Corona und Skiurlaub: „In einer Krise ist Widerstandskraft gefragt” – Wie Österreichs Tourismus sich neu erfinden muss
Ski-Touristiker, wie hier in Obertauern, hoffen auf eine Saison ohne Reisebeschränkungen.
Foto: dpaWien. Österreichs Hoteliers hadern. Der Salzburger Hotelier und Gastronom Sepp Schellhorn klagt, eigentlich sollte ein Wiener Schnitzel bei ihm nicht 21 Euro, sondern 35 Euro kosten. In Goldegg betreibt der Unternehmer und ehemalige Parlamentarier ein Hotel, im nahen Gebirge zwei Skirestaurants.
Schellhorn bekommt gerade zu spüren, wie groß die Personalnot im Tourismus ist und was das für die Kosten bedeuten könnte. Etwas über 80 Mitarbeiter benötigt er zum Beispiel für die Skirestaurants. In früheren Jahren hatte er mit 70 Prozent von ihnen jeweils im September einen Arbeitsvertrag abgeschlossen; dieses Jahr hat er Mitte November erst 20 Personen fest anstellen können.
Angesichts solcher Knappheiten ist es kein Wunder, dass die Lohnansprüche der Angestellten steigen. Vor allem begabte Köche haben ihren Marktwert entdeckt. Großflächig die Saläre anzuheben ist aus der Sicht der Hoteliers jedoch nicht so einfach möglich. Denn sie befürchten, dass die Gäste höhere Preise nicht akzeptieren würden.
Die Gründe für die Personalnot sind vielfältig. Viele Osteuropäer sind in der Pandemie in ihre Heimatländer zurückgekehrt und halten sich weiterhin von Österreich fern. „Diese Menschen bleiben vorerst wegen der mit der Pandemie zusammenhängenden Unsicherheit in ihren Heimatländern“, sagt Österreichs Arbeitsminister Martin Kocher.
Die Angestellten plagt die Unsicherheit, ob die Skisaison in Österreich wirklich vollständig stattfinden und ob über den ganzen Winter Reisefreiheit herrschen wird. Zudem sind gerade Ungarn häufig mit dem russischen Vakzin Sputnik geimpft, dieses ist in der EU aber nicht zugelassen.
„Dienstleistungsbranchen haben auf dem Arbeitsmarkt einen schweren Stand“
In Schellhorns Skirestaurants arbeiten normalerweise je zur Hälfte Österreicher und Ausländer, Letztgenannte stammen aus Deutschland und Osteuropa. Solche Verhältnisse sind seit einiger Zeit üblich. Bereits vor sechs Jahren verwies Johannes Kopf, Vorstandsmitglied des öffentlich-rechtlichen Arbeitsmarktservice AMS, auf den Zustrom gut qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland.
Damals machte man sich in Österreich allerdings noch Sorgen, dass gut qualifizierte Ausländer einheimische Arbeitskräfte verdrängen. Davon ist mittlerweile keine Rede mehr. Einheimische sind zunehmend schwierig dazu zu bewegen, in der Gastronomie und der Hotellerie zu arbeiten. „Wir leben in einer Freizeitgesellschaft“, sagt Schellhorn. „Dienstleistungsbranchen haben in einem solchen Umfeld auf dem Arbeitsmarkt einen schweren Stand.“
Die Angestellten im Tourismus arbeiten, wenn ihre Familienangehörigen und Freunde die Freizeit verbringen – damit wollen sich umso weniger Arbeitskräfte abfinden, je mehr berufliche Alternativen es gibt.
Zumal es bei den Löhnen eben hapert. „Die Mitarbeiter kosten zu viel und verdienen zu wenig“, sagt Schellhorn. Damit spricht er Österreichs hohe Lohnnebenkosten an. Bei einem unverheirateten Mitarbeiter mit einem Durchschnittslohn liegt der Anteil der Steuern und Abgaben laut OECD bei 47 Prozent (Deutschland 49 Prozent).
„Die Mitarbeiter kosten zu viel und verdienen zu wenig“, sagt der Hotelier.
Foto: picture alliance / Lukas Ilgner / Verlagsgruppe News / picturedesk.comAnfang Oktober hat die Regierung zwar eine ökosoziale Steuerreform angekündigt. Sie will in deren Rahmen aber bloß die Gewinnsteuern für Unternehmen senken und rührt die Lohnnebenkosten nicht an.
