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Trends 2021Technologien und Unternehmen im neuen Jahr

2020 wird als Corona-Jahr seinen Platz in den Geschichtsbüchern einnehmen. Mit welchen Entwicklungen und Innovationen im kommenden Jahr zu rechnen ist.Jürgen Klöckner, Britta Rybicki 18.12.2020 - 15:39 Uhr Artikel anhören

Durch den Zugang zu Daten lässt sich die Medizin personalisieren.

Foto: Corbis/Getty Images

Düsseldorf. Seit der Corona-Pandemie ist die digitale Transformation in Lichtgeschwindigkeit unterwegs, und die Gesundheitsversorgung verändert sich radikal. Was können wir von 2021 erwarten?


Big Tech krempelt die Apotheken-Welt um

In den USA ist Amazon Ende des Jahres zur Apotheke geworden. Dass der Internetgigant mit seinem Angebot Amazon Pharmacy früher oder später auch auf den deutschen Markt kommen wird, bezweifelt kaum jemand. Dann wird sich herausstellen, ob den stationären Apotheken das gleiche Schicksal droht wie den Buchhändlern, deren Marktanteil durch Amazon pulverisiert wurde. Spätestens, wenn Patienten mit dem E-Rezept auch verschreibungspflichtige Medikamente im Internet bestellen können, finden sie bei Versandapotheken das gleiche Angebot vor wie bei ihrem Pharmazeuten vor Ort. 2021 könnte damit zum Schicksalsjahr für die Apothekenwelt werden.

Sowohl Versandapotheken als auch Apotheken vor Ort bereiten sich seit Längerem auf einen Einstieg von Amazon vor. Deutschlands größter Pharmahändler Phoenix entwickelt mit Noventi ein zentrales Gesundheitsportal, das neben telemedizinischen Leistungen auch den Verkauf verschreibungspflichtiger Medikamente vorsieht.
Und Doc Morris und die Shop Apotheke wollen sich mit den stationären Apotheken verbünden.

Die Bedrohung, die von Amazon im Apothekenmarkt für etablierte Player ausgehen könnte, zeigt sich in der Einschätzung der Konsumenten: Nach einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Sempora unter 1164 Konsumenten haben 86 Prozent der Befragten einen Amazon-Account. Ein Drittel hat bereits bei Amazon nach Medikamenten gesucht und 22 Prozent haben darüber nicht-verschreibungspflichtige Arzneien auch schon gekauft. 43 Prozent der Befragten würden beim Medikamentenkauf Amazon sogar anderen Versandapotheken vorziehen.


Investoren stürzen sich auf Digital Health

Der Boom der Telemedizin und digitaler Lösungen hat für spektakuläre Investments in Digital-Health-Start-ups gesorgt. Dieser Trend wird auch im neuen Jahr anhalten – und verstärkt durch neue Fonds, die 2021 ihr Geld loswerden wollen. Die Investmentfirma Apollo Health Ventures hat einen Fonds mit einem Zielvolumen von 80 bis 100 Millionen Euro aufgelegt, auch der Wagnisfinanzierer Dieter von Holtzbrinck Ventures ist mit einem neuen Digital-Health-Fonds an den Start gegangen, der drei bis vier Investments pro Jahr anstrebt.

Zudem ist davon auszugehen, dass neue Geldtöpfe entstehen. Der Berliner Wagniskapitalgeber Earlybirds arbeitet an einem neuen Fonds, auch die gesetzlichen Krankenkassen werden im kommenden Jahr als Investoren auftreten. Sie dürfen sich durch das Digitale-Versorgung-Gesetz mit bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven an Start-ups beteiligen. Dies könnte gleich zu einer ganzen Reihe neuer Fonds führen, insgesamt gibt es rund hundert gesetzliche Krankenkassen in Deutschland. An frischem Geld dürfte es der Digital-Health-Branche in Deutschland 2021 also nicht mangeln, im Gegenteil.


Diversität in den Daten

Von einer Künstlichen Intelligenz (KI) erwartet man Lösungen, die frei von menschlichen Fehlern sind. Doch noch diskriminieren die Systeme Frauen und Minderheiten. Das wird sich im kommenden Jahr ändern, denn betroffene Journalistinnen und Wissenschaftler haben das Thema in diesem Jahr in die breite gesellschaftliche Diskussion gebracht: So hat die britische Journalistin Caroline Criado-Perez in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen“ auf 400 Seiten akribisch aufgelistet, wie Frauen in Datensätzen benachteiligt werden.

