Baukonzern im Fadenkreuz: Der Imtech-Skandal
Musste vergangenen Donnerstag Insolvenz anmelden.
Quelle: PR, dpa, action press [M]
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Der Himmel hing voller Geigen, damals am 21.9.2011. Der Bürgermeister von Rotterdam war da, die niederländische Königin hatte einen Vertreter gesandt. René van der Bruggen, Vorstandschef des Gebäudeausrüsters Imtech, platzte fast vor Stolz.
„Ihre Königliche Hoheit, die Königin der Niederlande, hat entschieden, Imtech das Recht zu gewähren, sich fortan Royal Imtech zu nennen“, jubelte der Baumanager. Die Auszeichnung sei der Gipfel der 150-jährigen Geschichte der Firma. Sie symbolisiere das Vertrauen aller Kunden, Investoren und Geschäftspartner. Bis 2015 solle der Umsatz von 4,5 Milliarden auf acht Milliarden Euro steigen.
„Royal Imtech“ darf sich der Betrieb noch immer nennen – doch die Geschäftszahlen sind alles andere als königlich. Nach der Insolvenz der wichtigen deutschen Tochter – letzte publizierte Eigenkapitalquote minus 142,2 Prozent – bröckelt der Konzern. Es drohen Folgeschäden, da die Holländer überall in der Republik mitbauen.
Der Zerfall des Konzerns droht
Beim Pannenflughafen in Berlin kommt es durch die Kalamitäten womöglich zu neuen Terminverzögerungen. Die Macher hatten sich abhängig von den Technikexperten gemacht, sogar Schmiergeld floss angeblich. Auch beim Bahn-Projekt „Stuttgart 21“ sind Imtech-Leute dabei. Bis 2013 war die Firma gefeiert für hohe Ingenieurskunst. Das Sony Center in Berlin, die Allianz-Arena in München, das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, das neue „Spiegel“-Hochhaus in Hamburg – kaum ein Prestigeprojekt ging an Imtech vorbei. Doch dann wurde bekannt, dass vor allem die deutsche Tochter jahrelang Bilanzen geschönt hatte. Vier von fünf Managern mussten gehen. Drei Staatsanwaltschaften und das Bundeskartellamt ermitteln.
Nun droht der Zerfall des Konzerns. Auf dem Weg zur Arbeit erreichte Imtech-Manager am Montag eine Mail ihrer Spartenchefs. Die Gespräche mit Banken am Wochenende seien nicht vorangekommen, es werde deshalb ein Zahlungsstopp angeordnet. „Es wird heute absolut keine Auszahlungen geben. Das schließt auch solche Zahlungen ein, die geschäftskritisch sind“, heißt es da. „Es werden auch keine Bestellungen für mehr als 10.000 Euro getätigt und keine Kundenbestellungen für mehr als 20.000 Euro angenommen.“
Es wirkt, als nähme sich Imtech selbst aus dem Spiel. „Mir ist bewusst, dass dies aus geschäftlicher Sicht töricht erscheint“, schreibt ein Imtech-Spartenchef. Das Risiko solcher Zahlungen sei aus juristischer Sicht aber größer als der geschäftliche Gewinn. Sein Fazit: „Ich hoffe, nächstes Mal gibt es bessere Nachrichten.“ Mit ihm hoffen viele auf großen deutschen Baustellen.
Im Spätsommer 2012 wurde der Deutschland-Chef des Gebäudeausrüsters Imtech mit einem unsittlichen Angebot konfrontiert. Es ging um den geplanten Berliner Großflughafen BER. Er wisse, dass Imtech dringend auf rund 65 Millionen Euro aus einer Abschlagzahlung warte, sagte der Manager des Airports – und da könne er vielleicht helfen. Voraussetzung: zwei Millionen Euro, aber bitte in bar. Als der Imtech-Manager das Zimmer verließ, beschwerte er sich bei einem Mitarbeiter: „Was soll ich jetzt machen? Kann der Idiot nicht eine Rechnung schreiben?“
Der Dialog geht aus einer Zeugenbefragung der Staatsanwaltschaft Neuruppin hervor. Es gibt wohl keine Szene, die das Geschäftsgebaren bei Imtech besser zeigt als jenes aus dem Büro in der Hamburger Deutschland-Zentrale des Konzerns. Schmiergeld? Warum nicht. Aber in bar? Da hatte man doch bessere Methoden.
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Foto: HandelsblattSeit mehr als zweieinhalb Jahren beschäftigen sich mehrere Staatsanwaltschaften damit, diese Methoden zu entschlüsseln. Je länger sie graben, desto abenteuerlicher werden die Ausmaße des Falls. 2013 fanden sie Hinweise, dass es bei Prestigeprojekten in Hamburg – dem Kaufmannshaus und dem „Spiegel“-Hochhaus an der Ericusspitze – zu Scheinrechnungen und anderen Unregelmäßigkeiten gekommen war. Im Herbst 2014 wies die Ermittler ein Bericht des Handelsblatts auf die Spur eines Kartells. Allein hier führt die Staatsanwaltschaft inzwischen mehr als 30 Beschuldigte. Es gebe 50 Großbauprojekte, bei denen per Preisabsprachen und Scheinrechnungen ein Betrugsrad gedreht wurde. Dutzende Konzerne wurden geschädigt, unter ihnen Audi, RWE und vor allem Siemens.
