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Urlaubsregion im Lockdown Individueller, privater, an unbekannten Orten: So will sich der griechische Tourismus neu erfinden

Umsätze und Urlauberzahlen sind um drei Viertel eingebrochen. Jetzt entwickelt Griechenlands wichtigster Sektor Konzepte für die Post-Corona-Ära.
29.11.2020 - 10:54 Uhr Kommentieren
Leere Tische auf der Urlaubsinsel Poros: Das Land profitierte vom erfolgreichen Corona-Krisenmanagement im Frühjahr. Aber seit Oktober steigt die Zahl der Neuinfektionen steil an. Quelle: dpa
Pandemie-Auswirkungen in Griechenland

Leere Tische auf der Urlaubsinsel Poros: Das Land profitierte vom erfolgreichen Corona-Krisenmanagement im Frühjahr. Aber seit Oktober steigt die Zahl der Neuinfektionen steil an.

(Foto: dpa)

Athen Im Parnassos-Gebirge, Griechenlands größtem Skigebiet, ist der erste Schnee gefallen. Traditionell ist der Wintersportort Arachova zu Weihnachten ein beliebter Treffpunkt für Prominente und Paparazzi aus dem zwei Autostunden entfernten Athen. „Aber in diesem Jahr werden wir wohl unter uns bleiben“, sagt Akis Xenakis. Die meisten Hotels und Bars in Arachova sind zu.

Der 64-jährige Hotelier ist seit fast 40 Jahren im Geschäft. 2020 ist sein Umsatz gegenüber dem Vorjahr um mehr als 80 Prozent gefallen. „So eine Saison habe ich noch nie erlebt“, sagt Xenakis kopfschüttelnd.

Griechenland ist im Corona-Lockdown, bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Geschäfte und Gastronomie sind seit Anfang November wieder geschlossen, Reisen außerhalb der Heimatprovinz nur in begründeten Ausnahmefällen gestattet. Sogar für den Gang zum Supermarkt oder mit dem Hund muss man sich elektronisch anmelden. Die großen Reiseveranstalter haben ihre Griechenland-Programme für den Rest des Jahres storniert.

Für die Tourismuswirtschaft bedeutet das: Nach dem weitgehend verlorenen Sommer fällt nun auch die Herbst- und Wintersaison aus.

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    Griechenland gehörte zu den wenigen Urlaubsdestinationen, für die es in diesem Sommer keine Reisewarnung gab. Das Land profitierte von dem erfolgreichen Corona-Krisenmanagement im Frühjahr. Aber seit Oktober steigt die Zahl der Neuinfektionen steil an. Inzwischen gelten die Hauptstadtregion Attika um Athen, die nördliche Ägäis, die Halbinsel Peloponnes und Nordgriechenland als Risikogebiete.

    Tourismus sorgt für ein Viertel des griechischen BIPs

    Wer ins Land will, muss jetzt einen negativen Covid-Test vorweisen. Damit hat sich die Hoffnung der Hoteliers auf eine verlängerte Nachsaison zerschlagen.

    Das Ausmaß des Desasters spiegelt sich in den Zahlen, die Griechenlands Notenbank diese Woche vorlegte. Danach fiel die Zahl der ausländischen Touristen, die das Land besuchten, in den ersten neun Monaten von 26,9 auf 6,1 Millionen – ein Rückgang um 77 Prozent. Brachten die Urlauber im vergangenen Jahr von Januar bis September noch 14,1 Milliarden Euro ins Land, waren es 2020 nur 3,5 Milliarden.

    Für kein anderes Mittelmeerland, Zypern und Kroatien ausgenommen, hat der Fremdenverkehr eine so große wirtschaftliche Bedeutung. Direkt und indirekt steuerte der Tourismus im vergangenen Jahr ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und sicherte jeden fünften Job. In den Ferienregionen ist der Beitrag weitaus höher. So macht der Fremdenverkehr in der südlichen Ägäis 90 Prozent der Wirtschaftstätigkeit aus.

