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Philips-Managerin Eva Braun„Die Medizintechnik muss mobil werden“

Eva Braun, Chefin der Philips-Medizintechnik-Sparte für Deutschland Österreich und der Schweiz, spricht im Interview über die Digitalisierung der Medizintechnik und die ganzheitliche Versorgung von Patienten.Maike Telgheder 19.11.2015 - 15:41 Uhr Artikel anhören

Philips-Managerin Eva Braun sieht in Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein großes Therapiegebiet.

Foto: PR

Düsseldorf. Frau Braun, Sie arbeiten seit mehr als 25 Jahren in der Medizintechnik. Wie verändert sich die Branche gerade?
In den letzten Jahren haben sich die Anforderungen unserer Kunden komplett gewandelt. Früher ging es in den Kliniken und Arztpraxen darum, ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Technologie zu haben. Heute stellen wir viel eher den Patienten in den Mittelpunkt. Es geht nicht mehr nur darum, ihn gesund zu machen, sondern seine Versorgung möglichst optimal zu steuern – von der Prävention über Diagnose und Therapie bis zur Pflege zuhause. 

Philips auf dem Weg zum Health-Tech-Konzern
Eva Braun führt seit April 2013 bei Philips den Unternehmensbereich Healthcare in der Region Deutschland, Österreich, Schweiz. Allein die Medizinsparte hat im Jahr 2014 insgesamt 9,2 Milliarden Euro Umsatz erzielt. Ihre berufliche Karriere startete Braun 1987 bei Hewlett-Packard. Dort war sie als Ingenieurin in den Bereichen Entwicklung von Patienten-Monitoren, Technical Marketing, Produkt Marketing, Sales & Market Development und Internationales Marketing tätig. 2001 wechselte die heute 52-Jährige zu Philips.
Der niederländische Konzern steckt in einer großen Umbauphase. Künftig will er sich verstärkt auf den Gesundheitsmarkt konzentrieren. Nachdem sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren schon von margenschwachen Endverbrauchergeschäften, wie etwa der TV-Sparte und Unterhaltungselektronik getrennt hat, will es nun auch die unter Margendruck leidende Lichtsparte abspalten. Philips würde sich somit von rund einem Drittel seines Umsatzes trennen – 2014 lag er bei rund 21 Milliarden Euro.
Künftig will Philips für die Themen Gesundheit und Technologie stehen. Das schließt das Geschäft mit Elektrogeräten für Endverbraucher ein – vom Luftreiniger über fettsparende Friteusen bis hin zur elektrischen Zahnbürste. Als Health-Tech-Unternehmen, wie sich Philips selber nennt, soll die Firma künftig wieder dynamischer wachsen. Und das nach mehreren Jahren der Restrukturierung.

Das hört sich erst mal gut an. Aber beim Thema medizinische Versorgung denkt man doch ganz schnell an Kostendruck.
Aber genau an dieser Stelle sind wir als Medizintechnik-Unternehmen gefordert. In den Krankenhäusern kümmert sich immer weniger Pflegepersonal um die Patienten. Da müssen wir Unternehmen innovative Technologien auf den Markt bringen, die es ermöglichen, die Abläufe effizienter zu gestalten. Damit das Pflegepersonal wieder mehr Zeit für die Patienten hat. Überwachungsgeräte zum Beispiel, oder einfache Diagnosegeräte. Die Medizintechnik muss auch mobil, kleiner und miteinander verbunden werden, damit die Gesundheitsversorgung stärker zuhause stattfinden kann. Das wird nötig sein, um die Kosten für eine immer älter werdende Gesellschaft im Griff zu halten. Und die Digitalisierung wird uns dabei ein großes Stück weiterbringen.

