Krankenstand: Wie häufig fallen Arbeitnehmer in Deutschland aus?
Der Krankenstand in Deutschland wächst seit Jahren.
Foto: dpaDüsseldorf. Die Krankenkassen hierzulande sind sich einig: Ausfälle im Job aufgrund von Krankheit sind den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Das belegen aktuelle Statistiken. Auf der anderen Seite entpuppt sich ein Trend, trotz Fieber, Husten oder Schnupfen der Arbeit nachzugehen. Ein entscheidender Treiber: das Homeoffice. Zumindest geht das aus einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. So gab knapp die Hälfte der Befragten an, regelmäßig krank aus dem Homeoffice zu arbeiten. Gut jeder vierte Beschäftigte tritt krank sogar den Weg zur Arbeit an.
Fallen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen Krankheit aus, haben sie Anspruch auf Lohnfortzahlung. Innerhalb der ersten sechs Wochen einer Erkrankung muss der Arbeitgeber laut Gesetz das Gehalt in voller Höhe weiterzahlen. Danach springt anteilig die Krankenkasse ein und zahlt Krankengeld. Doch wie viele Krankheitstage sind „normal“? Wie entwickelt sich hierzulande der Krankenstand – und müssen Beschäftigte eine Kündigung fürchten, wenn die Krankheit überhandnimmt? Ein Überblick.
Was ist der Krankenstand?
Gesetzliche Krankenkassen in Deutschland bestimmen zum Anfang eines Monats die Zahl ihrer Pflichtmitglieder, die aufgrund von Arbeitsunfähigkeit im Job im Vormonat ausgefallen sind. Berücksichtigt werden in der Regel nur Mitglieder, bei denen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vonseiten des behandelnden Arztes vorliegt. So entspricht der Krankenstand nicht zwangsläufig der tatsächlichen Anzahl der Krankheitstage. Grund dafür ist, dass eine Krankschreibung in der Regel erst nach drei Tagen Abwesenheitsdauer notwendig wird. Folglich liegt der Krankenstand in der Regel unter der Anzahl der Krankheitstage.
Wie wird der Krankenstand berechnet?
Konkret misst der Krankenstand den prozentualen Anteil der Kalendertage in einem Zeitraum (zum Beispiel in einem Monat oder Jahr), die jeder Arbeitnehmer durchschnittlich ausfällt. Das heißt: Kommen die entsprechenden Mitglieder einer Krankenkasse im Januar auf durchschnittlich 1,8 Tage, an denen sie arbeitsunfähig sind, liegt der Krankenstand bei 5,8 Prozent (1,8 / 31 x 100% = 5,8%).
Krankenversicherungen melden Rekordwerte für 2023
Laut den Daten der DAK-Gesundheit erreichte der Krankenstand der berufstätigen DAK-Versicherten in Deutschland 2023 einen Wert von 5,5 Prozent. Oder anders: An jedem Tag des Jahres waren 55 von 1000 Beschäftigten krankgeschrieben. Das entspricht laut Krankenkasse dem Vorjahresniveau und damit nach wie vor einem Rekordwert. Dabei verzeichneten DAK-Versicherte 2023 im Schnitt 20 Fehltage pro Person.
Auch die Techniker Krankenkasse, die mit mehr als 11 Millionen Versicherten die größte Krankenkasse hierzulande ist, meldete mit Blick auf den Krankenstand bereits im vergangenen Sommer ein Rekordhoch für das erste Halbjahr 2023. Demnach war jede bei der TK versicherte Erwerbsperson im Schnitt 9,5 Tage krankgeschrieben – nach durchschnittlich 9,1 Tagen im ersten Halbjahr 2022.
Wie beeinflusst Schlaf unsere Arbeit?
Gründe für die angestiegenen Fehlzeiten waren laut Krankenkassen allen voran Erkältungskrankheiten, Bronchitis und Grippe. TK-Chef Jens Baas vermutet bei den Infektionskrankheiten Pandemie-Nachholeffekte.
Doch auch elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) machten sich laut DAK-Gesundheit in den Statistiken bemerkbar. So zeige sich nach Angaben der DAK über alle Berufsgruppen hinweg eine hohe Anzahl von Kurzzeit-Fällen.
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„Durch die elektronische Krankmeldung haben wir eine wesentlich geringere Dunkelziffer und einen noch schärferen Blick auf den wirklichen Krankenstand“, sagte Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.
Durchschnittliche Krankheitstage: Wie hoch liegt die Quote in Deutschland?
Krankheitstage im engeren Sinne lassen sich nur schwer ermitteln, da sie im vollständigen Umfang nicht in die Statistiken der Krankenkassen einfließen. Denn Fehlzeiten werden in der Regel nur mit einer Dauer von mehr als drei Tagen als Krankschreibung an die Krankenkassen gemeldet Vielmehr spricht man daher von Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage). Hier zeigt sich laut Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) ein starker Aufwärtstrend in den vergangenen Jahren.
Lag die Zahl der durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeitstage je BKK-Mitglied im Jahr 2012 bei 15, stieg sie innerhalb von zehn Jahren auf 22,6. Rentner und Arbeitslose sind in den Statistiken der BKK nicht berücksichtig. Dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge waren 2022 Beschäftige in Deutschland im Durchschnitt 15 Arbeitstage krank gemeldet, im Vorjahr waren es noch 11,2 Tage, im Jahr 2012 noch 9,3.
