E-Commerce: Amazon spürt Konkurrenz durch Temu und senkt Händler-Gebühren
Düsseldorf. Mitten im wichtigen Weihnachtsgeschäft senkt Amazon die Gebühren für andere Händler auf der eigenen Verkaufsplattform Marketplace. In einem Brief an die Händler, der dem Handelsblatt vorliegt, kündigt das Unternehmen eine erste Senkung für den 15. Dezember an. Im Februar kommenden Jahres sollen die Gebühren weiter sinken.
In der Mitteilung an die Händler begründet Amazon den Schritt mit sinkenden Kosten und einer globalen Vereinheitlichung der Gebührenstruktur. Branchenkreisen zufolge hat Amazon jedoch Sorge, Händler an den Konkurrenten Temu zu verlieren, der mit extrem niedrigen Gebühren auch um deutsche Händler buhlt.
Indirekt bestätigt Dharmesh Mehta das in einem Blogpost. Mehta ist bei Amazon verantwortlich für die Betreuung der Verkaufspartner. „Wir wollen sicherstellen, dass der Verkauf im Amazon-Store weiterhin der beste Weg für diese Unternehmen ist, um zu florieren“, schreibt er als Begründung zur Gebührensenkung. Das könnte auch zu sinkenden Verkaufspreisen bei einigen Produkten führen.
„Die Gebührensenkung kommt völlig überraschend, nicht nur wegen der Höhe der Senkung, sondern auch wegen des Zeitpunkts“, sagt Marktplatzexperte Mark Steier. Für Steier, der die mit mehr als 25.000 Mitgliedern größte Facebook-Gruppe für Marktplatzhändler unterhält, ist der Schritt von Amazon eine Reaktion auf die zunehmende Konkurrenz durch neue Wettbewerber wie Temu, Shein und Tiktok Shop.
Amazon wird im E-Commerce seit Jahren immer abhängiger von den Dritthändlern auf dem Marketplace. Sie erwirtschaften nach Angaben von Amazon 60 Prozent des Umsatzes der Plattform.
Schätzungen zufolge wären sie damit für einen Umsatz von rund 270 Milliarden Dollar verantwortlich. In Deutschland dürften die Dritthändler mehr als 30 Milliarden Euro umsetzen. Amazon selbst veröffentlicht keine Zahlen zum Bruttowarenvolumen (GMV) in Deutschland.
Temu lockt deutsche Händler mit extrem niedrigen Gebühren
Amazon verdient dabei über Verkaufsprovisionen und Gebühren für Zusatzleistungen mit. So nutzt ein Großteil der Verkäufer den Logistikservice Fulfillment by Amazon (FBA). Der chinesische Konkurrent Temu expandiert gerade stärker nach Deutschland und will Dritthändler mit extrem niedrigen Gebühren zum Umstieg auf seine Plattform bewegen.
Temu zeichnet auf seiner deutschen Plattform seit Kurzem Produkte mit dem Label „Lokal“ aus, die nicht direkt aus China geliefert werden. Die Produkte liegen meist bereits in europäischen Lagern der chinesischen Händler. Zunehmend bieten aber auch europäische Händler ihre Waren bei Temu an.
Amazon kontert beim Kerngeschäft der Konkurrenz
Amazon kontert mit der Gebührensenkung jetzt bei genau den Produkten, bei denen die chinesischen Anbieter Temu und Shein stark sind. So sinken zum 15. Dezember die Vermittlungsgebühren für Bekleidung und Accessoires mit einem Verkaufspreis von unter 15 Euro von acht auf fünf Prozent. Bei Produkten zwischen 15 und 20 Euro fällt die Provision von 15 auf zehn Prozent. Zusätzlich verringert sich die Gebühr für die Amazon-Logistikdienstleistungen.
Im kommenden Februar sinken dann auch die Verkaufsprovisionen für Haushaltswaren mit einem Wert von weniger als 20 Euro von 15 auf acht Prozent. Ähnliche Senkungen gibt es bei Tierzubehör, Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln. Das eröffnet den Händlern in diesen Kategorien Spielraum für Preissenkungen in dem hart umkämpften Markt.
Denn die Händler spüren zurzeit eine im E-Commerce bisher nicht gekannte Kaufzurückhaltung der Konsumenten. Nach der Prognose des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik steigen die Sendungsmengen im November und Dezember in diesem Jahr gerade mal um ein bis zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Da in diesen Zahlen auch die massenhaft importierten China-Pakete enthalten sind, heißt das für deutsche und europäische Händler zwangsläufig einen massiven Rückgang“, sagt E-Commerce-Experte Steier.
Entsprechend pessimistisch sind die Erwartungen des Handelsverbands HDE für das Weihnachtsgeschäft. Erstmals erwartet der Verband in diesem Jahr sogar einen Rückgang der Umsätze um zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr an den gerade vergangenen Aktionstagen Black Friday und Cyber Monday.