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Hologramm-TechnologieCisco testet die Videosprechstunde 2.0

Das US-amerikanische IT-Unternehmen Cisco hat für seine Videokonferenz-Software Webex eine Erweiterung entwickelt: Teilnehmer lassen in medizinischen Sprechstunden Avatare sprechen.Lukas Hoffmann 03.03.2022 - 07:55 Uhr Artikel anhören

Der in der Cisco-Holobox gestreamte Informatik-Professor Roberto Baldoni auf einer Veranstaltung des Leonardo-da-Vinci-Museums für Wissenschaft und Technologie in Mailand. Außerdem im Bild: Die italienische Schauspielerin Cristiana Capotondi.

Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.

Köln. Eschborn bei Frankfurt in einem Konferenzraum des US-amerikanischen Soft- und Hardware-Unternehmens Cisco. Es ist Dienstag, der 1. März, kurz nach 19 Uhr. Der deutsche Cisco-Mitarbeiter Christian Wolf trägt ein Headset mit Brille und Kopfhörer von Microsoft, ein Hololens-2-Headset. Damit können Objekte im Raum visualisiert werden, auch Menschen.

Wolf stellt über das Headset eine Verbindung in das US-amerikanische Büro von Cisco in North Carolina her. Sein Kollege Luis Garcia Delgado wird dort von elf Kameras abgefilmt. Wolf deutet mit dem Zeigefinger vor sich in die Luft, schiebt die flache Hand nach rechts, dann steht die Verbindung.

Er überreicht dem Reporter das Headset und wenig später wird Delgado als Hologramm in den Raum projiziert. Das was in Star-Wars-Filmen noch Fiktion war, ist plötzlich Realität: Delgado sitzt als Avatar mit am Eschborner Konferenztisch.

Smalltalk zu Beginn. In Deutschland sei es schon Abend, ob er bald Feierabend mache? Delgados Projektion kramt in der Hosentasche nach seinem Handy, schaut auf das Display, lächelt: „Einige Stunden muss ich noch arbeiten.“ Die Mimik von Delgados Avatars wirkt authentisch, sein Lächeln ist ansteckend.

Cisco ist für seine Computerhardware bekannt, der Verkauf von Routern und anderer Hardware macht rund die Hälfte des rund 50 Milliarden hohen US-Dollar-Umsatzes aus. Allerdings stagniert das Hardware-Geschäft, deshalb versucht der US-Konzern mit Hauptsitz im kalifornischen San José mit dem Zukauf von Diensten, wie etwa der Webex-Videokonferenz-Software, neue Geschäftsfelder zu finden.

Cisco will den Avatar-Arzt nach Deutschland bringen

Die Herausforderung: Andere Unternehmen wie Zoom und Microsoft bieten eine ähnliche Konferenzsoftware an. Um sich von bestehenden Anbietern abzugrenzen, hat Cisco seine Anwendung nun um eine Hologramm-Funktion erweitert. Konferenzteilnehmer bekommen einen digitalen Zwilling, sie können über ihren Avatar sprechen.

Der Öffentlichkeit wurde der Cisco-Avatar bereits im vergangenen Jahr präsentiert. So nahm der Informatik-Professor Roberto Baldoni auf einer Veranstaltung des Leonardo-da-Vinci-Museums für Wissenschaft und Technologie in Mailand als Avatar teil. Cisco denkt nun darüber nach, wie die neue Technologie im Gesundheitsbereich Anwendung finden könnte und entwirft das Szenario einer Art Videosprechstunde 2.0, in der ein Avatar-Arzt mit einem Avatar-Patienten spricht.

Avatar kommt aus Breitbandleitung

Die Daten aus den elf Kameras benötigen laut Cisco eine Internetgeschwindigkeit von mindestens 20 Megabits pro Sekunde (Mbps). Der Träger des Headsets, der den Avatar sieht, braucht eine Verbindung mit einer Geschwindigkeit von fünf Mbps.

Für den Informatiker Falko Schmid, der das Digital Health Lab der Uniklinik Düsseldorf leitet, ist das ein sparsamer Datenverbrauch. „Ich denke, dass der Datentransfer mit einer gängigen DSL-Leitung zu machen ist“, sagt er.

Schmid kann sich vorstellen, dass ein Avatar-Arzt mehr menschliche Nähe vermitteln kann als der reale Arzt in der derzeit gängigen Videosprechstunde. Bis es so weit ist, könnten aber noch fünf Jahre vergehen. „Noch steckt die Technologie in den Kinderschuhen“, sagt er.

Dass die Hologramm-Technologie noch am Anfang steht, erkennt man zum Beispiel daran, dass der gestreamte Luis Garcia Delgado einen nicht ansieht, wenn er spricht. Wie sollte er auch? Er sitzt in den USA in einem Studio und blickt auf eine Wand. Damit entfällt aber der persönlichste Aspekt bei einem Gespräch: Der Augenkontakt.

Der limitierende Faktor für die Hologramm-Technik ist für Vladimir Puhalac, Geschäftsführer des Avatar-Softwareunternehmens Doob, bislang die Technik. „Das Problem bei den Hologramm-Brillen ist, dass die Hardware vernünftig rechnen muss“, sagt er. „Das Sichtfeld ist bei den Modellen, die ich kenne, noch sehr eingeschränkt.“ Puhalac programmiert mit seinem Unternehmen ein Avatar-Abbild der Universitätsmedizin Essen.

Apple und Google entwickeln Datenbrillen

Allerdings ist davon auszugehen, dass die Datenbrillen sich technisch in den nächsten Jahren stark entwickeln werden. Apple arbeitet an einer entsprechenden Brille, die möglicherweise in diesem Jahr herauskommen soll, spätestens im Jahr 2023.

Google hat im vergangenen Jahr die neue Abteilung Google Labs geschaffen, die sich wieder verstärkt um virtuelle Realitäten bemühen will. Der New York Times zufolge arbeitet Google an neuen „Smart Glasses“.

Stefan Vilsmeier, Gründer des Münchner Software-Unternehmens Brainlab, bietet medizinischen Kunden ebenfalls Mixed-Reality-Software an, mit der ein virtuelles Objekt in den Raum projiziert wird. Verkauft wurde die entsprechende Software bislang aber nur sehr gezielt, berichtet er.

„Die konkreten Anwendungsbereiche von Mixed Reality mit nachgewiesenem Patientennutzen sind derzeit noch überschaubar.“ Viele Untersuchungen aus bildgeleiteten Fachbereichen, wie der Pathologie oder Radiologie, könnten zweidimensional dargestellt werden.

In bestimmten Bereichen, dies hätten Studien im vergangenen Jahr gezeigt, würden Mixed-Reality-Technologien aber einen Mehrwert beim Arzt-Patienten-Gespräch erzeugen. „Wir haben auf die Ergebnisse der medizinischen Studien gewartet und werden unsere Kunden nun auf das Thema ansprechen“, sagt Vilsmeier.

Auch Cisco visiert den deutschen Markt an. Die Hologramm-Technologie würde derzeit von verschiedenen US-Partnern aus dem medizinischen Sektor getestet, sagt eine Cisco-Mitarbeiterin gegenüber Handelsblatt Inside.

„Eines der Partnerunternehmen, die Webex Hologram einsetzen, hat seinen Hauptsitz in Europa und Niederlassungen in Deutschland.“ Wann die Technik in Deutschland auf den Markt komme, könne man aber noch nicht sagen. „Cisco arbeitet mit Hochdruck daran, die Testphase zu beenden.“

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