Energie: Neuer Geldgeber für Mega-Wasserstoffprojekt in Hamburg
Am Kohlekraftwerk Moorburg soll künftig Wasserstoff produziert werden.
Foto: dpaDüsseldorf. Es sollte die bislang größte Anlage für die Herstellung von grünem Wasserstoff werden. Die Stadt Hamburg wollte gemeinsam mit dem Öl- und Gaskonzern Shell, dem Energieunternehmen Vattenfall und Mitsubishi Heavy Industries eine Elektrolyseanlage mit einer Leistung von mindestens 100 Megawatt aufbauen. Dann sprangen erst Vattenfall und Shell ab, schließlich zog sich auch Mitsubishi aus dem Projekt zurück.
Die Hamburger Energiewerke mussten sich neue Partner suchen. Einen haben sie jetzt gefunden: Der Infrastrukturinvestor Luxcara übernimmt die Anteile von Shell und Mitsubishi und damit einen Großteil des Projekts. „Was es für grünen Wasserstoff braucht, ist vor allem grüner Strom“, sagt Luxcara-Managerin Alexandra von Bernstorff im Gespräch mit dem Handelsblatt. Und davon habe man als Betreiber großer Energieparks eine Menge. Die Investmentgesellschaft aus Hamburg hat sich auf erneuerbare Energien spezialisiert und besitzt ein Portfolio mit einer Leistung von insgesamt sechs Gigawatt an Wind- und Solarenergie.
Das Projekt mit dem Namen Hamburg Green Hydrogen Hub existiert wie viele Wasserstoffprojekte bislang jedoch nur auf dem Papier. Schon vor zwei Jahren hatte Hamburgs ehemaliger Wirtschaftsminister Michael Westhagemann das 100-Megawatt-Projekt im Rahmen der Wasserstoffstrategie der norddeutschen Bundesländer angepriesen.
Wasserstoffstrategie für Norddeutschland
Gemeinsam mit Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein hatte Hamburg 2019 einen Fahrplan für die ganze Region vorgestellt. Fünf Gigawatt Elektrolyseleistung sollen bis zum Jahr 2030 im Norden entstehen. Bis zum Jahr 2035 soll so eine „nahezu vollständige Versorgung“ für die Industrie und den Verkehrssektor gewährleistet sein, heißt es in dem Papier.
Grüner Wasserstoff ist eine der zentralen Technologien des Prinzips „Power-to-X“, also der Umwandlung und Speicherung von Energie. Denn Strom lässt sich nur schwer aufbewahren, was wegen der schwankenden Erzeugung erneuerbarer Energien zum Problem wird: Strom entsteht nur, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Das passt oft nicht zum aktuellen Bedarf. Mal gibt es zu viel Ökostrom, mal zu wenig. Fossile Brennstoffe lassen sich dagegen lagern und nach Bedarf verfeuern.
Diesen Vorteil bietet auch Wasserstoff. Er lässt sich durch verschiedene Verfahren, zum Beispiel mithilfe der Elektrolyse, unter Einsatz von Strom aus Wasser erzeugen und wie Erdgas in Tanks speichern. Beim Verbrennen entsteht dann wieder Wasser – und Energie. Wird der Wasserstoff mit Ökostrom erzeugt, ist er grün.
Für Industriekonzerne wie den Hamburger Stahlhersteller Arcelor Mittal ist grüner Wasserstoff der bislang einzige Weg, die Produktion auf alternative Energiequellen umzustellen. Die Industrie im Norden ist deswegen auf Projekte wie den Hydrogen Hub angewiesen.
Grüner Wasserstoff noch deutlich teurer als die Alternative
Der Ausstieg von Shell aus dem „Leuchtturmprojekt“ im Frühjahr kam überraschend. „Bei jeder Projektentwicklung, so auch in Hamburg, prüfen wir mit großem Aufwand alle Anforderungen im Detail, bevor wir Entscheidungen treffen – von technischen Aspekten, Sicherheit, Vorschriften, Unterstützung der Interessengruppen bis hin zu finanziellen Aspekten“, heißt es von Shell als Begründung auf Anfrage des Handelsblatts. Der Deutschlandsitz von Shell liegt ebenfalls in Hamburg.
Bei dem Vergleich zu anderen Wasserstoffprojekten des Ölkonzerns sei man zu dem Schluss gekommen, aus dem Hamburg Green Hydrogen Hub auszusteigen. Übersetzt heißt das in etwa: Das Projekt in Hamburg ist nicht wirtschaftlich genug für den britischen Milliardenkonzern.
„Der Markt für grünen Wasserstoff ist sehr kompetitiv“, sagt Rommero Carrillo vom Analysehaus Pexapark in Kopenhagen. Das dänische Unternehmen beobachtet die aktuelle Preisbildung auf dem Markt für Wind, Solar und grünen Wasserstoff. Der ist laut Carrillo heute noch gut 1,50 bis zwei Euro teurer als Wasserstoff aus Erdgas, woraus er bislang in 90 Prozent der Fälle hergestellt wird. Rechnet man die Investitionskosten für grünen Wasserstoff hinzu, vergrößert sich der Abstand zur fossilen Konkurrenz sogar noch einmal um ein bis zwei Euro.
Der wichtigste Preisbildungsfaktor sei jedoch der Preis für grünen Strom. Je billiger der Ökostrom, desto günstiger die Produktion von grünem Wasserstoff. „Der Markt für grünen Strom wird wachsen, und dann wird sich das Ganze auch rechnen“, ist der Analyst überzeugt. Viele Projekte würden aber auf Fördergelder angewiesen sein, um es zu schaffen.
So auch in Hamburg. Christian Heine von den Hamburger Energiewerken stellt klar: „Die absolut finale Investitionsentscheidung wird erst getroffen, wenn der Förderbescheid raus ist.“ Fast 700 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Rund ein Drittel davon übernehmen laut einer Absichtserklärung aus dem Januar 2021 die Energiewerke und nun Luxcara selbst. Der Rest soll über das europäische Förderinstrument „Important Projects of Common European Interest“ fließen. Wann und ob der Förderbescheid kommt, könne man noch nicht sagen. Deswegen wolle man sich auch nicht auf ein Startdatum festlegen, so Heine.
Im März haben die Energiewerke dem schwedischen Vattenfall-Konzern das Gelände für den Hub in Moorburg abgekauft. Noch steht darauf das wohl modernste Kohlekraftwerk Deutschlands. Unter anderem wegen strenger Umweltauflagen hatte sich die Anlage für Vattenfall nie gerechnet. Mitte nächsten Jahres soll das Gelände freigeräumt sein.
Vattenfall und Mitsubishi stehen dem Projekt nun nur noch beratend zur Seite. Finanziell hat man sich jedoch verabschiedet. Luxcara-Managerin von Bernstorff ist überzeugt: „Wir glauben, dass sich das Projekt rechnet, sonst würden wir nicht einsteigen.“ Natürlich unter der Bedingung, dass zuvor der Förderbescheid aus Brüssel kommt.