    In den ersten beiden Monaten 2020 stiegen die Touristenzahlen noch um 20 Prozent. Dann kam Corona. Jetzt stürzt die Pandemie Griechenlands Wirtschaft, die sich gerade erst von den Folgen der zehnjährigen Schuldenkrise zu erholen begann, wieder zurück in die Rezession. Für dieses Jahr rechnet die Regierung mit einem Rückgang des BIP um 10,5 Prozent. So dramatisch schrumpfte die griechische Wirtschaft nicht mal im schlimmsten Krisenjahr 2011.

    „Noch wettbewerbsfähiger für die Ära nach der Pandemie“

    Umso wichtiger ist es für die Volkswirtschaft, dass der Tourismus möglichst wieder durchstartet. Aber führende Branchenexperten erwarten kein schnelles Comeback. Yiannis Retsos, Präsident des Verbandes der griechischen Tourismusunternehmen (Sete), hofft zwar 2021 auf eine „allmähliche Erholung“, sofern die Massenimpfungen im ersten Quartal beginnen können. Retsos rechnet aber damit, dass die Branche im nächsten Jahr nur etwa die Hälfte der Umsätze des Rekordjahres 2019 erwirtschaften wird.

    „Es ist schwierig vorherzusagen, wann wir wieder das Vor-Covid-Niveau erreichen werden“, sagt der Verbandschef. Manche Branchenexperten rechnen damit frühestens 2023. Retsos meint: „Jetzt geht es nicht nur darum, das Überleben unserer Branche zu sichern, sondern auch die Fundamente für die Zeit nach der Pandemie zu legen.“

    Dazu gehört aus seiner Sicht vor allem, „ein Konzept zur umfassenden Nachhaltigkeit“ zu entwickeln: „Wir müssen die Umwelt besser schützen, unserer sozialen Verantwortung besser gerecht werden, die lokale Beschäftigung sichern sowie die örtliche Kultur bewahren und fördern“, sagt Retsos. Griechenland habe schnell auf die Krise reagiert, jetzt komme es eben darauf an, „für die Ära nach dem Ende der Pandemie noch wettbewerbsfähiger zu werden“.

    Auch Tourismusminister Charis Theocharis ist überzeugt, die Pandemie werde zu dauerhaften Veränderungen führen: „Die Dimension dieser Krise ist so groß, dass wir nicht einfach zur vorherigen Ära zurückkehren können“, sagt der Politiker. Die Auswirkungen würden „gravierend und dauerhaft“ sein.

    Griechenland habe die Pandemie bisher „entschieden, effizient und professionell bewältigt“, sagt Theocharis. Tatsächlich steht das Land auch in der zweiten Welle mit rund 322 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen vergleichsweise gut da. Nur sieben der 27 EU-Staaten schneiden besser ab, darunter Deutschland mit einer Infektionsrate von 308.

    Weniger, aber längere Aufenthalte

    Theocharis sagt, ein sicherer Aufenthalt sei auch künftig einer der Leitgedanken im griechischen Tourismus. Wie wird der Griechenland-Urlaub also in der Post-Covid-Ära aussehen? „Eine Entwicklung zeichnet sich bereits ganz klar ab, nämlich die fortschreitende Digitalisierung“, sagt Aris Ikkos, wissenschaftlicher Direktor des Tourismus-Forschungsinstituts Insete.

    Von der Buchung über den Check-in bis zum Zimmerservice und zur Tischreservierung im Restaurant würden Gäste „künftig vieles mit ihrem Smartphone oder Tablet machen“, meint Ikkos. Der Experte sieht zwei weitere Trends: Einerseits würden Reisende stärker aufs Preis-Leistungs-Verhältnis achten. Andererseits würden sie laut Ikkos zwar weniger, dafür aber längere Ferienaufenthalte buchen, da „das Reisen wegen der Abstandsregeln und Hygienevorschriften auf absehbare Zukunft kompliziert ist“.

