Cum-Ex-Geschäfte: Drogeriekönig Müller will sein Geld zurück
Auch mit 84 Jahren noch Geschäftsführer seiner Drogeriekette.
Foto: Wolf Heider-Sawall/laifDüsseldorf/Ulm. Erwin Müller ist einfach nicht gekommen. Das Landgericht Ulm, Saal 213. In einer Minute beginnt Müllers Prozess, und Müller ist nicht da. Ob er noch erscheint? Müllers Anwalt schweigt. Dann treten die drei Richter in den Saal. Sie hatten das persönliche Erscheinen von Müller angeordnet. Rund 30 Zuschauer sind gekommen, um den Drogeriekönig zu erleben, der so selten in der Öffentlichkeit auftritt. Doch sein Anwalt verliest nur eine Erklärung. Sein Mandant habe hohen Respekt vor dem Gericht. Kommen werde er heute aber nicht.
Seit mehr als 60 Jahren ist Müller Unternehmer. Er hätte sich sonnen können in seinem Erfolg. Platz 47 in der Liste der reichsten Deutschen. 700 Drogeriemärkte, 34.000 Mitarbeiter. Doch Müller sonnt sich nicht. Er meidet das öffentliche Licht, wo er kann. Pro Dekade gibt er ein Interview, wenn überhaupt. Das Kostbarste, was Müller besitzt, ist seine Privatsphäre.
Deshalb ist er auch heute nicht hier. Der Gerichtssaal 213 ist ein öffentlicher Raum. Jedes Wort, das fällt, kann wiederholt werden. Das kann Müller nicht recht sein. Dubiose Aktiengeschäfte werden zur Sprache kommen, Ermittlungen von Staatsanwaltschaften und Steuerfahndern. Müller ist eine Art Kronzeuge in einem gewaltigen Skandal. Er sieht sich als Opfer.
Müller hat seine Bank auf 45 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Safra J. Sarasin heißt das edle Geldinstitut. Ein Schweizer Privathaus, seit Dekaden bekannt für Verschwiegenheit und Seriosität. Eine Bank wie gemacht also für Müller, dem einschlägige Magazine ein Vermögen von fast drei Milliarden Euro zuschreiben. Ob das stimmt, ist eine andere Frage. Vieles, was in den vergangenen Monaten über Erwin Müller bekannt wurde, passt nicht mehr recht in eine Erfolgsstory.
Müller muss das nicht kümmern. Öffentliche Wahrnehmung hat ihn nie interessiert. Für den Streit hat Müller Eckart Seith engagiert. Schon seit vier Jahren ist er in der Sache Sarasin aktiv. Der Kampf wird mit harten Bandagen ausgetragen. Bandenmäßiger Betrug, Prozessbetrug, Bruch des Bankgeheimnisses – die Vorwürfe treffen mal diesen, mal jenen Beteiligten. Jahrelang geht das schon so. Bis zu einer Lösung dürfte es noch dauern. Da lohnt ein Blick zurück.
Müller war 15 Jahre alt, als er 1947 seine Ausbildung zum Friseur begann. Mit 21 bestand er die Meisterprüfung, zehn Jahre später öffnete er in Ulm seinen eigenen Laden. „Damals verdiente ich 32 Mark in der Woche, damit ließ sich keine Familie ernähren“, erinnerte sich Müller 2009 im „Focus“. Also habe er einen Gesellen eingestellt und einen zweiten Salon aufgemacht. „Und so führte eines zum anderen.“
Zunächst führte es zum Eklat. Gegen die Standesregeln öffnete Müller seine Friseurgeschäfte auch montags. Der „Ulmer Figarostreit“ endete mit Müllers Ausschluss aus der Friseur-Innung. Fortan wurde er „Rebell von Ulm“ gerufen und war auf Expansionskurs. Müller öffnete einen Laden nach dem anderen, ließ darin nicht nur Haare schneiden, sondern verkaufte auch Parfüm und Kosmetik. Der Handel mit Drogerieartikeln begann. 1978 erreichte Müller einen Umsatz von 100 Millionen Mark. Da war er 46.
