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EYWirtschaftsprüfer gewinnt erstes Dax-Prüfmandat seit Wirecard-Skandal

Die Gesellschaft profitiert trotz Sperre von einem Sonderfall, fällt aber im Prüfer-Ranking zurück, ebenso wie ein Konkurrent. Die „Big Four“ rüsten sich jetzt für die nächste Rotation.Bert Fröndhoff 20.12.2024 - 16:58 Uhr Artikel anhören
„Big Four“ der Wirtschaftsprüfer: Bei den Dax-Konzernen steht bald wieder eine große Rotation an. Foto: Reuters

Düsseldorf. Die Prüfungsgesellschaft EY Deutschland hat ihr erstes neues Mandat als Bilanzprüfer eines börsennotierten Unternehmens seit dem Wirecard-Skandal gewonnen. Der Schritt kommt überraschend, denn EY ist noch bis April 2026 von einem weitgehenden Wettbewerbsverbot in Deutschland betroffen und darf keine Prüfungshandlungen bei neuen Mandanten vornehmen.

Doch nun profitiert die Gesellschaft von einem Sonderfall beim Dax-Konzern Qiagen. Der Diagnostikspezialist hat die deutsche EY zum neuen Abschlussprüfer ab dem Geschäftsjahr 2025 bestellt, wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr. Qiagen hat den Wechsel bestätigt.

Obwohl die Prüfung in die Verbotsphase fällt, darf EY das Mandat annehmen. Qiagen ist zwar ein Dax-Unternehmen mit starkem Geschäft in Deutschland und unterliegt den deutschen Governance-Pflichten. Der Konzern sitzt rechtlich aber in den Niederlanden. Deswegen greift das Wettbewerbsverbot für EY nicht. Es gilt nur für Firmen von öffentlichem Interesse mit Sitz in Deutschland.

Für EY ist dies der erste Erfolg in einer Schwächephase, in der die Gesellschaft seit dem Wirecard-Skandal steckt. Insgesamt ist EY im aktuellen Handelsblatt-Ranking der Abschlussprüfer im Dax weit zurückgefallen. Zweiter Verlierer ist KPMG, während sich PwC als Marktführer und Deloitte als größter Verfolger etabliert haben.

EY wird Abschlussprüfer beim Diagnostikspezialisten Qiagen. Foto: dpa

2024 haben die letzten Konzerne im Dax ihren Abschlussprüfer gewechselt. Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet. Die EU schreibt dies seit 2017 vor, 2021 hat die Bundesregierung die Fristen verschärft. Börsennotierte Unternehmen müssen nun alle zehn Jahre einen neuen Wirtschaftsprüfer engagieren.

Regelmäßiger Prüferwechsel soll Bilanzskandale verhindern

Die Regulierer wollen damit eine zu enge Verbindung zwischen Prüfern und Unternehmen verhindern und für einen frischen Blick auf das Zahlenwerk sorgen. Es ist eine Reaktion auf die Bilanzskandale der vergangenen Jahrzehnte – in Deutschland vor allem auf den Fall Wirecard. Der insolvente Zahlungsdienstleister soll große Teile seines Geschäfts frei erfunden haben.

EY werden als langjährigem Prüfer von Wirecard Versäumnisse vorgeworfen. Der Skandal hat der Gesellschaft einen schweren Imageschaden zugefügt. EY wurde bei der Neuvergabe von Prüfermandaten gemieden. 2024 kam das zweijährige Wettbewerbsverbot durch die deutsche Prüferaufsicht Apas hinzu. Sie erkannte Verstöße gegen die Berufspflichten in der Wirecard-Prüfung.

Im aktuellen Prüferranking zeigt sich der Reputationsverlust deutlich. Im Dax 40 kommt EY im kommenden Jahr auf einen Marktanteil von 15 Prozent und ist damit unter den Stand von 2016 gefallen. Vor dem Wirecard-Skandal hatte die Gesellschaft mit einem aggressiven Wachstumskurs viele neue Dax-Konzerne als Kunden gewonnen. 2022 lag der Marktanteil noch bei nahezu einem Drittel.

