Energiekrise: Empfehlung vom Nachhaltigkeitsforscher: „Drei Monate AKW-Streckbetrieb könnten durchaus sinnvoll sein“
Ende des Jahres sollen die letzten AKWs in Deutschland abgeschaltet werden – wenn sich die Bundesregierung nicht zu einer Laufzeitverlängerung entschließt.
Foto: dpaHerr Lilliestam, was halten Sie als Nachhaltigkeitsforscher von dem Vorschlag, die drei verbliebenen deutschen AKW wegen der Gaskrise im sogenannten Streckbetrieb doch noch länger laufen zu lassen?
Die erste Frage ist, ob das überhaupt möglich ist. Über ein paar Monate ginge das wahrscheinlich grundsätzlich schon, auch mit den vorhandenen Brennstäben. Aber die Leistung wäre reduziert und würde weiter abnehmen. Die Betreiber müssen sicherstellen, dass trotz angekündigtem Stopp noch ausreichend Mitarbeiter vorhanden sind. Die Frage ist nur, ob dieser Streckbetrieb überhaupt nützlich ist.
Wie lautet Ihre Einschätzung?
Atomkraft liefert eine nicht schwankende Grundlast. Gaskraft hingegen produziert Spitzenkraft, die je nach Angebot und Nachfrage hoch und runter moduliert. Das heißt, die beiden Energieformen lassen sich nicht direkt austauschen. National gesehen würden deutsche AKW keine deutschen Gaskraftwerke ersetzen können. Kohlekraftwerke wären da besser geeignet, weil ihr Strom-Output leichter regelbar ist. Aber wir haben keine nationale, sondern eine europäische Krise.
Johan Lilliestam leitet am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) die Forschungsgruppe Energy Transitions & Public Policy. Der Politikwissenschaftler ist an der Universität Potsdam Professor für Energiepolitik.
Foto: IASS / Lotte OstermannDas bedeutet?
Wir müssen das Problem auf europäischer Ebene betrachten. Im Moment exportiert Deutschland viel Strom vor allem nach Frankreich; deutsche Gaskraftwerke ersetzen gegenwärtig französische AKW. Wenn das im Winter so bleibt, könnten also deutsche Atomkraftwerke französische ersetzen, und dann könnten wir etwas Gas sparen.