Was sind die häufigsten Gründe für Arbeitsausfälle?
Die Ursachen für eine Arbeitsunfähigkeit sind divers. Sie können von einer harmlosen Erkältung bis hin zu einer schweren Depression reichen. Allen voran psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren zu vermehrten Fehltagen in Deutschland geführt. So beziffert die DAK den Anstieg der Ausfalltage aufgrund psychischer Erkrankungen von 2011 bis 2021 auf 41 Prozent. Und auch im Jahr 2023 erreichte das Niveau laut Krankenkasse einen neuen Höchststand. 323 Fehltage je 100 Versicherte wurden durch psychische Erkrankungen verursacht, ein Plus von 7,4 Prozent im Vorjahresvergleich. Die Zahlen sind alarmierend, benötigen jedoch eine Einordnung.
Zunächst betonen Experten stets die zunehmende Sensibilisierung für das Thema. Psychische Erkrankungen sind kein Tabu mehr. So würden Menschen mittlerweile offener über Depressionen oder Ängste sprechen, sagt etwa Andreas Storm, Vorstand der DAK-Gesundheit. Der unmittelbare Rückschluss darauf, unsere Arbeitswelt sei in den vergangenen Jahren stressiger und psychisch belastender geworden oder aber Widerstandsfähigkeit der Menschen habe abgenommen, ist zu kurz gegriffen.
Außerdem muss klar zwischen Arbeitsunfähigkeits-Tagen (AU-Tage) und Arbeitsunfähigkeits-Fällen (AU-Fälle) unterschieden werden. AU-Tage im Zusammenhang mit einer Krankheit signalisieren vor allem ihren Schwergrad. Psychische Erkrankungen verursachen in der Regel überdurchschnittlich viele AU-Tage. Denn Angstzustände oder depressive Tendenzen lösen sich nicht über Nacht. AU-Fälle hingegen geben Hinweise auf die Häufigkeit von Erkrankungen. Wird der Anteil am Krankenstand anhand der AU-Tage gemessen, fallen psychische Erkrankungen dementsprechend stärker ins Gewicht.
Anteile am Krankenstand 2023:
Quelle: DAK-Gesundheitsreport
Welche Berufsgruppen sind am häufigsten krank?
Die Analyse der DAK-Gesundheit offenbart, dass im Gesundheitswesen – speziell in der Altenpflege – mit 7,4 Prozent der höchste Krankenstand herrscht. Den zweithöchsten Krankenstand verzeichneten 2023 mit sieben Prozent Kita-Beschäftigte. Verheerend: Beides sind nach Angaben der DAK Berufsgruppen, die besonders stark vom Personalmangel betroffen sind.
Im Gegensatz dazu weist die Datenverarbeitungsbranche den niedrigsten Krankenstand auf. So waren die Krankenstände bei Informatikberufen und in der Kommunikationstechnologie mit rund 3,7 Prozent am niedrigsten.
Können Krankheitstage zum Kündigungsgrund werden?
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland fallen unter das Kündigungsschutzgesetz (KschG). Kleinbetriebe mit zehn oder weniger Mitarbeitenden sind davon ausgenommen. Sonderregelungen gelten auch für Beschäftigte in der Probezeit. Das KschG unterscheidet dabei drei Formen von Kündigungsgründen:
- personenbedingte Kündigung,
- verhaltensbedingte Kündigung,
- betriebsbedingte Kündigung.
Werden Beschäftigte aufgrund hoher Fehlzeiten durch Krankheit entlassen, sprechen Juristen von einer personenbedingten Kündigung. Dabei ist eine Kündigung vonseiten des Arbeitgebers nur rechtens, wenn folgende drei Voraussetzungen erfüllt sind:
- Negative Gesundheitsprognose: Es ist davon auszugehen, dass der Mitarbeiter auch künftig wegen Krankheit in hohem Umfang ausfallen wird. Die Beweislast dafür trägt der Arbeitgeber. Letzterer kann sich dafür beispielsweise auf Sachverständigengutachten berufen, die zeigen, dass aufgrund einer Langzeiterkrankung eine vollständige Rehabilitation nicht absehbar ist. Ob sich eine negative Gesundheitsprognose auf Fehltage aus der Vergangenheit stützen lässt, entscheidet meistens der Einzelfall. Liegen die krankheitsbedingten Fehltage unter einem Zeitraum von sechs Wochen pro Jahr, reicht dies in der Regel nicht für eine negative Gesundheitsprognose aus.
- Durch die voraussichtlichen Fehlzeiten ist ein Schaden für das Unternehmen zu befürchten, etwa wegen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Zahlung von zusätzlichen Lohnkosten oder Betriebsablaufstörungen. Die betrieblichen Interessen werden also erheblich beeinträchtigt.
- Schließlich muss eine Interessensabwägung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugunsten des Arbeitgebers ausfallen. Heißt: Unter Berücksichtigung der Dauer des Arbeitsverhältnisses, der Krankheitsursache, der Fehlzeiten vergleichbarer Arbeitnehmer sowie des Alters des Beschäftigten ist eine Weiterbeschäftigung für den Arbeitgeber nicht mehr zumutbar.
Erstpublikation: 06.02.2023, 15:05 Uhr (zuletzt aktualisiert: 22.01.2024, 17:00 Uhr).