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DiscounterEin Blick in die Zukunft von Aldi

Aldi Nord verschärft die Aufholjagd auf die Schwester im Süden. Die neue Testfiliale wirkt wie ein Edel-Supermarkt mit breiten Gängen, einem großen Frische-Angebot – und Kaffee-Halter für den Einkaufswagen. Ein Rundgang.Florian Kolf 04.04.2017 - 16:04 Uhr Artikel anhören

Im neuen Testmarkt von Aldi Nord in Herten wurde die Frischeabteilung weiter ausgebaut. 90 Artikel umfasst jetzt das Angebot an Obst und Gemüse.

Foto: Aldi Nord

Herten. Noch liegt die Zukunft von Aldi Nord hinter Bauzäunen verborgen. Arbeiter setzen die letzten Silikondichtungen in die Fugen. An einer Tiefkühltheke fehlt noch die Beleuchtung. Und doch hat es schon ein erster Kunde irgendwie mit einem Einkaufswagen in den neuen Markt in Herten geschafft.

Freundlich komplimentiert ihn Kay Rüschoff, Marketing-Geschäftsführer von Aldi Nord, wieder nach draußen – nicht ohne ihm ein Gebäckteilchen aus der Brottheke mit auf den Weg zu geben. „Die Neugierde der Kunden ist groß“, verrät er. Am Morgen um acht Uhr hätten schon 20 Kunden vergeblich an die Glastüren geklopft.

