Forschung: Deutschland hinkt bei künstlicher Intelligenz hinterher – ein Masterplan der Bundesregierung soll das ändern
Künstliche Intelligenz wird in immer mehr Bereichen eingesetzt. Deutschland setzt hierbei vor allem auf die Gesundheitsbranche.
Foto: imago/Science Photo LibraryBerlin. Das Gespräch verlief schleppend. Ob sie sich vorstellen könnte, eines Tages Altenpflegerin zu sein, fragte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den humanoiden Roboter „Sophia“ vor Kurzem. Die auf künstlicher Intelligenz basierende Maschine brauchte erst einige Sekunden, um die Frage zu verarbeiten, und antwortete dann völlig daran vorbei.
Merkel versuchte es noch einmal: Oder vielleicht Architektin? Wieder nichts. „Na gut, ich glaub’, wir müssen beide noch ne Menge lernen“, sagte die Bundeskanzlerin schließlich schmunzelnd.
Künstliche Intelligenz steht in vielen Bereichen noch am Anfang der Entwicklung. Doch Forscher sind sich sicher: Das Potenzial der selbstlernenden Computerprogramme ist riesig.
Laut einer neuen Studie des Instituts für Innovation und Technik (IIT) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums wird der Einsatz der Technik allein im produzierenden Gewerbe in Deutschland innerhalb der nächsten fünf Jahre eine zusätzliche Bruttowertschöpfung in Höhe von rund 31,8 Milliarden Euro schaffen. Die Studie liegt dem Handelsblatt vorab vor. Vorangegangene Erhebungen waren zu ähnlichen Ergebnisse gekommen, was das Potenzial der Technik angeht.
Die IIT-Forscher identifizieren in nahezu allen Bereichen hohe Wachstumschancen. Nicht nur im produzierenden Gewerbe, sondern auch bei Finanzdienstleistungen oder in der Landwirtschaft, wo selbstlernende Systeme zum Beispiel genutzt werden können, um Pestizide gezielter einzusetzen oder Wärmebilder von Drohnen auszuwerten. So könne zum Beispiel der optimale Zeitpunkt zur Saat bestimmt werden.
Doch bisher hinkt Deutschland nach Einschätzung von Experten vor allem in der Nutzung der Technik hinterher. Die USA und China sind weiter. Dort nutzen weit mehr Unternehmen künstliche Intelligenz, wie eine Studie der Unternehmensberatung BCG jüngst zeigte. Auch bei den KI-Neugründungen liegen die USA weit vorn.
Die Bundesregierung arbeitet deshalb an einem „Masterplan künstliche Intelligenz“. In seiner Sitzung am Mittwoch verabschiedete das Kabinett erste Eckpunkte, die von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erstellt wurden.
Die wichtigsten Punkte der KI-Strategie der Bundesregierung:
- Mit der Vernetzung bestehender Kompetenzzentren mit Forschungseinrichtungen von Bund und Ländern zu einem nationalen Forschungskonsortium soll die KI-Forschung ausgebaut werden.
- Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, sollen neue KI-Lehrstühle gefördert und die Attraktivität von Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für junge Wissenschaftler gesteigert werden.
- Zusammen mit den Unternehmen sollen die Forschungsergebnisse besser in die Praxis transferiert werden.
In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt hatte Altmaier die Entwicklung und Beherrschung von Anwendungsformen von künstlicher Intelligenz als eine „Schlüsselfrage für Deutschland und Europa“ bezeichnet. Künstliche Intelligenz sei keine Innovation wie viele andere. „Sie ist eine Basis-Innovation, die schon in wenigen Jahren alle Wirtschafts- und Lebensbereiche durchdrungen haben wird“, so Altmaier.
Schwerpunkte will die Bundesregierung nun beim Ausbau der Forschung setzen, bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels in dem Bereich und beim Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis. Bis Dezember soll die Strategie weiterentwickelt und beim Digitalgipfel vorgestellt werden.
