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The Spark 2019Das sind die Gewinner des Digitalpreises The Spark

Blickfeld entwickelt günstige und robuste Lidar-Sensoren – zum Beispiel fürs autonome Fahren. Damit gewinnt es den Deutschen Digitalpreis The Spark.Christof Kerkmann und Christoph Kapalschinski 21.11.2019 - 22:03 Uhr

Die Blickfeld-Mitarbeiter Alexander Papst (2. v. l.) und Rolf Wojtech (2. v. r.) mit McKinsey-Deutschland-Chef Cornelius Baur (r.) und Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe.

Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Berlin. Wenn Florian Petit wissen will, wie er und seine Kollegen vorankommen, fährt er runter in die Tiefgarage mitten in der Münchener Innenstadt. Das Start-up Blickfeld entwickelt Sensoren, die ein dreidimensionales Bild der Umgebung erstellen. „Die Maschine bekommt Augen“, beschreibt der Robotikspezialist das Ziel. Säulen und Wände, Autos und Fußgänger dienen als Anschauungsmaterial.

Blickfeld hat eine große Vision: Das Unternehmen will mit seiner Lidar-Technologie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Fahrzeuge autonom durch den Verkehr steuern können, nicht nur in Tiefgaragen, sondern auch auf der Autobahn und in der Stadt. Der Cube – so der Name des Produkts – soll dank einer neuen Konstruktion deutlich kleiner und gleichzeitig günstiger als bisher verfügbare Sensoren sein.

Damit hat Blickfeld die Jury des Deutschen Digitalpreises The Spark, den Handelsblatt und McKinsey am Donnerstagabend verliehen haben, überzeugt: Das Münchener Start-up belegt 2019 den ersten Platz. Es entwickle eine „potenzielle Zukunftstechnologie von entscheidender Bedeutung für die Automobilindustrie“, begründet das Expertengremium seine Entscheidung.

Nun gilt es, die Industrie zu überzeugen: Anfang nächsten Jahres beginnt die Massenproduktion.

Ein Lidar – kurz für „Light Detection and Ranging“ – ist ein Sensor, der das Umfeld erfasst. Das Gerät schießt Laserstrahlen in die Umgebung und misst deren Reflexionen. Die Software des Systems errechnet anhand der Laufzeiten die Positionen und Bewegungen von Objekten im Blickfeld. Kurz: Aus den vielen Punkten setzt sich ein detailliertes dreidimensionales Bild zusammen, zum Beispiel vom Verkehr auf der Straße.

Dieses Prinzip kommt schon seit Jahrzehnten zum Einsatz, zum Beispiel in der Raumfahrt. In den vergangenen Jahren ist jedoch ein Hype entstanden: Die Erfassung der Umwelt ist eine Voraussetzung, damit Autos ohne menschliches Zutun fahren können – Lidar-Technologie spielt daher in den Plänen der meisten Hersteller eine zentrale Rolle. Die Investmentbank Woodside Capital Partners erwartet, dass die Autoindustrie bis 2024 allein für die Sensoren 4,9 Milliarden Dollar ausgibt.

Es sei zwar möglich, viele Informationen mit Kameras zu erfassen, erklärt Daniel Göhring, Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin, der auf die Wahrnehmung von Robotern spezialisiert ist. „Ein Laserscanner macht es aber leichter, Geschwindigkeiten und Distanzen zu messen.“ Das gelte insbesondere bei schlechten Sichtverhältnissen, in der Nacht oder bei Nebel etwa. „Als Ingenieur sage ich: Wenn ich bessere Daten bekommen kann, nehme ich sie.“

Ein Durchbruch im Massenmarkt

Heutige Lidar-Technologie hat jedoch gravierende Nachteile: Sie ist groß, teuer und überdies fehleranfällig. So müssen Unternehmen und Hochschulen, die an autonomen Autos forschen, die Sensoren in auffälligen Zylindern auf die Dächer montieren. Dabei kalkulieren sie pro Einheit mit mehreren Tausend Euro Kosten, teils deutlich mehr. Dass solche Systeme auf absehbare Zeit in Serie gehen, ist kaum denkbar.

Das wollen die Blickfeld-Gründer Florian Petit, Rolf Wojtech und Mathias Müller ändern. Die drei haben eine Kernkomponente des Lidar neu erfunden: Der Spiegel, der die Laserstrahlen lenkt, wird mit Halbleitertechnologie auf einem Siliziumchip gefertigt. „Die Fertigung ist in großen Stückzahlen sehr kosteneffizient“, erklärt Petit. Zudem benötige der Sensor keine Mechanik – er sei somit wartungs- und verschleißfrei. 34 Patente hat die Firma angemeldet.