Philips ist schon seit Jahren in der Überwachung von Patienten zuhause aktiv. Jetzt gehen Sie einen Schritt weiter und ermöglichen auch, dass der Patient selbst daheim seine Blutwerte testet. In Großbritannien etwa gibt es ein Pilotprojekt, das vorsieht, dass Krebspatienten selbst die Anzahl ihrer weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, messen. Ist die Sicherheit der Patienten nicht gefährdet?
Wenn sich ein Leukämie-Patient einen Tropfen Blut abnimmt und den durch unser Minicare-Gerät zuhause analysiert, dann kann eigentlich nichts passieren. Die Technologie zur Analyse ist erprobt und die Auswertung bekommt der Arzt. Für den Patienten, der vielleicht durch eine Chemotherapie geschwächt ist, ist es sogar eine Entlastung, weil er nicht extra in der Praxis sein muss. Und der Arzt hat jederzeit den Überblick, wie sich Werte des Patienten verändern. Wir wollen Minicare für viele andere Tests weiterentwickeln. Wir bieten es beispielsweise auch als Diagnose-Gerät für die Notaufnahme an, damit dort mittels eines Bluttests schnell herausgefunden werden kann, ob ein eingewiesener Patient einen Herzinfarkt erlitten hat.

Medizinischer Fortschritt

Mit Spinnenseide Knochen wachsen lassen

Philips hat im vergangenen Jahr mit dem Software-Unternehmen „Salesforce.com“ eine Kooperation geschlossen, um cloudbasierte Gesundheitslösungen anzubieten. Wie weit sind Sie damit mittlerweile?
Unsere digitale Gesundheitsplattform soll nicht nur neue Gesundheits-Applikationen bieten, sondern letztlich die verschiedenen medizinischen Versorger miteinander verbinden, vom Arzt über die Pflegekraft bis hin zu Diensten, die ältere Menschen mit Essen zu Hause versorgen. Wir wollen unsere Plattform im kommenden Jahr auch externen Anbietern zu Verfügung stellen, damit sie ihre Gesundheitsapps auf diese Plattform stellen können.

Aber dafür muss es ja die Bereitschaft der Patienten geben, seine medizinischen Daten auch preiszugeben.
Ich denke, dass die Menschen dazu bereit sind, wenn sie sich einen Nutzen davon versprechen. Nehmen wir das Beispiel Schwangerschaft. Viele schwangere Frauen sind interessiert, ihren Gesundheitszustand überwachen zu lassen, weil es ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Oder Diabetes: Wir haben in Holland in Kooperation mit einem Krankenhaus eine Diabetes-App gelauncht, die es Patienten ermöglicht, schnell Kontakt zu ihren Ärzten aufnehmen, wenn sie Probleme haben. Die neuen digitalen Möglichkeiten erlauben es also, weniger Zeit beim Arzt und im Krankenhaus zu verbringen. Das wird die medizinische Versorgung komplett verändern.  

Leukämie-Patienten können mit dem Minicare-Gerät ihr Blut zuhause selber analysieren.

Foto: PR

Gemessen am reinen Pharmaumsatz ist Astellas die Nummer zwei der japanischen Pharmaindustrie. Der Schwerpunkt liegt auf Transplantationsmedizin, Onkologie und Antiinfektiva. Die Japaner kamen im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 11,1 Milliarden Dollar.

Foto: dpa

Das Labor von Boehringer Ingelheim: Der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern ist fest in Familienhand. Die Schwerpunkte liegen auf Mittel gegen Atemwegserkrankungen wie etwa das Lungenmittel Spiriva. Ein weiteres bekanntes Mittel ist Pradaxa, das zur Thrombose-Prävention eingesetzt wird. Geschätzter Umsatz 2015: 12,6 Milliarden Dollar.

Foto: ap

Takeda ist der größte japanische Pharmahersteller und bietet Mittel in verschiedenen Therapiegebieten. Die Japaner haben sich 2014 durch die Fusion mit Nycomed deutlich vergrößert und kamen voriges Jahr auf einen Pharmaumsatz von 13,8 Milliarden Dollar.

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Allergan hieß früher einmal Actavis und ist unter anderem Hersteller von Botox. 2015 machte das Unternehmen einen Umsatz von 15,1 Milliarden Dollar.