Technologisch seien Anbieter aus den USA bei künstlicher Intelligenz insgesamt überlegen, heißt es in der Studie des IIT für das Bundeswirtschaftsministerium. Auch aufstrebende Länder wie China würden zunehmend zu ernsthaften Konkurrenten. Die Regierung in Peking will die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt bis 2020 zu einem der Weltmarktführer im Bereich KI machen und hat ehrgeizige Wachstums- und Investitionsziele ausgegeben. Bis 2020 sollen die Investitionen in KI auf mehr als eine Billion Yuan (rund 128 Milliarden Euro) anwachsen.
Die Bundesregierung will aufholen. „Wir werden die KI-Forschung in Deutschland deutlich ausbauen“, heißt es in dem am Mittwoch beschlossenen Eckpunktepapier. Dazu sollen etwa bestehende Kompetenzzentren mit Forschungseinrichtungen von Bund und Ländern zu einem nationalen Forschungskonsortium vernetzt werden.
Wie das Ganze finanziert werden soll, ist jedoch unklar. „Die Eckpunkte beinhalten einige wichtige Ziele, die aus Wissenschaft und Wirtschaft bereits deutlich früher formuliert worden sind“, sagte die Sprecherin für Innovations- und Technologiepolitik der Grünen-Fraktion, Anna Christmann, die auch Mitglied in der Enquetekommission künstliche Intelligenz ist. „Sie geben aber keine klare Antwort, mit welchen Instrumenten und welchem Geld die Bundesregierung diese umsetzen will.“ So werde für die unmittelbaren Maßnahmen auf den Haushalt 2018 verwiesen. In diesem sei aber kein zusätzlicher Cent für die Erforschung von künstlicher Intelligenz eingestellt.
Die Wirtschaft begrüßte die Eckpunkte, mahnte aber zu mehr Tempo. „Das gilt insbesondere für die Ankündigung, den Know-how-Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft zu stärken“, so Clemens Otte, Experte für Digitalisierung und künstliche Intelligenz beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).
„Die Eckpunkte der Bundesregierung für eine Strategie künstliche Intelligenz enthalten viele wichtige Ziele“, sagte auch Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammer- tags (DIHK), dem Handelsblatt. Dazu gehörten insbesondere einen besseren Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu schaffen, nachhaltig Kompetenzen aufzubauen und kleinere und mittlere Unternehmen zu unterstützen. Dercks mahnte jedoch, dass für die Unternehmen dringend ein verlässlicher Rechtsrahmen für den Umgang mit Daten notwendig sei. Eine aktuelle Umfrage des DIHK zeigt, dass sich zwei Drittel mehr Rechtssicherheit bei der wirtschaftlichen Nutzung von Daten wünschen.
Im Eckpunktepapier kündigt die Bundesregierung an, dass sie die Menge an nutzbaren, qualitativ hochwertigen Daten „deutlich“ erhöhen und dabei auch untersuchen will, ob der Zugang zu und die Nutzung von Daten neu geregelt werden sollten. Dieser Ankündigung komme „herausragende Bedeutung zu“, sagte Achim Berg, Präsident des IT-Verbands Bitkom. „Nur mit Daten lässt sich künstliche Intelligenz trainieren und können die Bürger von KI-Systemen profitieren“, so Berg.
Tatsächlich sind deutsche Unternehmen im Vergleich zu chinesischen und amerikanischen Firmen bei der Menge an verfügbaren Daten im Nachteil. Besonders in China können Unternehmen und Staat aufgrund der geringen Persönlichkeitsrechte auf einen riesigen Datensatz zugreifen.
Bei all den Ankündigungen sehen Experten jedoch noch große Defizite in den Grundlagen, die für einen Erfolg bei der künstlichen Intelligenz nötig sind. So ist gerade auf dem Land, wo vor allem mittelständische Unternehmen sitzen, das Internet zu häufig noch viel zu langsam. Es sei zwar „sehr gut“, dass die Bundesregierung die große Bedeutung von künstlicher Intelligenz erkannt habe, sagt Irene Bertschek, Leiterin des Forschungsbereichs Digitale Ökonomie am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, im Gespräch mit dem Handelsblatt, „aber sie muss vor allem ihre grundlegenden Hausaufgaben machen“, mahnt sie. Für KI-Anwendungen brauche man zum Beispiel schnelle Internetleitungen.