Sorge über mangelndes Eigenkapital
Bei Wirtschaftsvertretern hat das Enttäuschung und Verärgerung ausgelöst. Seit einiger Zeit kämpfen sie mit dem eingängigen Slogan „Mehr netto vom brutto“ für eine Steuerreform, um nicht weiter an Konkurrenzfähigkeit einzubüßen. In Wien fanden die Wirtschaftsvertreter bisher aber kein Gehör. Die finanzielle Lage der Republik ist nach 22 Monaten Pandemie mit milliardenschweren und teilweise wenig zielgenauen Finanzhilfen angespannt.
Schellhorn versucht sich derweil als gefragter Arbeitgeber zu positionieren, indem er das Leben der Angestellten angenehmer gestaltet. Er hat für sie ein Personalhaus gebaut, und zum Essen gibt’s Kost vom Buffet. „Wellness kann ich den Angestellten aber nicht bieten“, sagt er.
Die Personalnot ist nur eine von vielen Sorgen, die Österreichs Touristiker derzeit plagen. Vor der Pandemie galt der Fremdenverkehr als eine der Vorzeigebranchen des Landes, die nicht enden wollende Seuche hat aber strukturelle Schwächen offengelegt. „In einer Krise ist Widerstandskraft gefragt“, sagt Oliver Fritz, Ökonom am Wirtschaftsinstitut Wifo. „Doch diese fehlt vielen Hotels in Österreich.“
Der Grund ist das mangelnde Eigenkapital. Vielfach ist die Eigenkapitalquote zu niedrig, um langfristig zu bestehen. Im Durchschnitt liegt sie bei Österreichs Hotels unter 15 Prozent „Und sie wird wegen der Pandemie weiter fallen“, sagt der Berater Thomas Reisenzahn.
Die letztjährige Wintersaison ist in Österreich wegen der Pandemie komplett ausgefallen. Falls sich die Gäste auch dieses Jahr wegen der momentan sehr hohen Ansteckungszahlen nicht ins Land trauen, ein Lockdown auch für Geimpfte käme oder Deutschland, der wichtigste Quellmarkt, strengere Reisebeschränkungen einführen würde, würde das im Westen des Landes große wirtschaftliche Schäden anrichten. In den Bundesländern Tirol und Salzburg läuft im Winter ohne deutsche Gäste nichts.
Es rächt sich nun auch, dass sich die Betriebe in den vergangenen Jahren ein kostspieliges Wettrüsten geliefert haben, indem sie beispielsweise teure Tiefgaragen oder luxuriöse Wellnessanlagen bauten. Der Erfolg auf den internationalen Märkten gab Österreichs Betrieben scheinbar recht. Jahr für Jahr stiegen die Übernachtungszahlen, im letzten Winter vor der Pandemie auf den Rekordwert von 73 Millionen.
Aber wie die niedrigen Eigenkapitalquoten zeigen, hat die Rentabilität mit diesem Wachstum nicht Schritt gehalten. „Die Betriebe haben zu wenig auf die Flächeneffizienz geachtet“, sagt der Berater Reisenzahn. Und Schellhorn meint: „In den vergangenen 15 Jahren gab es eine Investitionswelle in die „Hardware“.
Wie rasch Österreich die Rekorde bei den Übernachtungszahlen wieder erreichen wird, ist umstritten. Die einen Touristiker halten Skifahren und Spaßhaben gleichsam für ein Grundbedürfnis der Gäste. Andere, darunter Schellhorn, weisen warnend darauf hin, dass die Zahl der Skifahrer in Europa sinke.
Solche unsicheren Aussichten wirken sich auf einen zentralen Erfolgsfaktor von Österreichs Alpenhotellerie aus: die Leitung der Betriebe durch den jeweiligen Eigentümer. Diese haben zunehmend Mühe, Nachfolger in der Familie zu finden. Die Kinder sehen, wie anstrengend der Beruf des Hoteliers geworden ist, und wenden sich einer anderen Beschäftigung zu.
Schellhorn, Vater von drei Kindern, hat die Nachfolge vor vier Jahren allerdings eingeleitet. In zwei Jahren wird sein mittlerer Sohn Felix das Hotel in Goldegg übernehmen. Das sei ein erster Schritt, sagt der Unternehmer; bei den Skirestaurants steht die Nachfolgelösung noch aus.