Energie: Shell dementiert Spekulationen über Fusion mit BP
London. Der britische Energiekonzern Shell hat Spekulationen dementiert, er wolle den Rivalen BP übernehmen. Shell habe weder ein Angebot für BP in Erwägung gezogen, noch hätten Gespräche mit dem Konkurrenten stattgefunden, teilte der Konzern am Donnerstag mit. „Shell bestätigt, dass es nicht die Absicht hat, ein Angebot für BP abzugeben“, heißt es. Nach dem britischen Übernahmekodex kann Shell in den kommenden sechs Monaten keine Offerte für BP abgeben.
Der Aktienkurs von BP ging daraufhin im frühen Handel in London leicht zurück, nachdem er am Tag zuvor nach den Übernahmegerüchten in New York um zehn Prozent gestiegen war. Die Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ hatte berichtet, Shell und BP befänden sich in frühen Übernahmegesprächen. Über eine mögliche Fusion der beiden Energiekonzerne wird seit Wochen spekuliert.
Grund dafür sind vor allem der rasant sinkende Marktwert von BP und die wachsende Unzufriedenheit von Investoren mit der strategischen Ausrichtung des Konzerns. BP-Chef Murray Auchincloss steht seit Monaten unter enormem Handlungsdruck von Großaktionären, die von seinen Vorgängern auf den Weg gebrachte Expansion in erneuerbare Energien zu korrigieren und BP wieder stärker auf das Öl- und Gasgeschäft auszurichten.
US-Hedgefonds Elliott macht Druck
Der 54-jährige Kanadier hat die Führung von BP erst im Januar 2024 übernommen und wird seitdem vor allem von dem aktivistischen US-Hedgefonds Elliott Investment Management bedrängt, der etwa fünf Prozent der BP-Anteile hält.
Nach Ansicht des Finanzinvestors geht der von Auchincloss signalisierte Kurswechsel zurück zu den fossilen Brennstoffen nicht weit genug. Ohne einen „fundamentalen Neustart“ drohe BP zu einem Übernahmeziel zu werden. Die Amerikaner fordern radikale Kostensenkungen und Einschnitte bei den Investitionen, um den Cashflow zu erhöhen.
Auchincloss hatte erst im Februar einen Strategiewechsel angekündigt und versprochen, BP werde sich künftig wieder stärker auf das Öl- und Gasgeschäft konzentrieren. Die Investoren hat das bislang nicht überzeugt. Der Aktienkurs ist seitdem weiter gesunken und hat den Marktwert von BP auf rund 57 Milliarden Pfund (knapp 67 Milliarden Euro) gedrückt. Zum Vergleich: Shell ist an der Börse fast dreimal so viel wert. Ein Zusammenschluss würde einen Energieriesen mit einem Marktwert von 200 Milliarden Pfund schaffen, der damit auf Augenhöhe mit US-Rivalen wie ExxonMobil oder Chevron konkurrieren könnte.
Anders als BP hat Shell-Chef Wael Sawan frühzeitig die Expansion in erneuerbare Energien gestoppt und angekündigt, die Kosten massiv zu senken. Zugleich baut Shell sein Geschäft mit Flüssiggas aus, für das es nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine und dem weitgehenden Stopp von Gaslieferungen aus Russland eine starke Nachfrage gibt.
Zudem verwöhnt Shell seine Anteilseigner regelmäßig mit Aktienrückkäufen und hat dafür in den vergangenen Jahren rund 36 Milliarden Dollar ausgegeben. Analysten halten es für möglich, dass Shell neu über BP nachdenken könnte, wenn Sawan seine Reformen abgeschlossen hat.
BP will dem Beispiel des Rivalen folgen und hat darüber hinaus sein unter der Marke „Castrol“ firmierendes Schmierstoffgeschäft zum Verkauf angeboten. Verwaltungsratschef Helge Lund, der zusammen mit dem früheren BP-Chef Bernard Looney zu den Architekten der grünen Transformation gehörte, hat seinen Rücktritt angekündigt und wird das Unternehmen spätestens 2026 verlassen. Öl- und Gasanalyst Paul Sankey kritisierte den früheren Fokus von BP auf erneuerbare Energieträger als „riesigen Irrtum“.