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Der größte deutsche Pharmakonzern hat sich im Gegensatz zu dem Jahr 2015 um ganze zehn Platze verbessern können. Der Umsatz 2017: 43,1 Milliarden Dollar. Top-Produkte sind beispielsweise der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea.

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Die Produktion von Langzeitinsulin der Firma Novo Nordisk: Der dänische Arzneihersteller ist einer der weltweit führenden Anbieter von Mitteln gegen Diabetes. Er kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 16,1 Milliarden Dollar.

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Der New Yorker Konzern hat seinen Schwerpunkt bei Mitteln gegen HIV und in der Immunologie, aber auch in der Onkologie. Der Pharmaumsatz lag 2015 bei 16,6 Milliarden Dollar.

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Der US-Konzern wurde 1876 vom Offizier und Chemiker Eli Lilly gegründet. Bekanntestes Mittel sind das Antidepressivum Cymbalta und das Potenzmittel Cialis. 2015 lag der Pharma-Umsatz bei 16,8 Milliarden Dollar.

Foto: Reuters

Die Israelis sind die Nummer eins der globalen Generikahersteller, also der Produzenten von Nachahmermitteln erfolgreicher Arzneien, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Sie kamen im vergangenen Jahr auf 19,7 Milliarden Dollar Umsatz.

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Der US-Biotechkonzern wurde vor allem durch sein Mittel Epogen bekannt, das gegen Blutarmut eingesetzt wird und als Dopingmittel im Sport traurige Berühmtheit erlangt hat. Umsatz 2015: 21,7 Milliarden Dollar

Foto: ap

Das Unternehmen wurde im Jahr 2013 vom US-Konzern Abbott abgespalten und will sich mit Großübernahmen stärken. Die Amerikaner kamen 2015 auf einen Pharmaumsatz von 22,9 Milliarden Dollar.

Foto: ap

Verpackung von Tabletten in einem schwedischen Werk von Astra Zeneca: Eines der bekannten Produkte von Astra Zeneca ist der Cholesterinsenker Crestor. Der Umsatz lag 2015 bei 24,7 Milliarden Dollar.

Foto: dpa

Die Briten sind stark im Impfgeschäft und haben Mittel gegen Depressionen und Atemwegserkrankungen im Portfolio. Der Konzern – dessen Sitz in London ist – kam 2017 auf einen Umsatz von etwa 40 Milliarden Dollar.

Foto: dpa

Der US-Konzern stellt Medikamente und Medizintechnik her. Bekannter sind aber seine Pflegeprodukte wie die Kindercreme Bebe und OB-Tampons. Der Umsatz lag 2017 bei stolzen 72,5 Milliarden Dollar.

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Der US-Biotechkonzern beschäftigt etwa 8.000 Mitarbeiter und hat seinen Sitz in Kalifornien. Bekannt wurde es vor allem durch seine „1000-Dollar-Pille“ Sovaldi, ein wirksames, aber sehr teures Mittel gegen Hepatitis C. Umsatz 2017: 28,5 Milliarden Dollar.

(Quelle: Unternehmensangaben; Financial Times; Thomson Reuters)

Foto: dapd

Die Franzosen haben eine starke Basis in Deutschland und kommen auf einen Pharmaumsatz von 43,3 Milliarden Dollar. Die wichtigsten Medikamente sind das Diabetesmittel Lantus und das Herz-Kreislaufmittel Plavix. Bekannter dürfte das Schlafmittel Stilnox sein.

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Ebenfalls auf dem achten Platz finden sich die Amerikaner ein, die stark im Impfgeschäft und in der Frauengesundheit sind. Zusätzlich vermarkten sie auch Medikamente für Tiere. Pharmaumsatz 2017: 40 Milliarden Dollar.

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Noch etwas mehr Umsatz konnte Roche generieren. Dieser lag bei 53,9 Milliarden Dollar. Der Abstand zu dem Unternehmen an der Spitze ist allerdings beträchtlich. In der Öffentlichkeit ist der Konzern aus der Schweiz durch das Grippemittel Tamiflu bekannt.