Als Müller 60 wurde, regierte er über fast 250 Filialen. Müller war steinreich und blickte bei seiner Geburtstagsparty vor 400 Gästen in die Zukunft. An seine Worte erinnerten sie sich später mit Schmunzeln. Mit 65 Jahren sei Schluss, sagte Müller im September 1992. Dann werde er die Firma nicht mehr betreten. Und wenn er doch noch ins Büro komme, könne man ihn einen Lügner nennen, einen alten Esel, der es nicht lassen könne.
25 Jahre ist das nun her. Müller kann es immer noch nicht lassen. Auch mit 84 ist er Geschäftsführer seines Unternehmens. Niemandem mag er sein Lebenswerk anvertrauen. Nicht den vielen Geschäftsführern, die Müller einstellte und wieder rauswarf, nicht seinem Sohn Reinhard, der 2006 ging.
„Müller muss nicht arbeiten, aber er will“, sagt einer, der ihn geschäftlich erlebt. Auch mit 84 wirke Müller vital, wenn auch rechthaberisch. Eine Konstante in seinem Leben. Was wurde Müller nicht schon alles vorgeworfen. Seine Weigerung, Betriebsräte in seinem Unternehmen zuzulassen. Allein die wegen einer Betriebsversammlung ausgefallene Arbeitszeit habe 46.526 Euro gekostet, schimpfte Müller 2008. Im Jahr davor soll er Mitarbeiter des Zentrallagers kurzerhand eingeschlossen haben, damit sie die von ihm angeordneten Überstunden leisteten. Anekdoten, über die man lachen kann. Es sei denn, man arbeitet für Müller.
Er selbst mag nichts anderes tun. „Arbeiten, arbeiten, arbeiten“, lautet sein Motto. Müller besitzt einen Golfplatz, spielt aber kein Golf. Sein Hobby ist Segelfliegen. Viel mehr Zeit verbringt er mit kleinsten Details in seinem Unternehmen.
Dem „Focus“ erzählte er 2009 stolz, seine Frau Anita und er hätten gerade für die Filiale auf der Stuttgarter Königstraße den Dekorateur noch einmal einbestellt, der Weihnachtsschmuck wäre „einfach zu flach. Wir machen unser Hauptgeschäft im Dezember, deshalb müssen unsere Häuser echte Weihnachtsstimmung rüberbringen. Da schaut der Chef mit.“
Wenn Erwin Müller sich einmal nicht um sein Unternehmen kümmert, dann kümmert er sich um sein Geld. „Steuerliches Gutachten im Auftrag von Herrn Erwin Müller“ steht auf der Titelseite eines Dokuments aus dem März 2010. Ein Fachanwalt aus Düsseldorf beschrieb die Vorteile eines Investmentfonds, der Cum-Ex-Geschäfte machte. Damit fällt das Stichwort, das Müllers Anwalt heute ins Landgericht Ulm treibt: Cum-Ex bedeutet Aktienhandel auf Kosten des Steuerzahlers.
Die Abläufe sind kompliziert, das Prinzip ist einfach. Durch geschickten Handel von Wertpapieren verleiten die Akteure die Finanzämter, eine nur einmal gezahlte Kapitalertragsteuer mehrfach zu erstatten. Jahrelang war Cum-Ex ein Geheimtipp von Banken. Als Großkunde durfte Müller mitmachen.
Steuergestaltung nannten Experten das. Auf den ersten Blick sei es zwar überraschend, dass eine Steuer zweimal erstattet werden könne, schrieb der Gutachter. Aber: „Die Ungewöhnlichkeit einer Gestaltung begründet allein noch keine Unangemessenheit.“
Wie gut wusste Müller über die Trickserei Bescheid? Gar nicht, sagt sein Anwalt vor Gericht. Müller habe dieses Gutachten nicht bestellt, nicht bezahlt und nicht gelesen.