Digitale Verwaltung nicht vorhanden
Auch eine digitale Verwaltung ist nahezu nicht vorhanden. Dennoch kündigt die Bundesregierung in ihrem Eckpunktepapier vollmundig an, KI auch in der öffentlichen Verwaltung einzusetzen. „Die Bundesregierung wird beim Einsatz von KI eine Vorreiterrolle einnehmen“, heißt es in dem Papier.
ZEW-Expertin Bertschek warnt die Bundesregierung davor, alles bisher Implementierte außer Acht zu lassen. „Die Gefahr ist, dass jetzt versucht wird, etwas ganz Großes zu schaffen, ohne an das anzuknüpfen, was es schon gibt“, sagte sie. In Baden-Württemberg gebe es zum Beispiel schon längst eine Initiative zur Kooperation von Wirtschaft und Forschung bei der künstlichen Intelligenz. „Aus den Erfahrungen kann man lernen und die Umsetzung beschleunigen.“
Bei allem „unkoordinierten Aktionismus“ sei der Bundesregierung nicht einmal aufgefallen, dass sie mit den vorgelegten Eckpunkten ihre eigenen Versäumnisse entlarve, kritisierte der digitalpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Manuel Höferlin. „Denn als zentrale Grundlage für KI-Anwendungen wird eine Gigabitinfrastruktur für Echtzeit-Datenübertragungen genannt. Das Gigabit-Ziel wurde jedoch erst kürzlich auf 2025 verschoben.“
Tausende Fachkräfte fehlen
Tankred Schipanski, digitalpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, forderte, dass die Eckpunkte bis zum Digitalgipfel mit konkreten Maßnahmen unterfüttert werden. „Soll heißen: Was tun wir, um die besten KI-Experten für Deutschland zu gewinnen und hier zu halten? Wie generieren wir Wertschöpfung aus datenbasierten Geschäftsmodellen im Einklang mit dem Datenschutz?“ Tatsächlich ist eine der größten Herausforderungen, die nötigen Wissenschaftler und Fachkräfte für die KI-Forschung und die Entwicklung marktfähiger Produkte zu finden.
Nach einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen schon heute in Deutschland rund 40.000 Informatiker – doppelt so viele wie noch vor drei Jahren. Und die Zahl der Informatik-Studienanfänger ist im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um gut vier Prozent gesunken.
Laut der Studie des IIT für das Bundeswirtschaftsministerium geben 60 Prozent der Anwender von künstlicher Intelligenz an, dass ihnen Fachkräfte fehlen, um diese Technik effizient zu nutzen.
Die Bundesregierung will nun neue KI-Lehrstühle fördern und die Attraktivität von Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für junge Wissenschaftler steigern. Diese richten sich allerdings zuvorderst nach der Tarifentwicklung im öffentlichen Dienst, für die die Sozialpartner zuständig sind.
Eine „umfassende Fachkräftestrategie“ und die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Nationale Weiterbildungsstrategie sollen für das nötige KI-Personal sorgen, ebenso wie stärkere Anstrengungen bei der Anwerbung ausländischer Experten. „Wir müssen genauso viel in die Kompetenzen von Menschen investieren wie in Technologie“, mahnt Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD).
Michael Theurer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP-Fraktion, hält es zwar für begrüßenswert, dass die Bundesregierung etwas für die Digitalisierung tut, „doch besonders schnell wird es dabei nicht gehen – das Thema KI kommt im Haushalt 2018 zwar vor, ist aber nicht mit Geld hinterlegt“. Theurer warnt zudem vor unbeabsichtigten Folgen des Vorhabens: „Dass die Bundesregierung in ihrem Papier gar nicht definiert, was sie unter Künstlicher Intelligenz versteht, könnte zu massiven Mitnahmeeffekten führen.“