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Energie

Dax-Konzern Zäsur bei Eon: Birnbaum löst Teyssen als Konzernchef ab – und eine Frau rückt in den Vorstand

Johannes Teyssen hat den Energiekonzern über Jahre umgebaut. Sein Nachfolger muss nun neue Wachstumspotenziale finden. Dabei hilft ihm eine frühere Microsoft-Managerin.
15.12.2020 - 15:37 Uhr Kommentieren
Der Aufsichtsrat hat am Dienstag den Generationenwechsel zum 1. April 2021 besiegelt. Quelle: Pressebild Eon
Eon-Chef Johannes Teyssen (re.) und sein Nachfolger Leonhard Birnbaum

Der Aufsichtsrat hat am Dienstag den Generationenwechsel zum 1. April 2021 besiegelt.

(Foto: Pressebild Eon)

Düsseldorf Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Johannes Teyssen Eon und die deutsche Energiewirtschaft geprägt. Jetzt beginnt bei Deutschlands größtem Energiekonzern eine neue Ära. Zum 1. April 2021 gibt der 61-Jährige den Vorstandsvorsitz an das langjährige Vorstandsmitglied Leonhard Birnbaum, 53, ab.

Der Aufsichtsrat besiegelte am Dienstag den Generationenwechsel, über den seit Wochen spekuliert worden war. Gleichzeitig berief das Gremium um Chefkontrolleur Karl-Ludwig Kley eine Frau in den Vorstand, in dem seit vielen Jahren nur Männer sitzen: Victoria Ossadnik, derzeit Vorsitzende der Geschäftsführung von Eon Energie Deutschland, übernimmt das neue Ressort Digitalisierung. Die 52-Jährige hatte bis zu ihrem Wechsel zu Eon im Jahr 2018 bei Microsoft gearbeitet.

Für den Dax-Konzern bedeutet der Führungswechsel eine Zäsur. Teyssen hatte das Unternehmen, das erst 2000 aus der Fusion von Veba und Viag hervorgegangen war, mehr als die Hälfte seines Bestehens geführt. Er hat den Energiekonzern in der Zeit auch kräftig umgebaut, große Teile abgespalten, neue mit der Übernahme von Konkurrent Innogy hinzugefügt – und komplett neu ausgerichtet. Eon ist jetzt zu 100 Prozent ein Versorger mit den Sparten Netz und Vertrieb, der mit rund 50 Millionen Kunden sowie Strom- und Gasleitungen von 1,5 Millionen Kilometer Länge zur Spitzengruppe in Europa gehört, aber nicht mehr selbst in der Erzeugung aktiv ist.

Teyssens Nachfolger Birnbaum steht vor großen Herausforderungen: Er muss die Integration von Innogy abschließen – und dem Konzern neue Wachstumschancen in der grünen, dezentralen und digitalen Energiewelt erschließen.

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    Der amtierende COO, der seit 2013 im Eon-Vorstand arbeitet, galt schon lange intern als Favorit auf den Vorstandsvorsitz. Der promovierte Chemiker hatte sich schon bei Konkurrent RWE, wo er zuvor ebenfalls im obersten Führungsgremium saß, Hoffnungen auf den Vorstandsvorsitz gemacht. Der Aufsichtsrat habe neben Birnbaum aber auch andere Kandidaten intern und extern getestet, wie es in Kreisen des Gremiums hieß. Eine nochmalige Vertragsverlängerung von Teyssen sei dagegen nie diskutiert worden.

    „Der Wechsel war nötig, wir brauchen frischen Wind an der Spitze“, kommentierte ein Aufsichtsrat die Entscheidung. Jahrzehntelang sei Eon auf die Erzeugung von Strom ausgerichtet gewesen, habe von seiner Quasi-Monopolstellung bei Strom und Gas gelebt. Eon sei eben im wahrsten Sinne des Wortes ein Versorger gewesen. „Jetzt brauchen wir einen Kulturwechsel – Eon muss zum Dienstleister werden.“

    Teyssens Bilanz ist gemischt

    Tatsächlich sahen Eon und die Energiewelt noch komplett anders aus, als Teyssen im Mai 2010 den Vorstandsvorsitz von Eon übernahm. Die Energiewende lief zwar schon seit der Gründung von Eon auf Hochtouren. Der Energiekonzern selbst war aber erst spät eingestiegen und setzte weiter auf sein klassisches Geschäftsmodell: den Betrieb von großen Kraftwerken, die mit Gas und Kohle befeuert wurden.