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Die Schweizer sind seit dem Jahr 2014 von dem ersten Platz auf den vierten Platz abgerutscht. Rund 49,2 Milliarden Dollar konnten sie im Jahr 2017 umsetzen. Novartis ist stark bei Krebsmitteln. Bekannte Marken sind das Schmerzmittel Voltaren und das Leukämiemittel Glivec.

Foto: ap

Der Konzern hat es durch das Potenzmittel Viagra zu Weltruhm gebracht. Es macht aber nur noch einen kleinen Teil des Umsatzes von 52,4 Milliarden Dollar aus, welcher für einen Platz auf dem Treppchen reicht.

Foto: ap

In der Medizintechnik gibt es auch den Trend, dass die Technologie immer spezifischer auf Krankheiten ausgerichtet wird. Müssen Sie sich da als Unternehmen entscheiden, in welchen Therapiegebieten sie noch aktiv sein wollen.
Wir sehen uns als Philips nach wie vor als Medizintechnik-Unternehmen, das einen sehr breiten Bedarf abdeckt. Aber wir haben Fokus-Bereiche gewählt, in denen wir nicht nur Diagnose und Therapie sondern möglichst den kompletten Versorgungspfad abdecken wollen – von der Prävention über Diagnose und Therapie bis zur Nachsorge. Das sind die Themen „Onkologie“, „Schwangerschaft“ und „Nachsorge“, „Atmung“ und der Bereich „Kardiologie“. Diesen ganzheitlichen Versorgungsansatz nennen wir „Health Continnuum“.

Die Kardiologie gilt ja derzeit als einer der innovativsten Bereiche in der Medizintechnik.
Das stimmt. Herz-Kreislauferkrankungen sind ein großes Therapiegebiet, wo es noch viel Fortschritt zu erzielen gibt. Und es ist ein Bereich, der noch wächst, während viele andere medizinische Bereiche in der Region Deutschland, Österreich, Schweiz nicht wachsen.

Welche zum Beispiel?
Computer- und Magnetresonanztomographie. Deutschland und die Schweiz haben die weltweit höchste Dichte an diesen Systemen. An dieser Stelle ist eine Sättigung erreicht.

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Immer öfter beteiligen sich Medizintechnik-Unternehmen auch an medizinischen Einrichtungen. Fresenius Medical Care etwa steigt in den USA verstärkt bei ambulanten Versorgungseinrichtungen ein, Medtronic betreibt die Kardiologie in zwei britischen Krankenhäusern. Ist das auch für Philips in Deutschland eine Option?
In Deutschland sind die Krankenhäuser derzeit eher der Ansicht, dass sie den Betrieb von Geräten selbst gestalten wollen. Die Bereitstellung eines Geräts oder das Management eines Gerätefuhrparks sind eine Sache – in diesem Bereich sind Unternehmen ja bereits aktiv und es gibt vielfältige Vergütungsmodelle. Der Betrieb eines Gerätes ist aber eine ganz andere Sache. Ein Betreiber-Modell würde ja auch bedeuten, dass wir als Medizintechnik-Unternehmen auch das technische Bedien-Personal zur Verfügung stellten. Ich denke, solche Modelle werden wir in der Region Deutschland, Österreich Schweiz nicht so schnell sehen.

Aber Philips könnte sich vorstellen, solche Modelle anzubieten.
Wenn ein Krankenhaus oder eine Praxis mit diesem Anliegen auf mich zukäme, hätte ich jedenfalls sehr offene Ohren. Ich glaube, der Druck auf die Krankenhäuser, allein das entsprechende technische Personal bereitzustellen, wird weiter steigen. Diese Situation wird dann komplett neue Modelle der Kooperation mit Medizintechnik-Firmen auf den Plan bringen. Ich denke, dass wir in Zukunft neue Lösungen sehen werden. Einen Patienten mit einem unserer Systeme zu untersuchen – und ein Bild zu erzeugen, das eine korrekte Diagnostik ermöglicht, könnten wir als Unternehmen sicherlich auch bieten. Doch die Diagnose selbst würde dann ja immer noch der Arzt stellen.

Frau Braun, vielen Dank für das Interview.

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