um mehr, als die Ausfallzeiten des Personals zu senken, sagt Co-Geschäftsführerin Räth und fügt hinzu: „Insbesondere Nachwuchskräften wird es immer wichtiger, ob sich Arbeitgeber um die mentale Gesundheit ihrer Angestellten kümmern.“ Damit hilft das Angebot auch dabei, den Arbeitgeber in Zeiten des Fachkräftemangels attraktiv zu machen.
Immer mehr junge Mitarbeiter psychisch belastet
Gerade jüngere Talente könnten Unternehmen damit von sich überzeugen. „Besonders die Generation Z – das sind die zwischen 1997 und 2012 Geborenen – legt Wert auf Mental-Health-Benefits“, berichtet Breuer.
Anders als frühere Generationen behielten die Jüngeren heute psychische Probleme nicht mehr für sich. Gleichzeitig seien zunehmend mehr junge Menschen, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, psychisch belastet.
„Wir wissen aus der Forschung, dass Kinder und Jugendliche, die häufig soziale Medien konsumieren und Beziehungen fast ausschließlich im Digitalen statt im echten Leben pflegen, ein schlechteres Selbstwertgefühl haben und psychisch stärker belastet sind“, erläutert Breuer einen der Gründe für diese Entwicklung. Die Pandemie habe die Situation noch verschärft, ergänzt Räth – ebenso die zahlreichen globalen Krisen.
Auch Chefs sollen Selbstfürsorge lernen
Ihr Unternehmen will Nutzerinnen und Nutzern „personalisierte Empfehlungen geben, ob beispielsweise eine Gruppensession oder eher eine Einzelberatung das Richtige für sie ist“, erläutert Räth.
Außerdem wollen die Berliner die Personalabteilungen beraten, wie ein gutes Angebot für die Angestellten aussieht oder wo sie nachbessern können, sowie Angebote für Führungskräfte entwickeln.
Denen falle es oft schwer, mit seelischen Problemen ihrer Mitarbeiter umzugehen. Zudem, sagt Ines Räth, bräuchten viele Chefs oft selbst Nachhilfe beim Thema Selbstfürsorge.