Wie Aldi groß wurde
Wer hatte eigentlich die Idee Aldi so zu gründen, wie wir es heute kennen? Es wird wohl nie endgültig zu klären sein. Aber viele Indizien deuten darauf hin, dass es eher Karl Albrecht war als sein Bruder Theo. Das soll aber nicht schmälern, welch wichtigen Beitrag auch Letzterer beitrug.
Der Krieg war aus. 1946 im zerbombten Essen-Schonnebeck begann die Erfolgsgeschichte zwischen Lebensmittelkartons und Krämerware. Das Brüderpaar Karl und Theo Albrecht erkannte die Chance, die die Phase der sozialen Umorientierung bot. Sie bauten den Tante-Emma-Laden der Eltern aus.
Karl und Theo Albrecht erkannten rasch, dass der Laden der Eltern ihnen beiden keine Zukunftsaussicht bot. Sie entdeckten die betriebswirtschaftliche Zauberformel der Zeit „Nachfrage versus Bedarfsdeckung“ für sich und schafften es, sie im Sinne des Kunden zu lösen.
Karl und Theo Albrecht lebten  die Anforderungen der damaligen Zeit in perfekter Symbiose. Sie hatten weder äußerlich viel gemeinsam noch waren sie ähnlich gepolt. Theo überragte seinen Bruder um Kopfeslänge. Doch der „Kleinere“ war Vordenker und Impulsgeber. Ungeduldig, beredt, rastlos, bisweilen explosiv war Karl. Theo wirkte dagegen eher zurückhaltend, sogar zögerlich abwägend.
Die beiden Brüder waren in ihrer uniformen Arbeitsauffassung füreinander ein Glücksfall. Von vornherein waren die Aufgaben geteilt: Karl versah den Innen-, Theo den Außendienst. Sprich: Karl kümmerte sich um die schwierige Einkaufspolitik. Es war nicht einfach, die richtige Ware preiswert und in ausreichende Menge zu erhalten. Theo betreute die Verkaufsstellen sowie die Verwaltung und Buchhaltung.
1946 begann es mit dem kleinen Laden der Eltern. 1950 nannten die beiden Brüder eine Kette von 13 Läden inklusive Bedienungen ihr Eigen. Nun strukturierten sie ihre Läden nach dem Discountprinzip um. 1961 trennten sie ihre Geschäfte in Aldi Nord und Aldi Süd.
Zur moralischen Stabilität ihrer Konzerne trug maßgeblich die persönliche Lebensweise der Brüder bei. Beide waren im Auftreten zurückhaltend und lebten bescheiden. Sie waren nach alter Schule nach den Prinzipien Sparsamkeit und Kargheit erzogen.
Als einzigen „Luxus“ erlaubten sie sich ein eigenes Auto. Auf sein Golfschloss in Donaueschingen schickte Karl Albrecht seine Führungskräfte zum Entspannen. Die Brüder kannten keine Scheu vor ihrer kleinbürgerlichen Herkunft. Die Adresse Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck wollten sie nie abstreifen. Sie waren stets praktizierende Katholiken und wollten in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden.
Theo Albrecht hatte eine Marotte: Er wollte jede Filiale sehen, bevor die zentrale Schreinerei an die Fertigung der Regale und Einrichtungsteile ging. Dabei kümmerte den Hobbyarchitekten die Delegation von Aufgaben zur eigenverantwortlichen Erledigung nur bedingt. Es galt: In dubio pro Theo.
Es gab durchaus Spannungen zwischen Theo und Karl Albrecht. Besonders deutlich wurde das beim ersten Schritt über die Grenzen Deutschlands. 1971 expandierte Aldi nach Österreich. Karl war es, der die Familie als erster international aufstellte. Heute firmiert Aldi Süd in Österreich übrigens unter dem Namen „Hofer“.
Verschwiegenheit war stets Trumpf im Hause Albrecht. Aldi lässt sich partout nicht in die Karten schauen. Die totale Verschleierung aller Kulissen ist institutionalisiert. So wenig undichte Stellen wie möglich, lautet die Devise.
Die Brüder gaben sich Maßregeln, die zu unverrückbaren internen Prinzipien wurden: Keine Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Keine Firmensprecher. Keine Interviews im Radio oder Fernsehen. Keinerlei mondäner Lifestyle. Keine Lobbyarbeit. Keine Firmenjubiläen. Lückenlose Rückgabe von Werbegeschenken.
Die Zurückhaltung hatte einen guten Grund: Abgucker und Schmarotzer sollte keine Gelegenheit  zur Einsicht in Interna haben. Die innovative Discount-Struktur war eine zarte Pflanze und schutzbedürftig. Das neue Konzept musste sich in Ruhe verfestigen. Erfahrungen waren Gold wert.
Aldis Verwaltungsrat ist ein frei schwebendes Organ. Gesellschaftsrechtlich ist es nirgendwo in den Statuten eingebunden. Seine Mitglieder haben freiberuflichen Status, sind aber dennoch die „Macher“: Der Verwaltungsrat ist das zentrale Machtorgan des Konzerns. Aldi steht seit jeher zu seinem Führungssystem, dass sich mit dem Wort Durchgriffs-Management am besten umschreiben lässt. Der Verwaltungsrat hat den Alleinführungsanspruch.
Aldi stellte stets besondere Anforderungen an seine Mitarbeiter und richtet seine Personalsuche darauf ab. Vorstellungsgespräche sind exzessiv angelegt, manchmal über mehrere Sitzungen. Man lotet die charakterlichen und sozialen Hintergründe des Bewerbers genau aus. Personalvermittlungen kommen nicht zum Zug.
Natürlich variiert das Anforderungsprofil je nach Stelle, aber es gibt gewisse Grundvorstellungen: Der Bewerber sollte unauffällig und zurückhaltend im Auftreten sein, seine Bekleidung schlich und gediegen, seine Herkunft möglichst bodenständig, die Familienverhältnisse geordnet, Sparsamkeit wird sehr geschätzt wie auch Pflichtbewusstsein und Normalität hinsichtlich des Lebensprinzips.
Das Warenumschlagssystem von Aldi mit seinen schematisierten Abläufen erfordert erfahrene Praktiker. Es wird nicht vorrangig Kopfarbeit am Schreibtisch verlangt. Wer richtig aufsteigen wollte, hatte bei den Albrechts eine Ochsentour vor sich. Ein Akademikerstatus ist entbehrlich.
Für Aldi liegt das Geheimnis des langfristigen Erfolges im Zeitmanagement der Führungskräfte. Es gibt eine detaillierte Planungsphilosophie und strenge Normen nach dem Motto: Plan dich oder friss dich! Zudem hat Aldi ein umfangreiches Prämiengerüst. Bezirksleiter bekommen solche und vergeben wiederum welche an ihre Filialleiter. Einzig der Geschäftsführer bekommt keine Prämie.
Wer den Ansprüchen Aldis gerecht werden will, muss sie beherrschen: die Handbücher. Das gilt aber vor allem für die regionalen Geschäftsführer. Aldi Nord hat im Laufe der Jahre alles, was Firmeninterna angeht, in solchen Handbüchern fortgeschrieben. Da ist einiges Zusammengekommen – viel Lesestoff.
Aldi-Mitarbeiter lachen wenig. Zu stark lastet der Druck auf allen. Er wird von der Spitze her aufgebaut und durchgereicht. Das einzige, was lacht, ist die Liquidität.
Es ist auch für Journalisten vom Fach sehr schwierig, Details über die beiden Aldi-Konzerne herauszubekommen. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und somit nur zu bestimmten Veröffentlichungen verpflichtet. Umso wertvoller sind glaubwürdige und detaillierte Berichte, wie sie Eberhard Fedtke in seinem Buch geliefert hat. Er war viele Jahre lang Gesellschafter bei dem Konzern. Bibliografie:Eberhard FedtkeAldi Geschichten. Ein Gesellschaftler erinnert sichNWB Verlag, Herne 2011296 Seiten