    Selbst den Atomausstieg hoffte Eon damals zusammen mit den anderen Atomkonzernen noch revidieren zu können. Das Unternehmen deckte vom Einkauf von Gas und der Produktion von Strom über den Transport bis zum Vertrieb an die Endkunden alle Stufen der Wertschöpfungskette ab.

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    Inzwischen ist nicht nur der Atomausstieg endgültig besiegelt, sondern auch der Ausstieg aus der Kohle – und die erneuerbaren Energien haben Priorität. Eon und Teyssen mussten mit mehreren Volten auf die Umbrüche reagieren.

    Zuerst spaltete Teyssen 2016 den Konzern auf. Eon gab an das neue Unternehmen Uniper nicht weniger ab als das bisherige Kerngeschäft, den Betrieb der großen Kraftwerke, und den Großhandel.

    Ein Traditionsunternehmen wie Ruhrgas, Deutschlands größter Gasimporteur, blieb dabei komplett auf der Strecke. Eon selbst wurde von Teyssen endlich auf die Energiewende ausgerichtet mit den Sparten Vertrieb, Netz und erneuerbaren Energien.

    Im März 2018 überraschte der Mann, der drei Jahrzehnte, sein komplettes Berufsleben, bei Eon und dem Vorgängerunternehmen Veba verbracht hat, mit seinem größten Coup. Gemeinsam mit dem Chef des Erzrivalen RWE, Rolf Martin Schmitz, einigte er sich auf ein milliardenschweres Tauschgeschäft: Eon übernahm dabei die RWE-Tochter Innogy, die erst eineinhalb Jahre zuvor hoffnungsvoll an die Börse gegangen war, behielt aber nur die Sparten Vertrieb und Netz. Die erneuerbaren Energien von Innogy bekam RWE und auch die Aktivitäten, die Eon selbst betrieben hat.

    Der Umbau war für Eon äußerst schmerzhaft

    Eon ist seither fokussiert auf Vertrieb und Netz und hat sich von der Erzeugung verabschiedet. In Teyssens Augen ist der Konzern jetzt so aufgestellt, dass er in der neuen Energiewelt bestehen kann.

    Teyssen habe das „Unternehmen mehr als 30 Jahre lang geprägt und mit Mut, Weitsicht und Entschlossenheit durch eine für den Energiesektor historische Phase mit tiefgreifenden Umwälzungen geführt“, sagte Aufsichtsratschef Kley. Jetzt sei die „tiefgreifende Neugestaltung des Konzerns erfolgreich abgeschlossen“.

    Innerhalb und außerhalb des Unternehmens wird seine Leistung kritischer bewertet. „Letztlich wurde er von der Politik getrieben“, lästert ein Konkurrent. „In Teyssens Ära wurde auch viel kaputtgemacht – und viele Chancen wurden vertan.“

    Der Konzern musste in Teyssens Ära gigantische Summen abschreiben. Quelle: AFP
    Eon-Zentrale in Essen

    Der Konzern musste in Teyssens Ära gigantische Summen abschreiben.

    (Foto: AFP)

    Tatsächlich war der Umbau äußerst schmerzhaft. Teyssens erste Strategie, die Expansion in neue Märkte, schlug krachend fehl. In Brasilien ließ sich Eon mit einem windigen Partner ein und musste sich unter hohen Verlusten wieder aus dem Land zurückziehen.

    Insgesamt musste Eon in Teyssens Ära gigantische Summen abschreiben und häufte Nettoverluste von 27 Milliarden Euro an. Im Geschäftsjahr 2016, als Eon die Abspaltung von Uniper verkraften musste, stand unter dem Strich ein Rekordfehlbetrag von 16 Milliarden Euro.

    Und auch der Deal mit RWE hat die Investoren noch nicht endgültig überzeugt. Während die Aktie von RWE kräftig zulegen konnte, hat die Eon-Aktie stagniert. „Wir haben offensichtlich den besseren Deal gemacht“, lästert ein RWE-Manager. Insgesamt hat die Eon-Aktie in Teyssens Amtszeit 63 Prozent an Wert verloren.

    Herausforderungen für Birnbaum

    Von Birnbaum werden die Aktionäre jedenfalls rasch neue Impulse erwarten. „Für die neue Eon kommt es in den nächsten Jahren darauf an, auf diesem stabilen Fundament aufzubauen und das Unternehmen als Treiber der europäischen Energiewende im digitalen Zeitalter für unsere Kunden, die Gesellschaft und unsere Investoren weiterzuentwickeln“, umschrieb Aufsichtsratschef Kley die Aufgabenstellung.

    Tatsächlich dürfte es kein Selbstläufer werden. Eon hat noch mit der Innogy-Übernahme zu kämpfen. Die Integration ist noch nicht abgeschlossen.