Informatikprofessor Göhring hofft, dass Unternehmen wie Blickfeld der Durchbruch gelingt: „Wenn sich das Verfahren bewährt, ist es vielversprechend“, es ermögliche deutlich niedrigere Preise. Für den Forscher stellt sich derzeit aber noch die Frage, was genau diese Geräte leisten können und wie zuverlässig sie im Alltag sind. Testen konnte er sie in seinem Labor in Berlin-Dahlem noch nicht.

Wie viel der Cube kosten wird, will Mitgründer Petit noch nicht sagen. Bei einer Massenfertigung sei es aber möglich, die Komponente für einige Hundert Euro zu verkaufen. „Dadurch wird die Integration in Serienfahrzeuge möglich“, betont er. „Wir sprechen von Stückzahlen im Millionenbereich. Das hat langfristig extrem großes Potenzial“, beschreibt der Gründer das Geschäftsmodell.

Das Unternehmen sieht weitere Anwendungsfälle. Industriebetriebe können die Technologie beispielsweise für die Automatisierung und Logistik nutzen, Städte für die Verkehrssteuerung und Parkplatzerkennung, Sicherheitsdienstleister für die Überwachung von Gebäuden und Geländen – dafür braucht es präzise Bilder von der Umwelt.

Blickfeld hat mit einem Partner begonnen, eine Produktionslinie aufzubauen. Derzeit überprüft das Start-up noch die Qualität, ab dem ersten Quartal 2020 soll der Verkauf beginnen. „Wir sind dabei, Strukturen für den Geschäftsbetrieb und Vertrieb aufzubauen“, sagt Petit.

Zunächst wenden sich die Verkäufer an die Industrie. Parallel sprechen sie mit den Autoherstellern. Die haben allerdings Entwicklungszyklen von drei bis fünf Jahren – da ist etwas Geduld gefragt. Man sei mit etlichen Konzernen eng in Kontakt, dürfe deren Namen aber aus Gründen der Vertraulichkeit nicht nennen, erklärt der Gründer.

Ein Projekt immerhin ist öffentlich bekannt: Mit dem Zulieferer Koito arbeitet Blickfeld daran, die Sensoren in Scheinwerfer zu integrieren. Dafür muss das jetzige Produkt noch kleiner werden.

Das Geschäft ist allerdings umkämpft. Firmen wie Valeo, Robosense und Valodyne arbeiten bereits seit Jahren an Lidar-Technologie, und mehrere Risikokapitalgeber gehen große Wetten darauf ein: Start-ups haben in den vergangenen fünf Jahren 1,2 Milliarden Dollar erhalten, wie der Marktforscher CB Insights erhoben hat. Blickfeld gibt sich selbstbewusst. „Wir bieten das beste Gesamtpaket an“, sagt Blickfeld-Mitgründer Petit – der Cube sei so robust, klein und günstig wie kein Konkurrenzprodukt.

Gespräche über neue Finanzierungsrunde

„Weil der Lidar-Markt sehr umkämpft ist, spielt Geschwindigkeit eine große Rolle“, weiß der Elektrotechniker aber. Blickfeld bemüht sich daher im Moment um eine weitere Finanzierungsrunde. Bisher hat das Start-up knapp neun Millionen Euro von mehreren Investoren erhalten, nun will es einen zweistelligen Millionenbetrag einsammeln.

Das Management will das Geld investieren, um die Belegschaft in den nächsten Jahren von derzeit rund 90 Mitarbeitern zu verdoppeln und den Verkauf des Produkts zu starten. Der Cube soll bald nicht nur testweise zum Einsatz kommen, sondern überall.

Patrick Kern (Mitte l.) und Marian Gläser (Mitte r.) mit Cornelius Baur (l.) und Sven Afhüppe.

Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Hendrik Witt (Mitte r.) und Leonid Poliakov (Mitte l.) mit Cornelius Baur (r.) und Sven Afhüppe.

Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Brighter AI belegt Platz zwei und hat eine pfiffige Lösung für ein sperriges Problem entwickelt. Immer mehr Unternehmen wollen Bilddaten etwa von Videokameras nutzen. Wichtig ist das zum Beispiel bei der Entwicklung von selbstfahrenden Autos.