Kein Wunder, gibt der Markt, der an diesem Donnerstag im Norden des Ruhrgebiets eröffnet wird, doch einen Eindruck davon, wie bald alle neuen oder renovierten Aldi-Märkte in der Nordhälfte der Republik aussehen werden: mit breiten Gängen, modernem Ladendesign und mehr Frischwaren.

Einen ersten Schritt in diese Richtung ist Aldi Nord im vergangenen Jahr mit einem Testmarkt in Gladbeck gegangen. Rund 120 Läden sind schon nach diesem Modell modernisiert worden. Nun hat der Discounter das Kundenfeedback ausgewertet und nochmal deutliche Veränderungen umgesetzt. „Wir optimieren ständig die Prozesse und fragen uns, ob es nicht noch besser geht“, so Rüschoff.

Denn für ihn sind die hellen neuen Filialen nicht nur eine Imageverbesserung, sie sind eine Umsatzmaschine. „In allen neu gestalteten Märkten legt der Umsatz zweistellig zu“, verrät der Aldi-Manager. Dadurch stieg im vergangenen Jahr der durchschnittliche Umsatz pro Filiale pro Monat von 437.000 auf 461.000 Euro. „Aldi Nord bringt sich langsam in eine führende Position bei der Modernisierung des Discounts“, beobachtet Handelsexperte Boris Planer vom Marktforschungsunternehmen Planet Retail.

Im Testmarkt haben alle Einkaufswagen einen Halter für den Kaffeebecher - damit nichts den Kunden vom Einkaufen abhält.

Foto: Aldi Nord

Bis zu 2,40 Meter breit sind die Gänge in der neuen Filiale, erleuchtet werden sie von LED-Lampen. Tiefkühlwände lösen die Truhen ab.

Foto: Florian Kolf

Und das Wachstum beschleunigt sich sogar noch. War der Umsatz von Aldi Nord im vergangenen Jahr schon um 3,61 Prozent auf 12,7 Milliarden Euro gewachsen, legte er in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar um fünf Prozent zu. Damit holt der Discounter weiter auf Schwester im Süden auf. Der Umsatz von Aldi Süd hatte 2016 bei 15,7 Milliarden Euro praktisch stagniert.

Um die Aufholjagd fortzusetzen, hat sich Aldi Nord im Testmarkt in Herten einiges überlegt. So hat das Unternehmen nicht nur im Eingangsbereich einen Kaffeeautomaten platziert, sondern auch an jedem Einkaufswagen einen Tassenhalter befestigt – damit die Hände frei bleiben zum Shoppen.

Besonders auffällig ist die verbesserte Navigation und Information des Kunden. Riesige Schriftzüge an den Wänden zeigen, wo Fleisch, Tiefkühlkost oder Tiernahrung zu finden ist, auf großen Bildschirmen werden Videos mit der Aktionsware gezeigt. Bis zu 2,40 Meter breit sind die Gänge, ausgeleuchtet mit besonders hellen LED-Leuchten.

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Ausgebaut wurde erneut die Abteilung mit frischem Obst und Gemüse, 90 verschiedene Produkte umfasst sie jetzt. „Das war ein ganz wichtiger Wunsch vieler Kunden“, sagt Reinhard Giese, Geschäftsführer der Regionalgesellschaft Herten. Rund 2500 verschiedene Artikel umfasst das Standardsortiment des Discounters jetzt, wenn man alle Varianten mitrechnet. 80 neue Artikel sind im vergangenen Jahr dazugekommen.

Eins fehlt noch in Herten: Die Kundentoilette. „Das ging aus baulichen Gründen hier noch nicht“, sagt Aldi-Manager Giese. Doch bei künftigen Neubauten soll auch dieser dringende Kundenwunsch berücksichtigt werden.

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