Oligarch: Michail Fridman – der rücksichtslose, aber erfolgreiche Multimilliardär
Der russische Unternehmer schaffte den Aufstieg vom Schwarzhändler zum Ölmilliardär.
Foto: imago/ITAR-TASSMoskau. Michail Fridmans oberstes Geschäftsprinzip ist einfach: Er halte sich an die Regeln, die auch im normalen Leben ein reibungsloses Miteinander ermöglichten „Menschen, die im Leben gut Freundschaften halten können, sind auch im Business gute Partner“, meinte Michail Fridman einmal.
Künftig spielt Fridman auch wieder eine stärkere Rolle in Deutschland. Nach monatelangen Verzögerungen unterzeichneten BASF und die von ihm kontrollierte Investorengruppe Letter One den Fusionsvertrag zwischen Wintershall und DEA. Letter One hält zunächst ein Drittel der Anteile.
Unbestritten ist der 54-jährige Fridman einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner weltweit. Immerhin hat er die Karriere vom Fensterputzer zum Multimilliardär geschafft. Über seine Qualität als Geschäftspartner gibt es hingegen unterschiedliche Ansichten.
BP-Chef Robert Dudley zum Beispiel dürfte mit Fridman nicht nur gute Erinnerungen verbinden: Dudley war von 2003 bis 2008 in Moskau als Chef der britisch-russischen Ölgesellschaft TNK-BP. Das Ende seiner Amtszeit erlebte der Top-Manager jedoch fast wie einen Alptraum. Die russischen Aktionäre, das Milliardärskonsortium AAR bestehend aus Michail Fridman, Viktor Wekselberg und Leonard Blavatnik, forderten einen Strategiewechsel und seine Ablösung. Dudley vertrete zu einseitig die Interessen von BP, klagten sie.
Als er nicht freiwillig gehen wollte, begann der Stress: Zunächst tauchten die Steuerbehörden auf, kassierten stapelweise Akten und schließlich auch Dudley zum Verhör. Dann verweigerten die Behörden den britischen Managern Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Monate lang versuchte Dudley, den Konzern von auswärts zu leiten. Dann gab er entnervt seinen Posten auf, nicht ohne AAR für die Schikanen verantwortlich zu machen.
Fridman hat stets bestritten, hinter dem Spießrutenlauf für seine britischen Partner zu stehen. Doch der Milliardär verfügt trotz seines betonten politischen Desinteresses bis heute über ein ausgezeichnetes Netzwerk – bis in den Kreml.
Als Fridman 1964 als Sohn in der sowjetischen Provinzstadt Lwow geboren wurde, war dies nicht abzusehen. Seine Eltern waren Juden, Religion habe in seiner Kindheit keine Rolle gespielt, „abgesehen von der Maza, die meine Oma einmal im Jahr von irgendwoher mitbrachte.“ Trotzdem sei er stets daran erinnert worden, dass er Jude sei, bestimmte Karrierewege seien ihm verschlossen gewesen, erzählte Fridman später.
An das prestigeträchtige Physik-Institut MFTI gelangte er so nicht, immerhin kam er aber am Moskauer Institut für Stahl- und Metalllegierungen unter. Sein erstes Geld verdiente er nebenbei vor dem Bolschoi Theater als Schwarzhändler von Theaterkarten. Seine erste Firma spezialisierte sich auf Fensterreinigung, ehe er auf den zum Ende der Sowjettage lukrativen Handel mit Computern umstieg. Die Firma nannte er „Alfa-Foto“, sie sollte der Vorläufer seiner bis heute bestehenden Alfa Group werden. Seinen ersten Partner, Oleg Kisseljow, drückte er hingegen schon 1992 knallhart aus dem Geschäft.
Nicht mit allen Partnern verfährt Fridman rücksichtslos: Mit German Khan und Alexej Kusmitschow ist Fridman seit der Uni befreundet. Zusammen machten sie die ersten Geschäfte, inzwischen sind sie alle drei Milliardäre. Pjotr Awen, Anfang der 90er-Jahre Vizeminister mit wichtigen Verbindungen in die Politik, stieß kurz darauf zum Team, das bis heute Bestand hat.
Lukrative Nähe zum Kreml
Als finanzielle Basis dient die Alfa Bank. Bis heute ist sie die größte Privatbank Russlands. Fridman ist damit der einzige, der aus der sogenannten „Herrschaft der sieben Bankiers“, die Mitte der 90er-Jahre hinter der Wiederwahl von Boris Jelzin standen, sein Imperium halten konnte.
Die Nähe zum Kreml zahlte sich aus: Bei der Versteigerung der russischen Ölkonzerne kam Fridman günstig an die westsibirische TNK. Später baute er mit dem Einzelhändler X5 und dem Telekomkonzern Vympelcom zwei weitere milliardenschwere Unternehmen auf. Das Filetstück seines Imperiums blieb aber zweifellos TNK, später dann TNK-BP.
Offen in die Politik eingemischt oder gar Kremlchef Wladimir Putin kritisiert hat Fridman nie. Bekannt ist er eher für die Finanzierung gesellschaftlicher Projekte, speziell jüdischer Initiativen, aber auch von Projekten, die Toleranz und Miteinander in Europa fördern sollen. 2016 kündigte er an, sein Milliardenvermögen nicht an die Kinder zu vererben, sondern sie der Wohltätigkeit zu vermachen.
Zugleich setzt er seine geschäftlichen Interessen kompromisslos durch und scheut keinen Konflikt – nicht mit seinen Oligarchenkollegen Wladimir Potanin oder Oleg Deripaska, nicht mit BP, ja nicht einmal mit dem Putin-Vertrauten und mächtigen Rosneft-Chef Igor Setschin. Denn als Setschin 2011 mit dem frisch zum BP-Chef aufgestiegenen Dudley eine Liaison knüpfen wollte, funkte Fridman humorlos dazwischen. Vor Gericht ließ er die geplante Hochzeit von BP und Rosneft verbieten.
Am Ende lenkte sogar Setschin ein und kaufte die Anteile der russischen Aktionäre an TNK-BP für fast 28 Milliarden Dollar – der bis heute teuerste Deal im russischen Ölgeschäft.
Wintershall DEA als Rückversicherung
Mit eben diesen Einnahmen hat Fridman später in Luxemburg Letter One gegründet und DEA übernommen. Mit der Internationalisierung seines Geschäfts sichert sich Fridman gegen politische Risiken ab. Der Konflikt zwischen Russland und dem Westen ist für den in London lebenden russischen Milliardär doppelt unangenehm.
Um westlichen Sanktionen zu entgehen, hat die Alfa Bank zuletzt alle Beziehungen zu russischen Rüstungskonzernen abgebrochen. Zu Hause setzte es prompt Verdächtigungen des Vaterlandsverrats, zumal Meldungen auftauchten, Fridman und sein Geschäftspartner Awen hätten in Washington vor Thinktanks die Kremlpolitik kritisiert. Bislang ist Fridman offenen Anschuldigungen in Moskau entgangen.
Mit DEA hat er dennoch eine gute Rückversicherung für den Fall, dass er in Russland Probleme bekommt. Dass er deswegen seine finanziellen Interessen gegenüber Wintershall weniger scharf durchsetzen wird, ist aber unwahrscheinlich.