Überraschend hatte EY zuletzt auch das vergleichsweise lukrative Prüfermandat beim Rückversicherer Munich Re verloren. Der Dax-Konzern wechselt aber erst 2026 zu KPMG. Gesetzlich gezwungen war Munich Re dazu nicht, der Konzern war erst 2020 zu EY gewechselt.

Zu den Gründen sagte ein Sprecher des Rückversicherers nur, man habe das Mandat aus „kommerziellen Gründen“ neu ausgeschrieben. Unabhängig von der Entscheidung sei man von der Qualität von EY als bestehendem Abschlussprüfer weiterhin überzeugt.

Auch KPMG büßt Mandate ein

Trotz dieses Mandatsgewinns hat auch KPMG deutlich verloren. 2016 und damit kurz vor Beginn der Rotationspflicht prüfte die Gesellschaft noch 58 Prozent der Dax-Konzerne. Dass KPMG viele davon abgeben musste, war absehbar. Doch es kamen nur wenige neue hinzu.

2022 lag der Marktanteil bei 30 Prozent. Danach gewann KPMG zwar die Aufträge von Siemens Energy, MTU und Zalando, hatte aber bei anderen aussichtsreichen Bewerbungen das Nachsehen, etwa bei Beiersdorf. 2025 wird KPMG im Dax nur noch auf einen Marktanteil von 17,5 Prozent kommen. Im Gegenzug hat die Gesellschaft ihre Präsenz als Abschlussprüfer im MDax ausgebaut und ist dort Segmentführer.

Beiersdorf vollzog 2024 einen der letzten vorgeschriebenen Prüferwechsel im Dax 40 und entschied sich für PwC. Die Gesellschaft hat ihren Marktanteil leicht auf 40 Prozent ausgebaut. Größter Profiteur der Schwäche von EY und KPMG aber ist Deloitte. 2022 prüfte das Unternehmen erst drei Dax-Konzerne, jetzt sind es neun und damit 22,5 Prozent.

Kleinere Prüfer gewinnen keine neuen Mandate

Ein weiteres Vordringen mittelgroßer Prüfungsgesellschaften in die Dominanz der „Big Four“ hat sich nicht gezeigt. Es bleibt dabei: Nur zwei Dax-Konzerne haben sich nicht für einen der vier Großen entschieden. BDO, Nummer fünf der Branche, prüft die Bücher von SAP. Grant Thornton prüft die Porsche SE, eine Beteiligungsgesellschaft, die die Mehrheit an VW und 25 Prozent plus eine Aktie an der Porsche AG hält.

Beides sind übersichtliche und weniger komplexe Mandate, für die keine großen Kapazitäten in der Prüfung benötigt werden. BDO hat aber bei SAP bewiesen, dass die Gesellschaft die Testate eines großen Konzerns mit Schwerpunkt in den USA stemmen kann.

Im Dax steht die große Prüfer-Rotation an

Viele Dax-Konzerne müssen in den kommenden Jahren ihre Wirtschaftsprüfer wechseln. Seit der Einführung der Wechselpflicht ist bald die Zeitgrenze von zehn Jahren erreicht. Damit steht eine beinahe komplette Rotation an, auf dem Markt kann sich dabei viel verändern. Darauf bereiten sich die „Big Four“ wie auch die mittelgroßen Prüfungsgesellschaften jetzt vor.