50 Millionen hängen fest
In die Geschäfte investierte er trotzdem. Nachdem Sarasin die Anlage 2010 empfohlen hatte, steckte Müller 50 Millionen Euro in einen Cum-Ex- Fonds. Nach drei Monaten floss das Geld zurück, mit einer Rendite von zehn Prozent. Noch im selben Jahr setzte Müller weitere 50 Millionen ein. Wieder lief alles glatt. 2011 versuchte Müller, noch mehr Rendite aus dem Geschäft zu pressen. Er investierte 25 Millionen selbst, weitere 25 Millionen lieh er sich bei der Bank Sarasin. Dann das Fiasko. Der Fiskus weigerte sich, die Steuerspielerei zu subventionieren. Müllers Geld und das Geld, das er sich geliehen hatte, hingen fest.
Seitdem herrscht Streit. Während Sarasin angibt, die Geschäfte seien sauber gelaufen, klagt Müller, er sei falsch beraten worden – und betrogen. Sarasin habe ihm nicht gesagt, dass seine Gewinne aus der Steuerkasse kämen. Als Müller dies merkte, habe er die Sache zur Anzeige gebracht. Hätte er gewusst, dass seine Bank ihm ein „Schmarotzerprodukt“ anbot, hätte er den Berater nach einer Minute vor die Tür gesetzt, sagt sein Anwalt. „Herr Müller hält sich an Recht und Gesetz.“
Die Gewinne aus den gelungenen Cum-Ex-Geschäften behielt er trotzdem. Und auch am ersten Prozesstag in Ulm sieht es gut für ihn aus. Das Gericht hört den Ausführungen von Müllers Seite mit großem Verständnis zu. Am Ende der Verhandlung fragt die Richterin, ob sich die Streitparteien einen Vergleich vorstellen können. Müllers Anwalt schüttelt den Kopf. Allenfalls sei sein Mandant bereit, auf ein paar Zinsen zu verzichten.
Kollateralschäden bleiben. Als das Handelsblatt sich Müllers Finanzgeschäfte näher anschaute, fand sich ein Vermerk seiner Bank aus 2014: „Herr Müller hat sich entschieden, bezüglich seines nicht deklarierten Vermögens bei unserer Bank eine Selbstanzeige bei den deutschen Steuerbehörden zu machen“, stand dort. Und weiter: „Es ist wichtig zu beachten, dass Herr Müller keine vollständige Selbstanzeige machte, sondern nur eine teilweise.“
Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, ließ sie aber wieder fallen. Dann wurde die Sache mit dem Devisenhandel publik.
Erwin Müller, der vermeintlich bodenständigste aller Unternehmer, spekulierte wie George Soros. Mit millionenschweren Einsätzen wettete er gegen den Schweizer Franken – und setzte dabei auf die Türkische Lira. Das ging schief. Ab 2010 tauchen in den Geschäftsberichten der Drogeriekette „Drohverluste aus Derivaten“ auf. Anfangs lagen sie bei 115 Millionen Euro, ein Jahr später waren es 244 Millionen Euro. Im zuletzt veröffentlichten Bericht für das Geschäftsjahr 2014/2015 sind die Spekulationen dann durchgeschlagen. Wörtlich heißt es: „Im Finanzergebnis sind 304 Millionen Euro an im Geschäftsjahr realisierten Verlusten aus derivativen Finanzgeschäften enthalten.“
Warum ging Müller so ein Risiko? Müller gibt keinen Kommentar. Seine Spekulationen haben Spuren in seinem Unternehmen hinterlassen. Im aktuell einsehbaren Geschäftsbericht 2014/15 steht ein Umsatz von 3,6 Milliarden Euro einem Fehlbetrag von 265 Millionen Euro gegenüber. Die Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten lagen bei 833 Millionen Euro.
Neuere Zahlen verrät Müller nicht. Ob er ahnt, dass auch er nicht unverletzlich ist? Als der „Focus“ ihn 2009 nach Schlecker fragte, antwortete Müller: „Schlecker ist ein so großer Elefant, dem kann keiner wehtun.“
Zwei Jahre später meldete Schlecker Insolvenz an.