Konjunktur: Chemiebranche rechnet mit eingetrübtem Geschäft – Gas und Strom bleiben 2022 teuer
Für den weltgrößten Chemiekonzern wird 2021 trotz der Produktionsschwierigkeiten operativ ein starkes Jahr.
Foto: Photothek/Getty ImagesDüsseldorf. Die deutschen Chemieunternehmen rechnen mit weiter anhaltenden Belastungen durch die Engpässe bei Rohstoffen und Energie im kommenden Jahr. Das zeigt eine am Donnerstag vorgestellte aktuelle Mitgliederumfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI).
Frühestens im Sommer 2022 rechnen die Produzenten mit einer Besserung bei den Versorgungs- und Lieferproblemen. Bei den hohen Gas- und Strompreisen erwarten sie für das ganze Jahr keine Entspannung.
Die Einschätzungen haben große Bedeutung für die gesamte verarbeitende Industrie, denn Chemikalien und Kunststoffe werden von nahezu allen Branchen bezogen.
Für die Kunden der Chemieindustrie setzen sich damit die Probleme von 2021 im kommenden Jahr fort. Sie haben eigentlich genug Aufträge, können aber wegen fehlender Chemikalien und Kunststoffe nicht wie geplant produzieren oder müssen drastisch gestiegene Preise bezahlen.
Im Prinzip zeigt sich in der Chemie selbst das gleiche Bild: Laut dem VCI haben sich die Engpässe bei Rohstoffen und Logistik in der Branche zuletzt weiter verschärft. 70 Prozent der Hersteller konnten nur verzögert ausliefern, 40 Prozent konnten manche Aufträge gar nicht erfüllen. Ein Drittel der Branche musste zuletzt die Produktion drosseln, zehn Prozent haben ganze Anlagen geschlossen.
Das löst in einigen Segmenten der Chemie eine Kettenreaktion aus, da die Anlagen vieler Hersteller untereinander vernetzt sind. Zu den Rohstoffengpässen ist zuletzt die Belastung durch teures Gas hinzugekommen. Dessen Preis ist im Jahresvergleich 500 Prozent gestiegen. Erdgas ist in der Chemie der wichtigste Energieträger und nach Öl der zweitwichtigste Rohstoff für die Produkte.
„Seit Gründung unserer Republik hat es keine Situation gegeben, in der die Kosten für Energie so hoch waren, dass sie die Betriebsabläufe massiv stören“, sagte VCI-Präsident Christian Kullmann. Die Lage werde kritisch bleiben. „Die Mehrheit unserer Unternehmen glaubt nicht an eine signifikante Entspannung bei den Energiekosten im kommenden Jahr“, ergänzt er.
Nicht nur deswegen rechnen die Chemiefirmen mit einem eingetrübten Geschäft. Sie fürchten auch negative wirtschaftliche Folgen durch die neue Coronawelle und eine Schwäche der gesamten deutschen Wirtschaft.
Weil aber das Auslandsgeschäft insbesondere in Asien weiterhin gut läuft, rechnet die Branche im kommenden Jahr immerhin mit einem Umsatzwachstum von fünf Prozent auf dann 231 Milliarden Euro. Dazu dürfte auch beitragen, dass es der Chemie in weiten Teilen gelingt, die Belastungen auf Rohstoff- und Energieseite über höhere Preise an die Kunden weiterzugeben.
Die verarbeitende Industrie muss in den nächsten Monaten mit weiter steigenden Preisen für Chemikalien und Kunststoffe rechnen. Denn viele Hersteller, gerade aus der Spezialchemie, geben die Kosten zeitversetzt weiter und streben zudem jetzt Vertragsänderungen an, mit denen sie die Verkaufspreise schneller an die Sprünge bei den Energiekosten anpassen können. Das plant unter anderem die Kölner Lanxess AG.
Die Preiserhöhungen gelingen zumeist, weil die Nachfrage weltweit hoch ist und das Angebot beschränkt. Schon in diesem Jahr sind Chemikalien und Kunststoffe insgesamt um 8,5 Prozent teurer geworden, in einzelnen Segmenten wie der Basischemie sogar deutlich zweistellig.
Insgesamt wird die Branche 2021 auf ein Umsatzwachstum von 15,5 Prozent auf 220 Milliarden Euro kommen.
Darin eingerechnet ist das Geschäft der deutschen Pharmaunternehmen. Deren Produktionsmenge steigt in diesem Jahr um 5,5 Prozent. Allerdings kommt die Steigerung nahezu vollständig aus der Herstellung von Impfstoffen.
Auch in der Chemie zeigt sich aktuell: Viele Kunden versuchen mehr einzukaufen, als sie eigentlich benötigen. Mit dem Lageraufbau wollen sie weiteren Preissteigerungen zuvorkommen und angesichts des nicht absehbaren Endes der Versorgungsknappheit eine gewisse Flexibilität in die Produktion bekommen.
Besonders stark zeigt sich dieses Phänomen in der Elektroindustrie. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes ZVEI bestellen zwei von drei Unternehmen mehr Vorprodukte als sie benötigen. Damit heizen die Firmen die aktuelle Knappheit noch weiter an.
Die Furcht vor einer erneuten wirtschaftlichen Verschlechterung durch die nächste Coronawelle ist in beiden Branchen groß. Für VCI-Präsident Kullmann führt kein Weg an einer Impfpflicht vorbei, um aus dem Dauerkrisenmodus zu kommen.
„Ich bin klar für eine Impflicht“, sagte er. „Denn Freiheit bedeutet auch Verantwortung für die Mitmenschen und die Gesellschaft.“