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Ali EnterprisesZehn Jahre nach der Brandkatastrophe in Pakistan: Diese Lehren hat Kik gezogen

Ein Brand in der pakistanischen Textilfabrik Ali Enterprises schockierte vor zehn Jahren die Branche. Seitdem hat sich viel verändert. Doch bei der Sicherheit gibt es mancherorts weiterhin Probleme.Florian Kolf 11.09.2022 - 08:16 Uhr Artikel anhören

Bei der Katastrophe in Pakistan starben vor zehn Jahren 259 Menschen.

Foto: dpa

Düsseldorf. Es war die schlimmste Katastrophe in der pakistanischen Textilindustrie. Vor zehn Jahren, am 11. September 2012, brannte die Fabrik Ali Enterprises ab, 258 Menschen starben.

Der Textildiscounter Kik, damals Hauptauftragnehmer von Ali Enterprises, hat aus der Katastrophe Konsequenzen gezogen. „Wir tun alles, damit so eine Katastrophe künftig ausgeschlossen ist“, sagt Kik-Chef Patrick Zahn dem Handelsblatt. „Wir haben mit unserem ‚Building Safety Program‘ zusammen mit unseren Lieferanten alles Menschenmögliche dafür getan.“ Rund drei Millionen Euro investiert Kik zusammen mit seinen 35 Hauptlieferanten in die Sicherheit der Textilfabriken in Pakistan.

Doch viele pakistanische Textilfabriken sind auch zehn Jahre nach der Katastrophe noch nicht sicher. Eine Studie des Wales Institute of Social and Economic Research und der Cardiff Business School im Auftrag der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign sieht große Mängel gerade im Brandschutz. Ein internationales Abkommen zur Gebäudesicherheit könnte Abhilfe schaffen. Doch etliche Markenhersteller, auch aus Deutschland, haben es bisher nicht unterzeichnet.

Dabei sind die Ergebnisse der Studie alarmierend: So gaben 85 Prozent der befragten 585 Arbeiter aus 64 Fabriken an, im Brandfall keinen Zugang zu einer geeigneten Nottreppe zu haben. Jeder fünfte sagte, dass es an seinem Arbeitsplatz an Brandschutzübungen mangele und er deshalb die Fluchtwege und Ausgänge nicht kenne. Auch würden in vielen Fabriken keine Inspektionen durchgeführt.

Den Durchbruch bei der Gebäudesicherheit könnte die Ausweitung des „International Accord for Health and Safety in the Textile and Garment Industry“ auf Pakistan bringen. „Die Umsetzung des Accord in Pakistan würde nicht nur die Sicherheit der Arbeitnehmer gewährleisten“, erklärt Nasir Mansoor, Generalsekretär des pakistanischen Gewerkschaftsverbands. Es würde auch die Möglichkeit für direkte Verhandlungen zwischen Arbeitnehmervertretern und westlichen Marken geschaffen.

Abkommen bringt Fortschritte in Bangladesch

Der erste Vertrag zu diesem Abkommen zwischen Markenherstellern und Gewerkschaften wurde 2013 in Bangladesch geschlossen, nach dem Zusammensturz der Textilfabrik Rana Plaza mit über 1100 Toten. Mehr als 1400 Fabriken in Bangladesch mit zusammen 2,2 Millionen Beschäftigten werden mittlerweile vom Accord erfasst. Sie müssen klar definierte Sicherheitsstandards erfüllen und werden regelmäßig kontrolliert. Die Unternehmen, die das Abkommen unterzeichnet haben, dürfen nur noch in diesen Fabriken produzieren lassen.

Der Chef des Textildiscounters Kik begrüßt, dass es künftig ein deutsches Lieferkettengesetz gibt.

Foto: Funke Foto Services

„In Bangladesch sind aus der Katastrophe von Rana Plaza wirklich Lehren gezogen worden, die Textilindustrie dort hat durch den Accord eine bislang für unmöglich gehaltene Entwicklung zu besseren sozialen und ökologischen Standards genommen“, sagte Kik-Chef Zahn, dessen Unternehmen zu den Erstunterzeichnern des Abkommens gehörte. „Seit dem Start des Accord gab es in keiner teilnehmenden Fabrik mehr einen schweren Zwischenfall“, so Zahn.

Die aktuelle Version des Accord, die eine Übertragung auf andere Länder erlaubt, haben zwar mehr als 170 westliche Marken unterzeichnet, doch etliche bekannte Firmen fehlen, wie etwa Abercrombie & Fitch, Levi’s oder Gap. Auch deutsche Unternehmen wie der Discounter NKD, der Fast-Fashion-Anbieter New Yorker oder das Düsseldorfer Modehaus Peek & Cloppenburg haben bisher nicht unterschrieben.