    Keine schnelle Erholung erwartet der Experte für Geschäftsreisen. Anders sähen die Aussichten im Konferenz-Tourismus aus: „Nach der Isolation im Homeoffice werden viele Menschen direkte berufliche Kontakte und den persönlichen Austausch suchen“, prognostiziert Ikkos, der sich der Ungewissheiten dennoch bewusst ist: Unklar sei etwa, was aus den großen Reiseveranstaltern wie Tui werde. Der deutsche Konzern dominiert nach der Pleite von Thomas Cook zwar mehr denn je den Markt, ist aber stark angeschlagen.

    Und wie viele Fluggesellschaften bleiben am Ende übrig? Auch darauf gebe es noch keine Antwort, sagt Ikkos. „Die Reisebranche steht vor nie da gewesenen logistischen Problemen, deren Lösung viel Zeit brauchen wird.“

    Kreuzfahrtschiffe des deutschen Konzerns legten im Spätsommer teilweise wieder in Griechenland an. Doch wie und wann die Touristen wieder in Scharen kommen, ist unklar. Quelle: dpa
    Tui in Piräus

    Kreuzfahrtschiffe des deutschen Konzerns legten im Spätsommer teilweise wieder in Griechenland an. Doch wie und wann die Touristen wieder in Scharen kommen, ist unklar.

    (Foto: dpa)

    Ioanna Dretta, CEO von Marketing Greece, glaubt, dass die Covid-19-Pandemie einen fundamentalen Wandel im Tourismus auslöst. „Wir müssen unser Tourismusprodukt neu definieren und die Einzigartigkeit der Destination Griechenland stärker hervorheben“, sagt sie. „Wie in der Ära vor Covid werden die Menschen in ihrem Urlaub auch künftig das Gefühl der Freiheit und des Zusammenseins mit jenen suchen, die ihnen lieb sind.“

    Der Fokus werde aber künftig „stärker auf einer Individualisierung des Urlaubs, auf weniger bekannten, noch nicht erkundeten Orten und Freizeitaktivitäten liegen“, sagt die Marketingexpertin. Griechenland sei in diesen Punkten „hervorragend“ aufgestellt.

    Auch die griechischen Hotels sieht sie für die Zeit nach der Pandemie bereits gut positioniert: „Viele Häuser sind im zurückliegenden Sommer in puncto Sicherheit und Hygiene weit über die Vorschriften der Regierung hinausgegangen, ohne Abstriche beim Serviceniveau und beim persönlichen Kontakt mit den Gästen zu machen.“

    Auf den Trend zu „mehr Privatsphäre und individuellerem Service“ sei das Land vorbereitet – dank seiner vielen kleinen und mittelgroßen, oft familiengeführten Boutique-Hotels. Wie die griechische Wirtschaft insgesamt ist die Fremdenverkehrsbranche kleinteilig aufgestellt. Familienbetriebe dominieren die Hotellerie.

    Was den Charme eines Griechenlandurlaubs ausmachen kann, ist aber gleichzeitig eine Schwäche. Denn viele dieser Unternehmen sind unterkapitalisiert und haben kaum Kapitalreserven. Von den 9971 griechischen Hotels machten 3944 in diesem Jahr gar nicht erst auf. Jene Hoteliers, die öffneten, konnten meist nicht einmal annähernd ihre Kosten decken. Selbst im Spitzenmonat August waren die Herbergen im Branchendurchschnitt nur zu 34 Prozent ausgelastet. Im September fiel die Belegung auf unter 20 Prozent.

    Der Staat hilft in dieser Situation mit Kurzarbeitergeld, stundet Steuern und Sozialversicherungsabgaben. Die Banken setzen die Tilgungs- und Zinszahlungen für Kredite aus. Aber trotzdem kreist über vielen griechischen Ferienanlagen jetzt der Pleitegeier. Hotelier Xenakis aus dem Wintersportort Arachova fürchtet: „Noch eine Saison wie diese stehe ich nicht durch.“

    Mehr: Griechenland wirbt um „digitale Migranten“: Wer umsiedelt, um von dort mobil zu arbeiten, braucht nur die Hälfte seines Einkommens zu versteuern.

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