Start-up-Check: Diese Biotech-Firma will Abnehm-Medikamente günstiger machen
Düsseldorf. Medikamente gegen Fettleibigkeit sind einer der stärksten Wachstumsmärkte der Medizin. Das dänische Pharmaunternehmen Novo Nordisk wurde mit seinem ursprünglich gegen Diabetes entwickelten Medikament Ozempic – zum Abnehmen heißt es Wegovy – zwischenzeitlich zum wertvollsten Konzern Europas. Und auch der US-Konzern Eli Lilly profitiert vom Hype um sein Diätmittel namens Mounjaro.
Das Potenzial ist riesig: Laut Analysten könnte der Markt für neuartige Abnehmmittel bis 2030 auf über 200 Milliarden Dollar anwachsen. Und Novo Nordisk und Eli Lilly bauen ihre Kapazitäten zwar immens aus, die Nachfrage liegt aber weit über dem, was sie herstellen können.
Ein Zustand, den das Start-up Verdiva ändern möchte. Das Londoner Biotech hat sich jüngst mit dem Ziel gegründet, günstigere und patientenfreundlichere Abnehmmittel zu entwickeln: „Weniger als zwei Prozent der rund zwei Milliarden Menschen, die chronisch fettleibig sind und Hilfe benötigen, haben Zugang zu diesen Medikamenten“, heißt es von Verdiva.
Investoren sehen großes Potenzial. In seiner ersten Finanzierungsrunde im Januar sammelte Verdiva 411 Millionen Dollar an Risikokapital ein. Angeführt wurde die Runde von den Life-Science-Investoren General Atlantiv und Forbion, daneben investierten etwa RA Capital, OrbiMed und die ehemalige Venture-Capital-Tochter von Eli Lilly.
Was macht das Start-up genau?
Verdiva ist nicht selbst in der frühen Forschung und Entwicklung von Medikamentenkandidaten tätig, sondern konzentriert sich auf die klinische Entwicklung. Deshalb hat es mehrere Mittel des chinesischen Biotech-Unternehmen Sciwind lizenziert, die vielversprechend sein könnten.
Am weitesten ist dabei eine Abnehmtablette, die einmal wöchentlich eingenommen werden muss. Basis ist ein sogenannter GLP-1-Rezeptor-Agonist, ein blutzucker-senkender Arzneistoff, wie er in den Mitteln von Novo Nordisk und Eli Lilly eingesetzt wird.
Auch die beiden Pharmariesen arbeiten derzeit an Abnehmpillen – die müssen aber täglich genommen werden. Verdiva glaubt, dass die eigene wöchentliche Abnehmtablette vergleichsweise billiger und schneller herzustellen sei und damit besser zugänglich für die Patienten.
Noch in diesem Jahr will Verdiva damit eine Phase-2-Studie starten, in der Medikamentenentwicklung müssen neue Mittel drei klinische Studienphasen durchlaufen, bevor sie auf den Markt kommen können.
Wer steckt hinter dem Start-up?
Verdiva hat sich aus Branchenkennern formiert. Chef ist Khurem Farooq, der davor schon zwei Biotechs erfolgreich aufgebaut und an große Pharmaunternehmen verkauft hat. Sein Gentherapie-Start-up Gyroscope wurde 2021 von Novartis für bis zu 1,5 Milliarden Dollar übernommen.
Danach baute er Aiolos auf. Dabei ging er ähnlich vor wie nun mit Verdiva: Er lizenzierte einen Medikamentenkandidaten eines chinesischen Unternehmens ein, damals gegen Asthma. Mit Aiolos sammelte er zum Start 245 Millionen Dollar an Risikokapital ein. Anfang vergangenen Jahres kaufte das britische Unternehmen GSK Aiolos für bis zu 1,4 Milliarden Dollar auf.
Chief Medical Officer ist Mohamed Eid, der jahrelange Erfahrung in der Entwicklung von Herz-Kreislauf-Mitteln hat: Er war 16 Jahre bei Novo Nordisk in verschiedenen Positionen tätig und arbeitete zuletzt knapp sechs Jahre bei Boehringer Ingelheim als Leiter der klinischen Entwicklung.
Im Board sitzt außerdem Mark Pruzanski, der ehemalige Chef von Versanis. Das Biotech wurde 2021 von einer Investmentfirma formiert, um einen Wirkstoff gegen Adipositas weiterzuentwickeln, der vom Schweizer Unternehmen Novartis einlizenziert wurde.
Der scheint vielversprechend: 2023 kaufte der US-Konzern Eli Lilly Versanis für knapp zwei Milliarden Dollar.
Was sagen Investoren?
Einer der Hauptinvestoren ist die auf den Gesundheitsbereich spezialisierte Wagniskapitalfirma Forbion. Für diese ist das erfahrene Management-Team ein Schlüsselelement für das Investment, wie Forbion auf Handelsblatt-Anfrage mitteilt. Das Portfolio von Verdiva habe das Potenzial, einen „großen Unterschied“ bei der Bekämpfung von Fettleibigkeit zu machen. Gerade dass die in der Entwicklung am weitesten fortgeschrittene Pille nur einmal wöchentlich eingenommen wird, sieht Forbion als Vorteil.
Der Markt für Fettleibigkeit sei einer der größten Märkte, wenn nicht sogar der größte, „auf dem wir neue, leicht zugängliche Therapeutika benötigen“.
Welche Konkurrenz gibt es?
Bisher sind Novo Nordisk und Eli Lilly die einzigen Unternehmen, die wirksame Diätmittel auf dem Markt haben. Aber auch Roche, Boehringer Ingelheim, Pfizer und Astra-Zeneca wollen auf dem Markt Fuß fassen.
Daneben entwickeln etwa das Biotech-Unternehmen Amgen und das kalifornische Unternehmen Viking Therapeutics vielversprechende Abnehmmittel. In der Branche wird derzeit spekuliert, dass Viking Therapeutics der nächste Übernahmekandidat für eines der großen Pharmaunternehmen sein könnte.