Für den Kik-Chef ist das ein Mitgrund, warum es zu wenig Fortschritte gibt. „Wir haben leider wenig Mitstreiter in der Industrie, die das wirklich forcieren“, schimpft er. Das Problem: Im Accord zu sein sei wirtschaftlich erst mal ein Nachteil, weil es mit höheren Kosten verbunden sei. „Die Hersteller, die daran nicht teilnehmen, haben einen Wettbewerbsvorteil, weil sie die Investitionen in die Sicherheit der Fabriken nicht mittragen“, so Zahn. Es sei traurig, dass viele Unternehmen, gerade auch aus Deutschland, nicht dabei seien „und sich einen schlanken Fuß machen“.

NKD überprüft Fabriken mit eigenen Teams

Der Discounter NKD erklärt, er sei dem Accord nicht beigetreten, weil sich diese Initiative anfangs auf Bangladesch konzentriert habe und NKD den Fokus nicht nur auf ein bestimmtes Produktionsland legen wolle. Das Unternehmen sei aber Mitglied im Textilbündnis, das im Oktober 2014 vom Bundesentwicklungsministerium ins Leben gerufen wurde und das einen globalen Ansatz verfolge. In diesem Rahmen arbeite NKD kontinuierlich an der Verbesserung seiner Regularien und berichte dort auch regelmäßig über seine Fortschritte.

NKD lasse Fabriken vor Produktionsbeginn durch eigene Teams von zertifizierten Auditoren überprüfen. „Nur Produktionsstätten, die unsere strengen Anforderungen erfüllen, werden zur Produktion unserer Waren zugelassen“, betonte ein Sprecher.

New Yorker äußerte sich auf Nachfrage nicht dazu, warum sie dem Accord nicht beigetreten sind. Auch Peek & Cloppenburg nannte keine Begründung dafür, dass sie den Accord nicht unterzeichnet haben. Das Unternehmen betonte aber, dass sie stattdessen in der „Business Social Compliance Initiative“ sind und deren Instrumente für die Prüfung von Arbeitsbedingungen in den Fabriken nutzten.

„Die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Fabrikarbeiter in Pakistan sicher arbeiten können, liegt bei den Marken, die Waren von diesen Fabriken beziehen und von ihnen profitieren“, mahnt Ineke Zeldenrust, Mitgründerin der Clean Clothes Campaign, die sich seit mehr als 30 Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzt. „Die Marken haben die Macht, den Weg zu weisen und Veränderungen herbeizuführen, die das Potenzial haben, das Leben von Millionen von Arbeitnehmern zu verbessern.“

Berndt Hinzmann vom entwicklungspolitischen Netzwerk Inkota kritisiert: „Die Unternehmen sehen die Probleme, setzen die Prioritäten aber anders.“ Er betont: „Es kann nicht sein, dass jedes Unternehmen Prioritäten nach Belieben setzt und nicht entsprechend den Risiken.“ Nötig seien ein verbindlicher Rahmen und Standards mit ambitionierten Sorgfaltspflichten. Schon deshalb fordert auch er die Ausweitung des Accords auf Pakistan.

Bisher sei das Thema bei vielen Unternehmen nicht ausreichend im Fokus gewesen. Doch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das Anfang kommenden Jahres in Deutschland in Kraft tritt, könne und werde da neuen Handlungsdruck erzeugen. „Unternehmen sind gefordert, sich mit den Anforderungen auseinanderzusetzen, ihre Lieferkette zu analysieren, Risiken zu erkennen und abzustellen, und sie müssen öffentlich dazu berichten“, so Hinzmann. „Wir dürfen nicht auf die nächste Katastrophe warten, sondern müssen präventiv handeln.“

Kik begrüßt das deutsche Lieferkettengesetz

Auch Kik hält die gesetzliche Neuregelung für hilfreich. „Wir begrüßen, dass es ein Lieferkettengesetz gibt“, sagt Zahn. Das Unternehmen fühle sich gut auf die Anforderungen vorbereitet, es müsse nur das Berichtswesen etwas anpassen.

Trotzdem sieht auch er Teile des Gesetzes kritisch. „Für problematisch halte ich nur die Klagemöglichkeiten“, erklärt Zahn. Er fürchtet, es werde „konstruierte Schauprozesse geben“, die dann die bekannten Marken treffen würden, weil das am medienwirksamsten sei. „Das werden keine wirklich fairen Prozesse“, sagt er.

Einen Vorgeschmack darauf, wie heikel solche Prozesse für das Image sein können, hat Kik schon in der Folge des Brandes bei Ali Enterprises erlebt. Obwohl ein Gericht in Pakistan festgestellt hat, dass die Ursache für den Brand ein Anschlag der Schutzgeldmafia war und obwohl Kik mehr als sechs Millionen US-Dollar bereitgestellt hatte, um die Not der Betroffenen zu lindern, klagten Angehörige vor vier Jahren gegen Kik vor dem Landgericht Dortmund. Nach ihrer Ansicht lag das Ausmaß der Katastrophe auch an mangelndem Brandschutz – und dafür machten sie Kik mitverantwortlich.

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Damals mussten sie noch nach pakistanischem Recht klagen. Und nach diesem Recht, so stellte sich während des Prozesses heraus, waren die Ansprüche verjährt, weshalb das Gericht die Klage abwies. Mit dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz hätten sie eine deutlich belastbarere Grundlage für künftige Klagen.

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