    Und seit der Transaktion lasten auf der Bilanz gewaltige Schulden. Aktuell summieren sich die Nettoschulden auf 42 Milliarden Euro. Durch die Übernahme von Innogy ist der Verschuldungsfaktor, der das Verhältnis von Nettoschulden und Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebit) misst, auf fast sechs gestiegen – und damit deutlich über den von Eon angestrebten Wert von fünf.

    Eon schreibt zwar stabile Gewinne. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) wird in diesem Jahr durch die Coronakrise kaum gedämpft und in einer Bandbreite von 3,6 bis 3,8 Milliarden Euro erwartet. Es liegt damit deutlich über dem Vorjahresergebnis von 3,2 Milliarden Euro, allerdings war damals Innogy noch nicht vollständig einbezogen. Die Übernahme wurde erst im September 2019 nach der Freigabe durch die EU-Kommission besiegelt.

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    Rund 80 Prozent der Ergebnisse stammen dabei aus reguliertem Geschäft. Die Strom- und Gasnetze steuern den größten Teil der Gewinne bei. Die Renditen werden dabei von den Regulierungsbehörden jeweils für mehrere Jahre genehmigt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Die Gewinne werden so zwar gedeckelt, sind aber auch gut kalkulierbar.

    Wenn die Regulierungsbehörde aber, wie jetzt in Deutschland, eine Absenkung der Renditen plant, droht Eon ein herber Einbruch. Betriebsräte von Eon hatten sich jüngst schon an einem Brandbrief beteiligt, mit dem die Bundesnetzagentur von zu harten Einschnitten abgehalten werden soll.

    Die Investoren erhoffen sich vom künftigen Eon-Chef aber vor allem neue Wachstumsimpulse im Vertrieb. Während der klassische Vertrieb an Strom- und Gaskunden hart umkämpft ist, versprechen neue, digitale Produkte und Dienstleistungen zusätzliche Umsätze und Gewinne.

    „Eigentlich ist es simpel: Wir müssen innovativ sein“, beschrieb Birnbaum selbst Anfang Oktober auf den Energy Innovation Days des Konzerns die Hausforderung. Die virtuelle Konferenz mutete wie ein Schaulaufen interner Kandidaten für die Teyssen-Nachfolge an. Der Chef selbst nahm nur an einem Panel teil, drei seiner Vorstände eröffneten jeweils einen Tag, Netze-Chef Thomas König, Vertriebschef Karsten Wildberger, den ersten Aufschlag hatte damals aber schon der Mann, der seit Monaten intern als Favorit gehandelt wurde: Birnbaum.

    Die Energiebranche stehe vor enormen Herausforderungen, schilderte Birnbaum die Situation. Der Bedarf an Energie steige dramatisch, und zwar schnell – und das System sei immer komplexer zu managen: „Ohne Innovation werden wir es nicht schaffen, nicht als Gesellschaft, nicht als Branche und auch nicht als Unternehmen“, hielt Birnbaum fest. Die Führungskräfte müsse er davon natürlich nicht überzeugen. Es gelte aber, Innovationen auch umzusetzen – trotz hoher Kosten und Widerstände in der Belegschaft.

    Dabei kann er demnächst auch auf die Hilfe von Victoria Ossadnik bauen. Mit der Berufung der Deutschlandchefin in den Vorstand reagiert Eon nicht nur auf die wachsende Kritik, weil im obersten Führungsgremium seit Jahren nur Männer sitzen. Die ehemalige Microsoft-Managerin soll auch die Digitalisierung vorantreiben. Das Ressort wurde so neu geschaffen.

    Die Managerin übernimmt das neue Ressort Digitalisierung.
    Victoria Ossadnik

    Die Managerin übernimmt das neue Ressort Digitalisierung.

    Birnbaum selbst wird wie Teyssen in Personalunion Arbeitsdirektor bleiben – zum Unmut der Arbeitnehmervertreter. Die hatten die Doppelrolle bei Teyssen akzeptiert, aber erwartet, dass die beiden Funktionen nach dessen Amtszeit wieder getrennt werden. „Wir werden das Thema im Auge behalten“, sagte ein Arbeitnehmervertreter.

    Die Ära Teyssen endet endgültig. Im Aufsichtsrat wurde spekuliert, der langjährige Chef könnte 2023 nach einer angemessenen Karenzzeit als Aufsichtsrat wiederkommen und vielleicht sogar Kley an der Spitze beerben – der scheidende Eon-Chef schließt das aber selbst entschieden aus.

    Mehr: Runter von der „Resterampe“: Uniper baut Solar- und Windparks.

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