Ihr Buch stand in Großbritannien16 Wochen auf der Bestsellerliste, gewann zwei Preise und wurde in 13 Ländern verkauft. Das Kapitel „Der Arztbesuch“ handelt von fehlerhaften Medikamentenstudien und Diagnosen – aufgrund einer männlich verzerrten Datenbasis.

Ebenso hat sich hierzulande das Netzwerk „Shehealth“ gegründet, bei dem innerhalb weniger Monate mehrere hundert Frauen mitmachten, um sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen und Minderheiten in der Gesundheitsversorgung einzusetzen. „Transparenz und Diskriminierung vorbeugen“ wird auch in den ethischen Leitlinien der Europäischen Kommission für eine vertrauenswürdige KI gefordert. Die KI-Forschung wird im kommenden Jahr also diverser.


Prävention in der betrieblichen Gesundheitsversorgung

Die Nachfrage von Firmen nach präventiver Gesundheitsversorgung hat durch die Corona-Pandemie einen Aufschwung erlebt. Das ergibt eine Umfrage des britischen Unternehmens Headspace, das eine Meditations-App entwickelt hat. Von 2500 Arbeitnehmern in den USA und Großbritannien gaben 40 Prozent an, unter Angstzuständen und Depressionen zu leiden.

Immer mehr Unternehmen versuchen daher, die Mitarbeiter möglichst zu entlasten und vor psychischer Überforderung wie etwa Stress oder Burnout zu schützen, indem sie digitale Präventionsprogramme anbieten. Alleine bei Headspace stieg die Nachfrage von Firmen seit Mitte März um 500 Prozent und auf über 400 Unternehmenskunden nur in Europa. Bei der Konkurrenz Calm und 7Mind sieht es ähnlich aus.

Noch ist die Corona-Pandemie nicht überstanden, Deutschland befindet sich in einem zweiten Lockdown. Psychotherapeuten vermuten einen „Tsunami psychischer Erkrankungen“. Um die Krise zu überstehen, werden Unternehmen im kommenden Jahr noch stärker auf digitale Präventionsprogramme setzen müssen.


Sprachauswertung durch Künstliche Intelligenz

Der Einsatz von Chatbots, um mit Kunden zu kommunizieren, war lange keine verlässliche Option. In der Coronakrise haben die Bots jedoch an Bedeutung gewonnen. Selbst Städte wie Wien setzen auf die digitalen Gesprächspartner, um Bürgern Fragen zu Covid-19 zu beantworten.

Mittlerweile sind diese Anwendungen so verlässlich, dass die Politik sie einsetzt, um Patienten zu steuern. Dadurch wird auch die gesellschaftliche Akzeptanz medizinischer Chatbots erhöht. Von besonders spannenden Entwicklungen haben 2020 die Unternehmen Symptoma und Ada Health berichtet: Während das österreichische Start-up Symptoma derzeit im Monat um die 10.000 Nutzer zählt, hat das Berliner Unternehmen Ada Health seit April eine halbe Millionen Nutzer hinzugewonnen. Beide Unternehmen setzen Chatbots zur Diagnoseeingrenzung ein.

Ein eindeutiges Signal für einen Trend setzt auch der Tech-Riese Google: Im November verkündet das Unternehmen in einem Blogbeitrag, im kommenden Jahr eine KI zu trainieren, die Arztnotizen auswerten soll. Was der Kollege manchmal nicht entziffern kann, soll nun eine KI leisten. Man darf gespannt sein.


Real World Data

Real World Data sind Daten, die außerhalb klinischer Studien anfallen. Sie können aus vielfältigen Quellen stammen: Registern, Apps oder Sensoren. Bislang gab es solche Daten in Deutschland nicht ohne Weiteres. Der regulatorische Rahmen für die digitale Datenweitergabe wird mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz im kommenden Jahr aber gelockert. Die elektronische Patientenakte bietet Ärzten und Patienten Anreize, ihre Gesundheit digital zu dokumentieren und so zu beobachten. In einigen Apps auf Rezept sind hierfür notwendige Werkzeuge, wie zum Beispiel digitale Gesundheitstagebücher, bereits integriert.

Gleichzeitig gibt es immer mehr wissenschaftliche Initiativen, die auf Real-World-Evidenz setzen. Das BMG plant eine zentrale Datenplattform für Krebsdaten und hat vor wenigen Wochen ein weiteres Gesetzesvorhaben vorgelegt. Mit dem Referentenentwurf eines „Gesetzes zur Zusammenführung der Krebsregisterdaten“ möchte das Ministerium die klinischen und epidemiologischen Daten der Krebsregister der Länder zusammenführen.

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