All das hätte zu fantastischen Gewinnen für Imtech führen müssen – hätten die Beteiligten ihre Tricks nicht noch viel dreister angewandt. Millionen von Euro flossen an Firmen von Freunden. Mal gab es kaum eine Gegenleistung dafür, mal gar keine. Gleichzeitig gefielen sich Imtech-Verantwortliche in der Rolle von Mäzenen. Zweistellige Millionenbeträge flossen an den Fußball-Profiklub HSV. Auch FC Bayern, VfB Stuttgart und VfR Aalen erhielten Millionen. Zuschauer berichten, wie Imtech-Manager mit dem Hubschrauber vor dem Stadion des Zweitligisten Aalen landeten. Imtech war ganz groß im Spiel.
Ein zweifelhaftes Abenteuer in Polen
Die Chose endete Anfang 2013. Es muss ein Mix aus Ehrgeiz und Wahnsinn gewesen sein, der Imtech zur Verkündung des größten Auftrags der Konzerngeschichte trieb: 800 Millionen Euro für den Bau eines riesigen Abenteuerparks in Polen. Die Illusion war perfekt. Mitte 2012 gab es eine große Party mit Grundsteinlegung, und auch in den Geschäftsbüchern tauchte das Megaprojekt bald darauf auf. Der Haken: Der Kunde hatte gar kein Geld. Bevor auch nur der erste Bagger auf die polnische Baustelle fahren konnte, brauchte der polnische Partner Anschubhilfe – in Form von Bankgarantien in dreistelliger Millionenhöhe. Gebaut wurde aber trotzdem nichts. An den Nachwehen dieser und anderer Abenteuer sollte Imtech noch lange leiden.
Die niederländische Zentrale des Konzerns sieht nur eine Rolle für sich: die des Betrogenen. Sie hat die deutsche Führung entlassen und 80 Prozent des Managements ausgetauscht. Seit 2013 wurden mehr als 150 Millionen Euro für die Aufarbeitung der Krise ausgegeben. Die Deutschen hätten jahrelang zwei Bücher geführt, heißt es bei Imtech. Eines mit den realen Zahlen und eines mit den geschönten, die der Zentrale präsentiert wurden – und von denen die Boni der deutschen Manager abhingen.
Doch die niederländische Version hat längst Risse. Schon liegen der Staatsanwaltschaft Aussagen von deutschen Managern vor, die der Zentrale zumindest eine Mitwisserschaft, teils auch eine Mitschuld an dem Debakel geben. Niemand habe so dumm sein können, die deutschen Zahlen zu glauben, heißt es unter denen, die ihren Job verloren haben. Noch in der tiefsten Wirtschaftskrise meldete Imtech Deutschland Renditen wie zu Wirtschaftswunderzeiten. Und auch die Boni der niederländischen Manager hingen nicht unwesentlich von den Erfolgen in Deutschland ab. Eine interne Chronik zeichnet die Hybris der Niederländer seit 1997 nach. Schon damals habe eine Einkaufstour ohne Sinn und Verstand begonnen.
2005 gab es offenbar ernste Liquiditätsprobleme, das Dezembergehalt wurde erst im Januar 2006 überwiesen. Mitarbeiter berichten, es habe einen ehemaligen Spezialisten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gegeben, der nichts anderes machte, als die Bilanzen zu trimmen. KPMG war bis zuletzt das Unternehmen, das die Bilanzen von Imtech prüfte. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht. Doch so klar und deutlich die Beteiligten die Zeichen an der Wand heute auch schildern mögen – als sie noch dabei waren in der schönen bunten Imtech-Welt, stiegen sie nicht aus. Nicht einmal dann, als die Methoden des Weitermachens ohne jeden Zweifel mafiös wurden.
Es gibt unterschiedliche Erinnerungen daran, wie genau die Schmiergeldzahlung von Imtech für den BER-Mitarbeiter vor drei Jahren ablief. Sicher ist, dass es nach dem ersten Gespräch im Herbst 2012 mehrere weitere solcher Unterhaltungen gab. Ein Beteiligter will sich nicht mehr an die Forderung von zwei Millionen Euro erinnern. Ein anderer sagt, er sei nur Bote gewesen und habe stets den Raum verlassen, wenn die anderen beiden über das Schmiergeld feilschten.
Sicher ist, dass Ende Dezember 2012 ein Imtech-Manager an einer Autobahnraststätte an der A24 einen braunen Umschlag mit 150.000 Euro an einen BER-Manager übergab. Und dass wenig später rund 65 Millionen als Abschlagzahlung vom Flughafen an Imtech flossen. Es war ein letztes Hilfsmittel, auch wenn es kaum half. 2013 schrieb Imtech Deutschland mehr als 200 Millionen Euro Verlust; 2014 lag die Eigenkapitalquote bei minus 142 Prozent. Fortschritt sieht anders aus.
Nun hat der Insolvenzverwalter den heruntergewirtschafteten Betrieb übernommen. „Erst wurden wir von korrupten Chefs geführt, dann von unfähigen“, sagt ein Mitarbeiter: „Ich weiß noch nicht richtig, was schlimmer ist.“
In der Ausgabe des „Handelsblatts“ vom 11.08.2015 hatten wir fälschlicherweise einen Zusammenhang hergestellt zwischen dem heutigen Imtech Deutschland-Geschäftsführer Felix Colsmann und Vorgängen, die derzeit Gegenstand von Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden sind. Dazu stellen wir richtig: Felix Colsmann ist erst seit September 2013 Geschäftsführer von Imtech Deutschland und steht in keinerlei Zusammenhang mit möglicherweise kriminellen Vorgängen der Vergangenheit.