Doch der Datenschutz erschwert häufig solche Anwendungen. Bislang werden Personen daher beispielsweise verpixelt, was in vielen Fällen die realistische Simulation erschwert.

Brighter AI setzt auf eine einfache Idee: Die Software erkennt Personen in Videos, macht sie aber nicht auf simple Weise unkenntlich. Stattdessen erfasst das Programm wesentliche Merkmale und ersetzt die Gesichter der Menschen durch Simulationen, die natürlich aussehen – und auf Wunsch gleiche Emotionen, Demografie oder Geschlecht spiegeln können. Auch Autokennzeichen kann Brighter AI so durch gleichwertige Nummernschilder ersetzen.

Das 2017 gegründete Unternehmen hat inzwischen ein Dutzend Mitarbeiter. Die Berliner haben derzeit eine ganze Reihe offener Jobs. Für ihr Wachstum haben sie bereits eine Reihe von Investoren gewonnen.

„Brighter AI hat ein grundlegendes Problem der datenschutzkonformen Verwendung und Speicherung von Bild- und Videodaten gelöst“, lobt etwa Willi Mannheims, Managing Partner beim Münsteraner Investor eCapital. Mit dabei bei einer Finanzierungsrunde über mehrere Millionen Euro im Sommer war auch der Venture-Fonds von Giesecke+Devrient.

„Brighter AI wird das Kapital dafür nutzen, die Produktentwicklung durch den Ausbau des technischen Teams mit erfahrenen Mitarbeitern zu beschleunigen sowie den Aufbau der Vertriebs-, Marketing- und Partnerorganisation voranzutreiben“, kündigte das Start-up damals an. Als Chance gilt das kommende kalifornische Datenschutzgesetz.

Brighter-AI-Chef Marian Gläser hat in Hamburg seinen Master in IT-Management gemacht und anschließend sein Unternehmen als Ausgründung des Inkubators des Kfz-Zulieferers Hella in Berlin ins Leben gerufen.

Ubimax macht Augmented Reality für den Unternehmensalltag nutzbar und belegt Platz drei beim Digitalpreis. Das Start-up ermöglicht beispielsweise Maschinenbauern, ihren Kunden aus der Ferne zu helfen – der Techniker vor Ort bekommt über eine Datenbrille Informationen und Anweisungen eingeblendet. Auch Sensoren in intelligenten Uhren ermöglichen Erleichterungen im Alltag.

Denkbar sind zahlreiche Szenarien, in denen Menschen mobil Informationen erhalten sollen oder Aufgaben abhaken müssen, dabei aber die Hände frei haben sollen. Ubimax hat eine integrierte Plattform für solche Anwendungen aufgebaut.

Die Wurzeln von Ubimax reichen zurück bis ins Jahr 2004, als sich Gründer Hendrik Witt in einem EU-Projekt erstmals mit Wearables für den Unternehmenseinsatz beschäftigte – damals noch mir Rechnern im Rucksack. 2011, als erste kommerziell nutzbare Datenbrillen auf dem Markt waren, gründete er Ubimax. Für 2018 beziffert er den Umsatz auf 3,8 Millionen Euro. Zu den Kunden zählt er DHL, Daimler, Samsung und Schnellecke Logistics.

Airbus Helicopters nutzt die Technik, um Wartungsschritte bei den Hubschraubern effizienter zu dokumentieren. „Mit der Ubimax-Lösung auf Datenbrillen können per intuitivem Sprachbefehl Bilder aufgenommen und direkt auf den Computer hochgeladen sowie Handbücher abgerufen werden. Die Prüfzeit wurde so um 40 Prozent verkürzt“, schildert Ubimax die Anwendung.

Das Unternehmen arbeitet in modernen Büros in der Bremer Überseestadt. „Wir leben eine hochinnovative Start-up-Kultur kombiniert mit einer professionellen Arbeitsweise und führenden Experten“, beschreibt Gründer Witt seinen Anspruch.

Im laufenden Jahr hat er den Vertrieb ausgebaut und arbeitet dafür mit Systemhäusern zusammen. Im September verkündete er zudem die Übernahme der Augmented-Reality-Sparte des IT-Unternehmens Essert in Ubstadt-Weiher. Seitdem kommt Ubimax auf über 100 Mitarbeiter – inklusive Büros in Amerika.

Mehr: Wie groß sind die Wachstumschancen durch KI für die deutsche Wirtschaft? Eine neue Studie bescheinigt vor allem einer Branche ein besonders großes Potenzial.

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