Wiga: EU erlaubt Bund Übernahme großer Gasleitungen
Düsseldorf. Der Staat soll Alleineigentümer des Gaspipelinebetreibers Wiga werden. Die EU-Kommission machte am Dienstagmittag den Weg für eine Komplettübernahme frei.
Wiga ist die Dachgesellschaft der Gasnetzbetreiber Gascade und Nel. Deren Pipelines sind insgesamt rund 4000 Kilometer lang und transportieren Gas in großen Leitungen quer durch Deutschland. Dazu gehören auch die Pipelines, die mit den Anlandungspunkten der beschädigten russischen Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 verbunden sind.
Rund ein Drittel der Wiga-Pipelines war früher mit dem Transport von russischem Gas aus Nord Stream 1 ausgelastet. Inzwischen werden sie teils für die Anlandung von Flüssigerdgas (LNG) aus anderen Ländern genutzt. Künftig sollen sie beim Aufbau eines Wasserstoffnetzes in Deutschland eine wichtige Rolle spielen.
Wiga-Verkauf von Wintershall an Sefe
Bislang gehört Wiga zu 50,02 Prozent dem Kasseler Öl- und Gasförderkonzern Wintershall und zu 49,98 Prozent dem Unternehmen Sefe, das früher Gazprom Germania hieß und in der Energiekrise verstaatlicht wurde. Nun verkauft Wintershall alle Anteile an Sefe, wie beide Unternehmen am Dienstag mitteilten. Damit werden die Gaspipelines vollständig zu Staatseigentum.
Gespräche über eine solche Transaktion laufen bereits seit Monaten. Schon im vergangenen September hatte Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftsstabilisierung und Energiesicherheit im Bundeswirtschaftsministerium, bei der Handelsblatt-Jahrestagung Gas in Berlin gesagt, dass die Bundesregierung mit der EU-Kommission über einen möglichen Verkauf spreche.
Eine Zustimmung der EU-Kommission stand allerdings bis jetzt noch aus. Die Kommission hatte die Verstaatlichung von Sefe in der Energiekrise unter Auflagen genehmigt, zu denen unter anderem ein Verbot von Zukäufen gehört. Unter bestimmten Voraussetzungen sind aber Ausnahmen möglich.
Die EU-Kommission erklärte am Dienstagnachmittag, sie sei zu dem Schluss gekommen, dass eine Änderung der entsprechenden Auflage mit den EU-Beihilfevorschriften vereinbar sei. Die Änderung werde aber durch andere zusätzliche Verpflichtungen Deutschlands ausgeglichen, zum Beispiel durch zusätzliche Veräußerungen.
Der Verkauf von Wiga unterliegt nun noch einer fusionskontrollrechtlichen Genehmigung durch die Europäische Kommission. Die beiden Unternehmen gehen aber davon aus, dass der Verkauf im Sommer 2024 abgeschlossen sein wird.
Eine Verkaufssumme für Wiga wurde bislang nicht bekannt. Sefe teilte mit, dass man darüber Stillschweigen vereinbart habe. Wiga verfügt über eine sogenannte regulatorische Kapitalbasis von 4,7 Milliarden Euro. Diese umfasst den gesamten Kapitalwert des Anlagevermögens, auf dessen Grundlage die Kosten des regulierten Gastransportgeschäfts berechnet werden. Aus Finanzkreisen war zeitweise zu hören gewesen, Wiga könne mit drei bis vier Milliarden Euro bewertet werden. Die Wiga-Unternehmen zählen rund 500 Beschäftigte.
Arbeit an Wasserstoffnetz für Deutschland
Wegen der Klimaziele sucht Deutschland zunehmend nach Alternativen zum Erdgas. Für die Energiewende soll umweltfreundlicher Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen – etwa, um damit künftig Gaskraftwerke zu betreiben.
Deshalb hat die Bundesregierung im vergangenen Juli eine neue Wasserstoffstrategie beschlossen. Sie will ein Transportnetz für Wasserstoff aufbauen, sodass der Energieträger von den Küsten, wo er beispielsweise mithilfe von Windstrom produziert wird, zu großen Abnehmern wie Kraftwerken oder Industrieunternehmen transportiert werden kann.
Das geplante Wasserstoffnetz umfasst eine Länge von 9700 Kilometern und soll 2032 fertiggestellt sein. Wiga könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Der Sefe-Chef Egbert Laege sagte am Dienstag: „Mit Sefe als Alleingesellschafterin der Wiga wäre sichergestellt, dass Gascade die bestehende leistungsfähige Infrastruktur zukünftig auf Wasserstoff umstellen kann und so die grüne Energiewende vorangetrieben wird.“
Wintershall: Wiga-Verkauf als Teil einer Umstrukturierung
Der bisherige Wiga-Miteigentümer Wintershall befindet sich selbst mitten in einer großen Umstrukturierung: Das Öl- und Gasförderunternehmen gehört bislang überwiegend BASF. Das operative Geschäft von Wintershall soll aber an das britische Unternehmen Harbour Energy verkauft werden.
Unternehmensteile, die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören, werden nicht mitverkauft – so zum Beispiel der Anteil an Wiga. Auch das bisherige Russlandgeschäft von Wintershall soll bis zum Sommer rechtlich vom Konzern getrennt und nicht mitverkauft werden. Bezüglich der Russlandaktivitäten ist Wintershall ohnehin vom russischen Staat faktisch enteignet worden.