Vor allem EY erhofft sich dabei große Chancen. Der Gewinn des Qiagen-Mandats ist zwar positiv für die Firma, bleibt aber vorerst ein Sonderfall. Dazu kommt: „Es gibt weiterhin Aufsichtsräte und Aktionäre, die kritisch gegenüber EY sind“, sagt Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter des Marktforschers Lünendonk & Hossenfelder. „Die Reputation aus der Zeit vor dem Wirecard-Skandal hat die Gesellschaft noch nicht wieder erreicht.“

Dazu müsste ein Auftrag eines renommierten, weltweit tätigen Großkonzerns aus Deutschland her. „EY braucht ein solches ,Eisbrecher‘-Mandat, um neu gewonnenes Vertrauen vorweisen zu können“, heißt es in Kreisen der Gesellschaft. Die EY-Prüfereinheit mit ihrem Spartenchef Jan Brorhilker bereitet die anstehenden Vergabeverfahren bereits intensiv vor.

Der Bayer-Konzern könnte für EY ein solcher „Eisbrecher“ werden. Bayer war 2017 das erste Dax-Unternehmen, das den Prüfer wegen der Rotationspflicht tauschte und wird auch die nächste Wechselrunde einläuten. Ende 2026 muss Deloitte das Bayer-Mandat abgeben.

Bayer-Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann: Die Suche nach einem neuen Abschlussprüfer für den Konzern läuft an. Foto: Bayer

Bayer-Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann hat die Suche nach einem neuen Abschlussprüfer schon begonnen. Neben dem aktuellen Prüfer Deloitte kommt auch PwC für den Auftrag nicht infrage. Die Gesellschaft ist bei Bayer in großem Umfang als Berater tätig, vor allem bei der Einführung neuer SAP-Systeme. In dieser Rolle kann und darf PwC nicht auch noch die Rolle des Abschlussprüfers übernehmen.

EY kann sich bei Bayer bewerben

Bleiben noch KPMG und EY. Aufsichtsratschef Winkeljohann wolle, dass sich beide Gesellschaften im anstehenden Auswahlverfahren präsentieren, heißt es in Branchenkreisen. EY kann daran teilnehmen, denn die Prüferaufsicht Apas verbietet ihnen bis April 2026 nur konkrete Prüfungshandlungen bei neuen Mandaten. Bei der möglichen Übernahme des Bayer-Mandats wäre das Verbot bereits ausgelaufen.

Nach Bayer kann sich EY bis 2028 bei Allianz und Hannover Rück um das Mandat bewerben, die aktuell von PwC geprüft werden. Das Airbus-Mandat dagegen verliert EY 2026, wenn bei dem Flugzeugbauer der Wechsel ansteht.

Auch KPMG kann sich bei der zweiten Rotationsrunde gute Chancen ausrechnen. Offen ist, ob auch Verfolger der „Big Four“ wie BDO, Grant Thornton oder Forvis Mazars zum Zuge kommen. Branchenexperte Hossenfelder erwartet, dass sie zu Präsentationen bei Dax-Konzernen eingeladen werden. „Ob sich die Verfolger wirklich als starke Alternative entpuppen können, wird sich in der nächsten Runde zeigen“, sagt er. Bei kleineren Dax-Unternehmen mit weniger komplexen Prüfungen könnten die mittelgroßen Anbieter Chancen haben.

Die „Big Four“ sind dafür gerüstet, wenn sie als langjähriger Prüfer eines Großkonzerns ausscheiden. Dann dienen sich die Gesellschaften dem ehemaligen Mandanten als Beratungsdienstleister an. Man kenne den Konzern ja bereits aus der Prüferzeit bis ins Detail.

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Diese Strategie funktioniert. Die vorliegenden Ergebnisse der großen Prüfungsgesellschaften zeigen, dass sie immer mehr von ihrem Umsatz mit Beratung machen. Die traditionelle Wirtschaftsprüfung macht nur noch rund 30 Prozent aus, der Rest entfällt auf Managementberatung, Rechts- und Steuerberatung sowie Begleitung von Übernahmen, Abspaltungen und Fusionen.

Erstpublikation: 19.12.2024, 08:32 Uhr

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