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BrasilienCarrefours Fleisch-Boykott rächt sich

Carrefour will in Frankreich kein brasilianisches Fleisch mehr verkaufen. Im wichtigen Markt Brasilien werden deshalb nun Boykott-Aufrufe gegen die Supermarktkette laut.Alexander Busch 25.11.2024 - 20:11 Uhr Artikel anhören
Carrefour-Supermarkt in Frankreich: Die Kette macht mehr als ein Fünftel ihrer Umsätze in Brasilien. Foto: AFP

Salvador. Carrefour-Chef Alexandre Bompard wollte Mitte vergangener Woche offenbar ein Zeichen setzen. In einem auf Instagram veröffentlichten Brief verkündete er, dass die französische Supermarktkette kein Fleisch mehr aus den südamerikanischen Mercosur-Staaten anbieten werde – aus „Solidarität“ mit den französischen Landwirten, schreibt Bompard.

Hintergrund ist der wachsende Druck auf die französische Regierung, ihre Blockade des Mercosur-Freihandelsabkommens mit der EU aufzugeben. Seit mehr als 20 Jahren verhandeln die beteiligten Staaten miteinander. Neben Frankreich bremsen vor allem Irland, Polen und Österreich, allesamt Staaten mit starker Agrarlobby. Deutschland, Spanien und Brasilien wollen das Abkommen dagegen möglichst schnell beschließen.

Der Mercosur besteht neben Brasilien aus Argentinien, Uruguay und Paraguay. Alle vier Staaten sind wichtige Exporteure für Rindfleisch und zahlreiche andere Lebensmittel.

Bompard schreibt in seinem Brief an den französischen Bauernverband, die Gefahr sei groß, dass der französische Markt mit Fleisch überschwemmt werde, das nicht den französischen Anforderungen und Standards entspreche. Er hoffe, dass sich vor allem Restaurants dem Schritt von Carrefour anschließen werden.

Das Schreiben löste heftige Reaktionen aus – allerdings an anderer Stelle als vom Carrefour-Chef erhofft. Der gesamte brasilianische Agrarsektor rief nach dem Brief zum Boykott des französischen Konzerns auf.

Brasilianische Verbände rufen zum Carrefour-Boykott auf

Auch die Politik schaltete sich ein: Brasiliens Landwirtschaftsminister Carlos Fávaro protestierte, die Kritik stelle die brasilianischen Produktionsbedingungen falsch dar und missachte die nachhaltige Produktion im Land. Carrefour versuchte noch zu beschwichtigen und erklärte, dass man keinesfalls die Qualität des brasilianischen Rindfleischs kritisieren wolle. Man werde weiterhin brasilianisches Rindfleisch in brasilianischen Filialen verkaufen.

Alexandre Bompard hatte in einem Brief erklärt, kein brasilianisches Fleisch mehr in den französischen Filialen zu verkaufen. Foto: picture alliance / abaca

Doch der halbherzige Rückzieher nützte wenig: Mehrere Dutzend brasilianische Landwirtschaftsverbände auf regionaler und föderaler Ebene schlossen sich der Kritik an. Auch Hotel- und Gaststättenverbände sowie der Industrieverband São Paulos wollen nicht mehr bei Carrefour einkaufen.

Zudem hat der weltgrößte Schlachthofkonzern JBS aus Brasilien seine Lieferungen an Carrefour eingestellt. JBS liefert rund 80 Prozent der Steaks und Rinderbraten, die bei Carrefour und den Konzernmarken (Sam’s Club, Atacadão) über die Theke gehen. In den mehr als 500 Supermärkten der Kette in Brasilien soll das Fleisch bereits knapp werden, heißt es in örtlichen Medien.

Schlachthof von JBS in Brasilien: Das Unternehmen will kein Fleisch mehr an Carrefour liefern. Foto: AP

Neben JBS beliefern auch die Unternehmen Marfrig und Masterboi die Carrefour-Märkte bis auf Weiteres nicht mehr, berichtete die Fachzeitschrift „Globo Rural“.

Carrefour-Chef Bompard hat nun ein Problem. Denn Brasilien ist nach Frankreich der zweitwichtigste Markt weltweit für die Kette, mit einem Umsatz von 21,4 Milliarden Euro. Rund ein Viertel der Erlöse Carrefours stammen Südamerika, etwa so viel wie in Europa außerhalb Frankreichs. Zudem kamen mit 763 Millionen Euro rund 30 Prozent des gesamten Gewinns 2023 aus Südamerika.

Bompards öffentlicher Brief könnte Carrefour also teuer zu stehen kommen. Carrefours Ruf in Brasilien ist ohnehin angeschlagen, nachdem Sicherheitskräfte vor vier Jahren einen Afro-Brasilianer in einer Filiale des Konzerns zu Tode geprügelt hatten.

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In Frankreich scheinen die Lebensmittelkonzerne mit den Bauern an einem Strang zu ziehen: So kündigte der Molkereikonzern Danone vor einem Monat an, keine Sojaprodukte mehr aus Brasilien zu importieren. Auch die Einzelhandelskette Intermarché des Konzerns Les Mousquetaires will nun kein Fleisch mehr aus Südamerika anbieten. Oliver Leducq, CEO des französischen Zuckerkonzerns Tereos, hat sich jetzt ebenfalls öffentlich gegen ein Abkommen mit dem Mercosur ausgesprochen, wegen der „unfairen Konkurrenz“ aus Südamerika.

Carrefour kauft kaum Fleisch aus Brasilien

Dass die ganzen Proteste vor allem eine Marketingaktion für den französischen Heimatmarkt der Unternehmen sind, zeigen die Zahlen der Fleischimporte Carrefours aus Südamerika. Gerade einmal 40 Tonnen Rindfleisch hat Frankreich von Januar bis Oktober aus Brasilien importiert, wie Handelsdaten zeigen.

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Im gleichen Zeitraum verkaufte Brasilien weltweit 1,41 Millionen Tonnen Rindfleisch. Frankreich hat also einen Anteil von weniger als 0,003 Prozent an den brasilianischen Rindfleischexporten. Für die brasilianischen Fleischkonzerne sei der Export nach Frankreich völlig irrelevant, sagt der Investmentexperte Marcos de Vasconcellos. Auch das EU-Mercosur-Abkommen würde nur zusätzliche Importe von umgerechnet 220 Gramm Rindfleisch pro EU-Bürger erlauben.

Umgekehrt gilt das nicht: Für Carrefour ist der südamerikanische Markt wichtig. Neben Brasilien unterhält der Konzern auch in Argentinien 600 Filialen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch dort Widerstand regt. Dann hätte Carrefour ein echtes Problem.

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